Er ist ein Künstler mit vielen Rollen. Schorsch Kamerun ist Mitbegründer der legendären Hamburger Punkband Goldene Zitronen. Auf das Konto von ihm und seinen Mitstreitern geht der ebenso legendäre Hamburger Musikclub «Goldener Pudel». Kamerun produziert Hörspiele, Kurzfilme und hat 2016 sein erstes Buch veröffentlicht. Seit bald 20 Jahren ist er als Theaterregisseur unterwegs. Seine Arbeiten sind regelmässig an renommierten Häusern in Hamburg, Wien oder Zürich zu sehen. Nach Gastauftritten in den Reihen «Paradise Lost» und «Klub Roter Oktober» zeigt er nun seine erste Theaterinszenierung in Basel: «Spuren der Verirrten» des deutschen Schriftstellers Peter Handke.

Herr Kamerun, wann waren Sie eigentlich das erste Mal in Basel?

Schorsch Kamerun: Ich denke, das war Mitte der Achtziger im «Hirscheneck» mit unserer Band, den Goldenen Zitronen. Wir gingen sofort nach unserer ersten Single auf Tour. Der fanatische Independentplattenchef «Fabsi», gleichzeitig Fahrer und Tourmanager, der auch bei der Vorgängerband der Toten Hosen dabei war, fuhr uns mit seinem VW-Bus durch die heutigen «3Sat-Länder».

Das war eine andere Zeit. Wie sehen Sie den Punk rückblickend?

Es gelang damals, mit Punk zu irritieren. Es war noch möglich durch laute, äussere Zeichen scharfe Unzufriedenheit auszudrücken.

War da auch Wut im Spiel?

Auf jeden Fall. Ich komme ja aus einem kleinen Kaff an der Ostsee, sehr beklemmend, autoritär und geordnet. Auch in der Familie war es eng und schwierig. Da ergab sich durch Punk die Möglichkeit, den vorgezeichneten Wegen mit Skepsis zu begegnen. Wir wuchsen in den Endausläufern des Wirtschaftswunders auf. Die Elterngeneration lebte vom Leistungsbewusstsein, konnte sich nach kargen Jahren endlich wieder etwas leisten. Das ist auch verständlich aus heutiger Sicht. Aber es war eben auch eine strikte Ellbogengesellschaft. Die Achtundsechziger haben das als erste attackiert. Wir Punks waren im Grunde ein Achtundsechziger-Update. Nur mit umgekehrter, weil vordergründig destruktiver Zeichensetzung.

Ihre Band hat es geschafft, diesen Widerstandsgeist bis heute zu bewahren. Was ist das Rezept dafür?

Wir probieren das universeller als nur in dieser einen Form. Ich empfinde die Welt immer noch als sehr ungerecht. Wir leben seit Kolumbus auf Kosten der restlichen Welt. Da bleibe ich dogmatischer Antikapitalist. Nur braucht es differenzierte Kritikansätze mit heutigem Ausdruck. Punk war nur für den Moment gültig, allein weil es eigentlich nur ein genialer Moment von spöttischer Inszenierung war, angefeuert durch die kaputte Mode von Vivienne Westwood und ihrem Freund Malcom McLaren, dem Manager der Sex Pistols.

Ihr Kultlokal in Hamburg, der «Goldene Pudel Club», ist 2016 abgebrannt. Gibt es ihn wieder?

Ja, der Club läuft wieder, und der Dachstock wird derzeit ausgebaut. Freie Räume wie der «Pudel Club» sind zu letzten Sehnsuchtsorten in durchökonomisierten Städten geworden. Das lässt sich mit dem Kampf um die Berliner Volksbühne vergleichen, auch wenn wir viel kleiner sind. Es geht um verschwindende, unordentliche Orte, an denen radikal experimentiert werden darf.

In Ihrer Biografie vereinigen sich solche Engagements mit jenen an etablierten Theaterbühnen. Auf den ersten Blick beisst sich das.

Das kann man als Widerspruch sehen. Andersherum sind ja die Themen im Theater oft angriffslustiger als in der Popkultur. Natürlich kann man sagen, diese Stadtbühnen und ihr Publikum seien bürgerlich, oder auch die Hierarchien dort. Trotzdem glaube ich, es ist sinnvoll, dass sich Gemeinschaften öffentliche Orte leisten, die allen gehören. Auch wenn das spiessig klingt: Mit dem sogenannten subventionierten Bildungsauftrag können nützliche Orte geschaffen werden für Kritik und Experimente. Sie müssen nur für alle zugänglich und frei bleiben von wirtschaftsgeleiteten Interessen.

Und was gefällt Ihnen so am Theater? Das ist ja schon eine lange Beziehung.

Tatsächlich. Ich rechne auch jeden Moment damit, dass sie wieder aufhört (lacht). Aber mich interessiert hier schon die Ernsthaftigkeit, wie mit Text und Inhalten umgegangen wird. Das ist das eine. Zum anderen sind Theater unglaubliche Zauberkästen, ähnlich der Factory von Warhol. Im Theater können wir Dinge zusammenbringen, die sonst nirgends möglich sind, ausser vielleicht in riesigen Filmstudios. Das ist ein Traum für einen wie mich, der gerne mit verschiedenen Genres und Medien experimentiert.

Lebt der Widerstandsgeist des 20-jährigen Schorsch Kamerun in diesen Räumen weiter?

Das würde ich schon so sehen. Es ist sogar so, dass meine Inhalte präziser geworden sind. Und ich bekomme auch viel zurück. In München durfte ich mich an den Kammerspielen beispielsweise ganz lange mit den Politik machenden Künstlern der Räterepublik beschäftigen. Was für ein Glück! Und auch den Peter Handke, den wir hier probieren, nehme ich als Geschenk.

Wie gehen Sie als Künstler mit dem wachsenden Populismus um?

Tja, nach wirksamen Reaktionen wird heiss gesucht. Soll man dem Populismus mit Populismus begegnen? Eigentlich war Bernie Sanders eine moderne Antwort darauf. In Europa sehe ich bisher wenige gut greifende Strategien. Ein Grund, warum das so schwer ist: Die neuen Rechten haben die Strategien der linken, performativen Gegenkulturen aufgegriffen. Hinzu kommt, dass spätestens seit den Neunzigerjahren auch der Mainstream, das Fernsehen etc., immer trashiger, schriller und voyeuristischer geworden ist. Es ist klar, dass man da wenig Lust hat, sich selbst auch noch super-krass und ober-alarmig aufzuführen. Meine Abende interessieren sich deshalb gerade für den «Punk im Theater» am allerwenigsten. Den würde ich nur albern finden. Da glaube ich heute, dass ein treffendes Gedicht lauter sein kann als ein Speed-Metal-Song.

Im Programmheft zum Stück steht der Satz: «Aktuell erleben wir eine warengestützte Hyper- und Multiindividualität, die zur vereinsamenden Dauerselbstpräsentation wird.»

Ein langer Satz. Gemeint ist damit unsere Ohnmacht in einer überkomplexen Welt, in der es immer schwieriger scheint, sich zurechtzufinden. Wir rennen in einem andauernden Repräsentationsmodus. Angefangen hat das mit der Ich-AG. Die hat dann zusätzlich Instrumente in die Hand bekommen, um sich permanent zu vermarkten. Das Resultat ist der hyperflexible Mensch als Geschäftsführer des Selbst. Mein Theater probiert in seiner Melancholie hier einen Gegenentwurf.

Und was hat das mit Handke zu tun?

Wir bearbeiten zwei Stücke, die Handke im Abstand von zwölf Jahren geschrieben hat. Im ersten gehen einfach Menschen über einen Platz. Im zweiten beginnen sie zu sprechen, sich zu engagieren. Er zeigt eine bestimmte Form der Entfremdung. Schon der Titel des ersten Stücks ist sensationell: «Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten». Das stimmt ja immer noch. Aber Handke beschreibt wohl eher die Sechzigerjahre, als jeder noch in seinem Leisten steckte. Heute sind wir anders vereinzelt. Heute haben wir es mit Digitalisierung und Globalisierung zu tun. Wir sind andere Verirrte als früher. Damals wurde eine befreiende Individualisierung angestrebt, heute leiden wir an einer Immer-Ich-Anstrengung.

Und wie setzen Sie das um?

Es war ja Andreas Beck, der mich zu Handke aufgefordert hat. Er fand, dass der Stoff zu der Form meiner Installationen passt. Auch dort treffen sich Menschen und landen trotzdem in einer Nichtbegegnung. Ich glaube allerdings, ich untersuche viel stärker als Peter Handke, beinahe krampfhaft, das Heute. Er hat selber gesagt, dass er den Elfenbeinturm braucht. Aber seine konzeptionelle Vorgehensweise im Schreiben, wie er daraus Literatur macht, das interessiert mich weiterhin sehr.

Haben Sie daraus Lieder gemacht?

Einige, ja klar.

Singen Sie diese selbst?

Ich singe und wir haben eine tolle Opernsängerin aus dem Ensemble dabei. Wir machen das alles sehr zusammen. Auch mit den spitzenmässigen Schauspielern und Schauspielerinnen, grossartigen Musikanten und Leuten aus dem Ballett. Und dann gibt es noch eine Gruppe von Studenten aus der Fachhochschule hier.

Und die bespielen die Installation, draussen und drinnen?

Ja, die Zuschauer können sich frei bewegen, werden aber auch in Ruhe gelassen. Man taucht so Woody-Allen-artig in ein begehbares, konzertantes Filmset ein.

Ein grosser Apparat. Haben Sie ab und zu Sehnsucht nach dem Tourbus?

Wir machen das ja immer noch. Diese direkte Art von Physis und Lautstärke find ich schon unverzichtbar. Nur im Theater muss man das anders erreichen.