Lenzburg – ein Buch
Schreck bei Zahnarzt und Lyrik

Lenzburg – ein Buch. Zur Feier des 5-jährigen Bestehens des Aargauer Literaturhauses fanden am Wochenende zahlreiche literarische Veranstaltungen statt, von der klassischen Lesung bis zum innovativen Literatur-Event.

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Aargauer Zeitung

Manuela Zeller

So viele Leute aufs Mal befinden sich wohl selten in der Zahnarztpraxis Dr. Lamezan / Dr. Rüeger. Zwischen Empfang und Behandlungsräumen ist dicht gestuhlt, weiter vorne im Gang steht Markus Ramseier, Schriftsteller, und erzählt von seinem neusten Roman. Dieser spielt in einer Zahnarztpraxis.

Der Protagonist, Jonas Müller, atmet wohl denselben zahnärztlichen Praxis-Duft ein wie wir während der Lesung. Wahrscheinlich liegt er auf einer ähnlich Liege wie jene bei Dr. Lamezan und Dr. Rüeger. Vermutlich sehen auch die Utensilien, mit denen dem Protagonisten auf den Zahn gefühlt werden, gleich aus wie die bei uns im Behandlungszimmer nebenan.
Der Patient Jonas Müller ist und bleibt allerdings fiktiv. Wenn er seinen Mund öffnet, tun sich Abgründe auf, die ein ganzes Buch füllen. Solche Fälle, versichert Zahnarzt Dr. Rüeger, gibt es im realen Leben selten.

Literarisches Domino

Das Junge Müllerhaus lancierte im Vorfeld des Lesefests ein experimentelles Projekt: Sechs Jungautoren schreiben gemeinsam eine Fortsetzungsgeschichte. Die Krux: Der Autor an dritter Stelle kennt nur den Teil des zweiten Autors. Der Autor an sechster Stelle hingegen kennt nur den Teil des fünften Autors. Schreiben also nach Dominoprinzip.

Am Samstag trugen die Verfasser ihre eigenen Texte im Müllerhaus vor - und hörten zum ersten Mal die ganze Geschichte. Es war für Publikum und Autoren gleichermassen ein Erlebnis, zu hören, wie die Geschichte unerwartet beginnt, unerwartet weitergesponnen wird und schliesslich überraschend endet.

Lyrik mit Augenzwinkern

Nicht nur hochstehende Literatur wurde während des Lesefests präsentiert. Die Organisatoren zeigten: Auch schlechte Texte bereiten wahre Freude. Dazu brauchts erstens einen auffallend schlechten Text, zweitens einen besonders guten Rezitator und drittens ein stimmungsvolles Plätzchen.

Das Müllerhaus holte also Hans Ulrich Glarner, Leiter Abteilung Kultur des Kantons Aargau, nach Lenzburg. Unter dem Motto «Lieblingsort - Schreckenstext», las Glarner spätnachts vor, an unterschiedlichen Plätzen im Lenzburger Städtchen. Die vorgetragenen Gedichte, schauerlich-schöne, ungewollt komische Lyrik, stammen übrigens von den Dichterinnen Friederike Kempner und Julie Schrader.

Mit den Schreckenstexten und dem Apéro ging der erste Tag des Lesefests gegen Mitternacht zu Ende. Die Organisatoren, so Andreas Neeser, Leitung Müllerhaus, sind zufrieden. Stadtammann Hans Huber freute sich besonders über die zahlreichen Besucher.

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