Eines der wertvollsten Stücke der illegalen «Schweizer Sammlung» ist eine prächtige korinthische Amphore aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, auf der Szenen aus dem Leben des Theseus abgebildet sind. Der griechische Sagenheld hat einer ebenso spektakulären wie zeitraubenden Aktion der Carabinieri den Namen gegeben: Im Rahmen der «Operazione Teseo» sind in den letzten Jahren insgesamt 5361 illegal exportierte antike Kunstobjekte aus der Schweiz nach Italien zurückgebracht worden. Die Aktion ist gestern in den Thermen des Diokletian in Rom mit einer symbolischen Übergabe der Objekte abgeschlossen worden.

Neben der Theseus-Amphore, die vermutlich aus einer etruskischen Nekropolis entwendet worden war, waren im Rahmen der Operation Tausende Statuen, Vasen, Reliefs, Bronzebüsten, Schmuckgegenstände und Mosaike sichergestellt worden. «Es handelt sich sowohl quantitativ als auch qualitativ um die grösste Rückführung von antikem Kulturgut, die wir je durchführen konnten», betonte General Mariano Mossa, Chef der Abteilung Kulturgüterschutz der Carabinieri. Der immense Schatz an etruskischem und römischem Kulturgut war aufgrund eines italienischen Rechtshilfegesuchs schon im Jahr 2001 in fünf Magazinen der Basler Galerie Palladion Ancient Art sichergestellt worden.

Ausbeute illegaler Grabungen

Beim Besitzer der Galerie handelte es sich um den Sizilianer Gianfranco Becchina, der später wie seine Ehefrau und wichtigste Komplizin festgenommen werden konnte. Becchina hatte die Kunstgegenstände laut Carabinieri-General Mossa hauptsächlich mit illegalen Grabungen in den süd- und mittelitalienischen Regionen Apulien, Sizilien, Sardinien, Kalabrien und Latium zusammengerafft und nach Basel geschafft. In Basel wurden die Objekte restauriert, mit gefälschten archäologischen Expertisen und Herkunftszertifikaten versehen und an Private und Museen in der halben Welt verkauft, unter anderem an das berühmte Getty Museum in Malibu, Los Angeles.

Vergehen ist bereits verjährt

Bei der Rückgabe der Kunstobjekte handelte es sich um eine überaus aufwendige und zudem juristisch knifflige Angelegenheit: Es musste die illegale Herkunft jedes einzelnen Kunstobjekts bewiesen werden. Das Schweizer Bundesgericht behalf sich dabei mit einem Kunstgriff: Es verfügte, dass die Antiquitäten für drei Jahre «zu Beweiszwecken» den italienischen Behörden überlassen werden sollten. Die Objekte, die eine ganze Turnhalle füllen würden, konnten danach in vier grossen Sattelschleppern nach Italien geschafft werden. Die formelle Rückgabe der letzten Objekte erfolgte erst Jahre später, im März 2014, ebenfalls durch einen Entscheid des Bundesgerichts. Und weil die Beweisführung derart lange dauerte, verjährte das Strafverfahren gegen das Ehepaar Becchina: Die beiden befinden sich längst wieder auf freiem Fuss, auf inzwischen getrennten Wegen.

Neben den über 5000 Kunstgegenständen waren der Polizei in der Basler Galerie auch Dutzende von Ordnern mit Dokumenten in die Hände gefallen: Preislisten, gefälschte Expertisen, Transport- und Lieferscheine: eine wahre Goldgrube für die Ermittler. «Die Dokumente waren beinahe noch wertvoller als die antiken Kunstobjekte», betonte gestern der Römer Oberstaatsanwalt Giancarlo Capalbo. Dank ihnen habe man die Erkenntnisse über das internationale Netz des illegalen Antiquitätenhandels entscheidend verbessern können. «Wir haben es fast ausschliesslich mit hochprofessionellen Straftätern zu tun, darunter zahlreiche scheinbar unverdächtige Persönlichkeiten aus dem Kunstbetrieb», betonte der Römer Staatsanwalt. Ausserdem habe es sich gezeigt, dass in Italien auch die Mafia kräftig mitmische – wie überall, wo grosse Profite winkten.

Die Schweiz und Italien haben inzwischen ein bilaterales Abkommen über die Einfuhr und die Rückführung von Kulturgut abgeschlossen. Seit April 2008 ist es in Kraft. Den italienischen Behörden dient die Vereinbarung inzwischen als Blaupause für die Ausarbeitung analoger Abkommen mit anderen Ländern, insbesondere mit den USA, wo der Schwarzhandel mit illegal importiertem Kulturgut besonders floriert.

Die funktionierende Kooperation mit der Schweiz könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass der illegale Export von Kulturgütern aus Italien nach wie vor ein riesiges Problem darstelle, betonte gestern Mariarosaria Barbera, Chefintendantin der Kulturgüterverwaltung Roms. «Die ‹Operazione Teseo› hat zwar 1500 Jahre Geschichte in unser Land zurückgebracht, aber sie erinnert uns auch daran, dass in Italien, wo grosse Teile des antiken Kulturguts noch nicht ausgegraben sind, weiterhin ganze antike Metropolen von Grabräubern und Kunstdieben ausgeplündert werden», betonte die Römer Archäologin.