Biologisch betrachtet ist es nicht viel mehr als ein Sprung in der Generationenfolge. Und doch ist es wohl das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann: der Tod des eigenen Kindes.

Das weiss keiner so gut wie der renommierte israelitische Autor und Friedensaktivist David Grossman. Bereits 2009 beschrieb er in seinem Roman «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» wie sich die Mutter eines Soldaten auf Wanderung in abgelegene Gebiete begibt, um der Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu entgehen. Und er weiss es noch ganz anders und viel unerbittlicher: Das mittlere seiner drei Kinder starb 2006 im Militärdienst durch eine Rakete der Hizbollah.

Wenn es für die Flucht zu spät ist

«Nachts kamen Leute / mit einer Nachricht im Mund / sie kamen von weit / schwiegen ernst. (…) Fassungslos wie Kinder begriffen sie: man kann den Tod im Mund halten / wie ein Bonbon aus Gift / wundersam dagegen gefeit. / Wir öffneten die Tür (…) und sie / auf der Schwelle / stehen da / und hauchen uns Totenodem ein.»

In David Grossmans neuem Buch «Aus der Zeit fallen» ist es für jede Flucht zu spät. Die Nachricht hat die Eltern bereits erreicht. «Meine Seele, sie wurde abgeschnitten / im eisigen Weiss zwischen Wort und Wort», lässt der Autor den schreibenden Zentauren sagen. Und wie dieses Alter Ego versucht auch Grossman nun aus dem eisigen Weiss der Wortlosigkeit auszubrechen. Mit den Mitteln der Literatur will er dem Unaussprechlichen beikommen und die Unendlichkeit des Schmerzes mit Worten eingrenzen.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Entstanden ist auf diese Art ein wunderschöner, weiser und ehrlicher Text, der zwischen den Gattungen oszilliert. Handelt es sich dabei um ein grosses Gedicht? Eine literarische Totenklage? Ein Lese-Hörspiel, wie es der hebräische Originaluntertitel «Erzählung für Stimmen» nahelegt oder doch viel mehr eine antike Tragödie? Diese Unfassbarkeit der Form spiegelt die Unfassbarkeit des Inhalts. Denn was heisst das, wenn einem das eigene Kind wegstirbt? Wenn es gleichsam «aus der Zeit fällt», die, noch bevor sie Wunden heilt, die Eltern zuerst unerbittlich forttreibt von ihm. Was tun in solch einer Situation? Wahrscheinlich muss man die Frage umkehren: Was tut es mit einem?

Ein Vater in Grossmans Buch verdrängt, eine Mutter wird wahnsinnig, einer anderen zerbricht es im Mund wortwörtlich die Sprache (was sich als fortwährendes Stottern äussert), während ein anderer sich körperliche Qualen zufügt, die wenigstens einen Bruchteil seiner seelischen aufwiegen sollen. Denn alle sind sie auf ihre Art gefangen im unendlichen Schmerz um ihr totes Kind.

Wie der namenlose Mann und die namenlose Frau, die zu Beginn des Buches einen langen Dialog halten. In ihren Worten und selbst in ihrem Blick ist die Katastrophe auch fünf Jahre nach dem Tod ihres Sohnes ständig präsent und droht die Wunden von neuem aufzureissen. Ein Blick des Mannes, die Frau zuckt zusammen. «Sein Blick umkreist sie, hält sich nicht an ihr fest, und sie – schon einmal vom Unglück getroffen – spürt sofort: Da kommt es wieder, es greift schon nach mir, seine kalten Finger auf meinen Lippen.»

Etwas Trost in der Trauer

Wie abgeschnitten von der Welt fühlen sich die beiden. Als wäre der Weg zu ihrem bisherigen Leben verbarrikadiert, ihr Umfeld völlig von ihnen losgelöst. Bis sich nach und nach herausstellt, dass sämtlichen Figuren in diesem Tragödiengedicht, vom unbeteiligten Chronisten über die Netzflickerin bis zum Zentauren, dasselbe Leid widerfahren ist. Und durch den gemeinsamen Schmerz finden die unterschiedlichen Eltern allmählich zueinander – und schliesslich sogar einen Weg, mit der Tragödie zu Leben.

Dass David Grossman für seine Tragödie vielleicht einen allzu abrupten Schluss findet, bei dem die Eltern sich in einer Art (Wahn-)Vision mit dem Schicksal versöhnen, mag man dem Autor nicht verübeln. Zu nah und unmittelbar hat man davor die Trauer seiner Figuren erfahren. Sie haben jeden erdenklichen Trost verdient.

David Grossman: «Aus der Zeit fallen». Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser 2013, 125 S., Fr. 23.90