Die Performerin Ruth Rosenfeld hängt über einer Kluft. Zerbrechlich und mit sanfter Stimme singt sie von Liebe, während im Hintergrund die Schläge wummern. Ob sie nur Opfer oder auch Täterin ist, bleibt unausgesprochen. Am vorderern Bühnenrand liegt ein Körper, zugedeckt mit einem Bettlaken. Vielleicht ist das ihr Alter Ego, das von den Schlägen ihres Ehemanns bereits zu Boden gegangen ist. Vielleicht aber auch der Mann selbst, den sie schliesslich zur Strecke gebracht hat?

Im Rahmen der Art Basel fand die Premiere des Musiktheaters «Bound to hurt» auf der kleinen Bühne des Theater Basel statt. Für diese schon traditionsreiche Zusammenarbeit zwischen Art und Theater wurde in diesem Jahr der bekannte schottische Videokünstler Douglas Gordon eingeladen, die Regie zu übernehmen und die Bühne zu designen. Das in Kooperation mit dem HAU Hebbel am Ufer in Berlin und dem Sommerfestival Kampnagel in Hamburg entstandene Stück lebt vor allem von der hervorragenden Leistung Ruth Rosenfelds.

«You hit me» (Du hast mich geschlagen) singt sie immer wieder und verkrampft ihren Körper bis in die nackten Zehenspitzen und zur Pointe: «And it felt like a kiss» (und es fühlte sich an wie ein Kuss). An dieser Stelle wird die emotionale Ambivalenz zwischen Liebe und Hass besonders deutlich, die «Bound to hurt» thematisch zugrunde liegt. Es geht um ein Gefühl von totaler, schicksalhafter Abhängigkeit, um das desaströse und hemmungslose Abreagieren von Emotionen, das besonders durch die dumpfen und brachialen Trommel-Schläge rübergebracht wird.

Mit schaurig schmerzhafter Ausdauer und Nachdrücklichkeit, haut der Schlagzeuger des deutsch-isländischen Ensembles Adapter immer wieder auf das Fell seines Instruments ein. Erschreckend authentisch und roh sind diese Schläge, die – ganz wie der Titel suggeriert – nicht aus einem Affekt heraus zu entstehen scheinen, sondern «passieren» müssen wie eine lang eingeübte, bittere Pflichterfüllung. «Bound to hurt» heisst wörtlich übersetzt so viel wie «bestimmt zu verletzen».

Szenisch sind diese Schläge die wenigen Momente eines direktes Zusammenspiels zwischen Ruth Rosenfeld und dem Ensemble, das auf der linken Bühnenseite platziert ist. Ansonsten liegt alle Aufmerksamkeit allein auf der gebürtigen US-Amerikanerin, die als einzige Figur auf der Bühne das Publikum in einer bemerkenswerten Spannung durch das Stück führt.

Spärliches Bühnendesign

Rosenfeld ist ausgebildete Sängerin und häufig in zeitgenössischen Musiktheaterproduktionen zu sehen, sie wirkt aber auch oft in Frank Castorfs Stücken an der Volksbühne in Berlin mit. Ein Glück, ist dieses sängerisch-schauspielerische Doppeltalent mit ihrer starken Präsenz hier dabei. Denn das Bühnendesign und die Regieeinfälle von Douglas Gordon, der in Glasgow und Berlin lebt, überzeugen kaum. Der für seine extremen Videoarbeiten bekannte Künstler (er dehnte Hitchcocks Filmklassiker Psycho zu einer 24-Stunden-Installation), lässt diesen Abend mit drei Bühnenelementen auskommen: eine Partylichterkette, die sich als Knäuel schicksalhaft auf und ab bewegt, eine wild verteilte Flaschensammlung und schliesslich Schattenspiele auf der rohen Bühnenrückwand, in denen Ruth Rosenfeld ihr idealisiertes Über-Ich leidend betrachtet.

Wie Rosenfeld an die emotionale Kluft geraten ist, um die es hier geht, erfahren wir nicht. Wir erleben einzig ihre Emotionen und das sehr direkt, zuweilen vielleicht auch etwas zu offensichtlich und eindimensional. Es ist besonders die Musik von Philip Venables, die dafür sorgt, dass die häusliche Gewalt, um die es hier geht, auch für die Zuschauer fast physisch spürbar wird. Nicht nur das laute Wummern auf der grossen Trommel, sondern auch die vom Band eingespielten Drones, also die tiefen und lauten Bassklänge, die aus den Lautsprechern dröhnen, sind physisch spürbar und lassen die Zuschauerstühle vibrieren. Die verfremdeten Popsongs von Madonna und Eminem sind fast nicht zu erkennen und werden von Venables als eine Art emotionaler und textlicher Steinbruch benutzt.

Am Ende baumeln wir noch einmal besonders eindrücklich mit Ruth Rosenfeld über der Kluft. Dem Cold Song von Henry Purcell ähnelnd, singt sie in kniender, vornübergebeugter Haltung mit weit aufgerissenem Mund abgehackte Staccato-Töne. Zunächst noch zurückhaltend, steigert sie sich später zu einer schmerzhaft übertriebenen, orgiastisch Ekstase, die in lähmender Erstarrung mündet bis ihr der Speichel aus dem Mund tropft. Liebe und Schmerz – hier wird dieses trügerische Paar einmal mehr überdeutlich.

«Bound to hurt» Weitere Vorstellungen: Freitag und Samstag, jeweils 21 Uhr.

www.theater-basel.ch