Ilija Trojanow geht es nicht gut. Eine Erkältung plagt ihn, als er in einem Berner Hotel zum Gespräch eintrifft. Tee. Doch Trojanow leidet nicht nur an Heiserkeit, er leidet an der Welt. Sein Werk ist durchdrungen vom Thema Angst – und was sie mit Menschen und Gesellschaften macht.

Herr Trojanow, Hunderttausende Flüchtlinge sind da. Hat Europa Angst?

Ilija Trojanow: Ein Kontinent hat keine Psyche. Nein, die Frage ist eher, ob diejenigen, die den herrschenden Diskurs bestimmen, Angst schüren. Diese Tendenzen gibt es.

Sie meinen Parteien wie die SVP oder die FPÖ in Österreich. Nehmen die nicht als Einzige die Ängste der Menschen ernst?

Die meisten Leute haben doch gar keine Angst vor den Flüchtlingen. Sie haben Angst vor der «Unbehaustheit», das heisst, davor keinen Platz in dieser Welt zu finden. Der absolut grösste Grund dafür ist die neoliberale, globalisierte Wirtschaft, die zunehmend mehr Leute überflüssig macht, an den Rand drängt, marginalisiert, entsorgt. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Parteien, die sie angesprochen haben, besonders darum kümmern. Die wachsende soziale Ungleichheit verändert man nicht, in dem man verhindert, dass Flüchtlinge zu uns kommen.

Reden wir über Flucht. Sie sind mit Ihren Eltern aus Bulgarien geflüchtet. Erinnern Sie sich an die Flucht?

Klar.

Woran?

Da reicht der Platz in ihrer Zeitung nicht aus. Aber es ist sehr, sehr präsent.

Sie waren mit Ihren Eltern sechs Monate in Flüchtlingslagern.

Ja, erst einen Monat in Italien, dann sind wir aus diesem total korrupten Lager nochmals geflohen, in die Nähe von Nürnberg.

Was machte das Lager mit Ihrer
Familie?

Es lähmte. Ich finde es ein Verbrechen, Menschen so lange zum Stillstand zu zwingen. Es ist in manchen Fällen humaner, sie zurückzuschicken, als sie jahrelang in einem Vakuum zu halten, in dem berufliche, soziale und sprachliche Kompetenzen allmählich absterben.

Europa war für Sie und Ihre Familie Hoffnung. Und ist es für viele heute noch. Was brachte das Versprechen EU ihrem Herkunftsland Bulgarien?

Zunächst, dass 2,5 Millionen Menschen Bulgarien verlassen haben. Das Land ist enorm geschrumpft. Die Bulgaren haben nicht darauf gewartet, dass Europa nach Bulgarien kommt, sie suchten und fanden den individuellen Weg nach Europa. Die Desillusionierung über die Folgen des EU-Beitritts ist sehr weit verbreitet, weil man dachte, es entstehen blühende Landschaften.

Hat die Ernüchterung auch damit zu tun, dass die Eliten von gestern die Eliten von heute sind, wie Sie es in Ihrem neusten Buch «Macht und Widerstand» beschreiben?

Natürlich, der EU-Beitritt hat das zementiert. Der EU-Beitritt war eine Investitionsspritze für die Eliten. Die haben die Kapazitäten und das Vermögen, grössere Projekte auf die Beine zu stellen. Sich in den komplexen Mechanismen zu orientieren, Förderanträge zu stellen, diese genehmigt zu bekommen.

Woher kommt die weitverbreitete Fremdenfeindlichkeit Osteuropas?

Ich glaube, dass in ehemals kommunistischen Gesellschaften die Xenophobie weiter verbreitet ist als in anderen Gesellschaften. Das mag daran liegen, dass es diese völlig leere Ideologie des Internationalismus gab, die aber in keiner Weise zu einer kosmopolitisch gelebten Kultur führte. Es blieb einfach eine Phrase und die Menschen hatten irgendwann die Schnauze voll davon. Wir wissen ja aus Abstimmungen in der Schweiz, Ostdeutschland oder sonst wo, dass dort die Scheu vor Ausländern am grössten ist, wo keine leben.

Aber in der Schweiz und Ostdeutschland gibt es keine Grenzzäune.

Es ist schwer für mich zu akzeptieren, dass osteuropäische Länder, denen teilweise stark geholfen wurde, nicht fähig sein wollen, im Zeichen der Solidarität 1000 Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist eine symbolische Ohrfeige. Die EU hat leider Strukturen, in denen es schwerfällt, gewisse Grundstandards einzufordern.

Sie scheinen ein eher ambivalentes Verhältnis zur EU zu haben.

Das hat doch fast jeder kritisch denkende Mensch. Man kann ja nicht sagen, dass die EU von einem Erfolg zum anderen eilt. Andererseits ist die Dämonisierung der EU als intellektuelle Position lächerlich, weil sie ja tatsächlich auch Leistungen erzielt hat. Die Ambivalenz liegt auf der Hand.

Ihr aktuelles Buch handelt von einem kalten, totalitären Regime und dem heutigen Nachfolge-System, in dem sich vieles von früher spiegelt. Und trotzdem ist das Buch voller Witz und Humor. Wieso?

Die politischen Häftlinge brauchten den Humor als Überlebenstechnik. Und sie brauchten ihn, um sich über die Macht lächerlich zu machen. Eine Macht, die sich mit Pathos inszeniert, reagiert mimosenhaft auf Witze. Menschen, die Witze erzählt haben, kamen in Bulgarien ins Gefängnis. Herrschaft und Humor sind Antipoden.

Haben Sie einen Lieblingswitz aus dieser Zeit?

In den 80er-Jahren war ein Halbleiter-Werk der ganze Stolz des sich modernisierenden Bulgariens. Als es eröffnet wurde, kam Schiwkow (Anmerkung: über 40 Jahre Staatschef Bulgariens) und sagte: «Toll, dass wir nun ein Halbleiter-Werk haben. Und ich verspreche euch, bald werden wir eine ganze Leiter produzieren.»

Es wird im Moment viel über die abendländische Identität Europas gesprochen. Was ist für Sie europäische Kultur?

Die gibt es nicht. Das sind bürokratische Vorstellungen, dass man sich irgendeine gemeinsame europäische Identität schafft. Wie soll es das geben?

Übers Christentum?

So versucht man, es oft zu definieren, wobei man ausblendet, dass noch bis vor kurzem Christen untereinander Bürgerkriege führten. Für mich ist die judeo-christliche Kultur Europas eine leere Phrase und fast schon eine Beleidigung gegenüber all den Opfern von Pogromen. Bis vor zwei Generationen brachten wir die Juden um und auf einmal sollen wir eine von uns alle geteilte judeo-christliche Tradition haben?

Aber Sie betonen in Ihren Büchern selber eine Gemeinsamkeit, die Europa gross gemacht hat: die Offenheit.

Das stimmt, wenn man europäische Geschichte verstehen will, muss man sehen, dass das Mittelmeer die längste Zeit eine Brücke war, über die Austausch und Verschmelzung stattfand. Heute ist es eine Mauer und Todesgrenze. Die ganze Problematik der Diskussion über Integration besteht ja darin, dass Integration – wenn man sie über einen grösseren Zeitraum betrachtet –, auch bedeutet, dass man sich beeinflussen lässt. Verschmelzungen aus der Vergangenheit empfinden wir irgendwann als ureigene Tradition. Manche Wiener sind erstaunt, wenn man Ihnen sagt, dass das Kaffeehaus ein Armenier aus Istanbul eingeführt hat.

Integration bedeutet im heutigen Sprachgebrauch, dass sich der Fremde eingliedert.

Ja, es heisst: Die müssen sich hier anpassen. Das widerspricht zum einen den historischen Realitäten, zum anderen ist es blind, weil es impliziert, dass die Alteingesessenen in jeder Hinsicht die bessere
Variante sind, dass sie sich nicht positiv verändern könnten.

Sie sind ein Schriftsteller, der sich politisch exponiert. Vor kurzem veröffentlichte Lukas Bärfuss in der «FAZ» ein kritisches Essay über die Schweiz. Die Reaktionen waren heftig. Überrascht Sie das?

Nein, das ist üblich. Ich habe 2009 mit Juli Zeh das Buch «Angriff auf die Freiheit» über den neuen Überwachungsstaat geschrieben. Da haben alle geschrien, wir seien paranoid und hätten keine Ahnung.

Seither ist einiges passiert.

Ja, inzwischen haben sie gemerkt, dass wir eher untertrieben haben. Nein, darunter leidet auch ein Lukas Bärfuss nicht. Es ist bedenklich, wenn der designierte NZZ-Feuilleton-Chef in seiner eigenen Zeitung erwidert. Das ist doch eher kleingeistig. Aber es zeigt, dass Bärfuss einen wunden Punkt getroffen hat, sonst würde man ihn ja ignorieren.

Wie entscheiden Sie, wann Sie sich zu politischen Themen äussern und wann nicht?

Ich bin eher praktisch veranlagt. Ich frage mich immer: Was kann daraus werden? Was folgt aus grossen Rundumschlägen, wie ihn Bärfuss geschrieben hat und wie man ihn oft zum Beispiel gegen den Islam liest? Selbst wenn ein Autor philosophisch recht haben sollte, 1,5 Milliarden Menschen denken halt anders. Entweder der Artikel ist folgenlos oder wir schlagen uns die Köpfe ein. Deshalb interessieren mich konkrete Themen.