Kunst
Schaut her! Wir sind in den Alpen. Welch neues, welch erhabenes Gefühl

Caspar Wolf malte die Alpen schon 1770 wie für einen Werbeprospekt. Obwohl er nicht ganz freiwillig in die Berge stieg.

Sabine Altorfer
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Ein extrem breites Format und ungewöhnlich viel staunendes Personal verwendete Caspar Wolf für das «Panorama des Grindelwaldtals mit Wetterhorn, Mettenberg und Eiger».

Ein extrem breites Format und ungewöhnlich viel staunendes Personal verwendete Caspar Wolf für das «Panorama des Grindelwaldtals mit Wetterhorn, Mettenberg und Eiger».

Jörg Müller

So fremd, so neu: Was der Maler Caspar Wolf in den 1770er-Jahren seinen Zeitgenossen vorsetzte, waren Weltneuheiten. So nah, so hoch, so eindrücklich hatten die Städter, hatten die Menschen in den Ebenen Europas die Alpen vorher kaum gesehen. Ganz freiwillig startete Caspar Wolf seine Expeditionen in die raue und unerschlossene Bergwelt allerdings nicht. Er malte im Auftrag. Der geschäftstüchtige Berner Verleger Abraham Wagner wollte die beginnende Alpen-Euphorie ausnützen und plante ein aufwendiges Mappenwerk mit geografischen und geologischen Beschreibungen und Erkenntnissen. Und dafür brauchte er Bilder. Er suchte lange und fand in Caspar Wolf den idealen Mann.

Wolf stammte aus dem aargauischen Muri, hatte dort für die Benediktiner-Abtei schon das eine oder andere gemalt. Sein Rüstzeug hatte er sich zuerst in Süddeutschland und dann vor allem in Paris geholt. Im Atelier von Philippe-Jacques de Loutherbourg hatte er gelernt, wie man einen Sturm auf hoher See, einen dramatischen Blitzschlag und Schiffbrüchige auf schwankenden Planken malt. Wie man Landschaften mit einem Baum oder einer Figur im Vordergrund aufpeppt, den Bildern so Tiefe und Leben einhaucht. Diese Lehrstücke setzt das Kunstmuseum Basel an den Anfang seiner grossen Ausstellung über Caspar Wolf.

Stets malte Wolf den Maler Wolf

Aber ab in die Alpen. Die Expeditionen führten Wolf, seinen Auftraggeber Wagner und ihren wissenschaftlichen Begleiter Jakob Samuel Wyttenbach nicht nur bis in die letzten Dörfer des Berner Oberlandes, sondern hinauf in unwegsames Geländes, so hoch es ging. Nicht bis zu den Gipfeln, die waren unbesteigbar, aber in die Hochtäler, vor die damals bedrohlich grossen und gar noch wachsenden Gletscher.

Sie entdeckten neue Welten, staunten. Auch dieses Gefühl hielt Wolf fest. Es gibt kaum ein Gemälde, auf dem er sich und seine Begleiter nicht ins Bild gerückt hätte. Seht her, da sass und malte ich, sagt uns das Bild. Die Begleiter erkunden derweil das Gestein, klopfen an die Felsen, vermessen einen Gletschertisch, lehnen sich überwältigt von der Höhe ängstlich über Felskuppen, suchen mit dem Fernrohr die schroffen Bergwände ab oder winken klein und kaum mehr sichtbar vom Aletschgletscher. Der gefleckte Hund, das omnipräsente Maskottchen, erschnüffelt derweil die Alpenwelt aus seiner Perspektive.

Der Chronist und seine Freiheit

Gerne rückte Wolf auch die Alphütten ins Bild, liess einen Sennen den Alpsegen blasen oder die urchigen Älpler-Kinder barfuss mit den Ziegen über die Alpweiden hüpfen. Welch ein Gegensatz zu den vornehmen Damen und Herren in ihren schicken Stadtkleidern, deren Alpenbewunderung Wolf vor Leukerbad oder im Grindelwald-Tal in seinen Gemälden mitdokumentierte.

Caspar Wolf schleppte also Sommer für Sommer seinen schweren Malkasten in die Höhe. Die Expedition richtete sich auf einem Aussichtspunkt ein, Wolf skizzierte meist zuerst die Zacken der Berge, notierte sich die Namen der Gipfel, aussergewöhnliche Farbbeobachtungen und schraffierte die tiefen Schatten. Meist malte er gleich vor Ort noch mit Öl auf etwa A4-grossen Kartons. Oft nutzte er die Gunst eines schönen Sommernachmittags, skizzierte und malte auch gleich noch die Ansicht in die entgegengesetzte Richtung.

Das war sein Ausgangsmaterial, um dann im Winter, im Berner Atelier, grosse Gemälde anzufertigen. Aus diesen wiederum liess Verleger Wagner Kupferstiche anfertigen. Denn nur so liessen sich im 18. Jahrhundert Bilder vervielfältigen.

Wolfs Bilder gelten in der Kunstgeschichte als die malerische Eroberung der Alpen und er selber als Chronist. Aber der Chronist malte nicht alles ganz so getreulich, wie man annehmen könnte. Damit die Bilder besser, die Alpen herrlicher aussahen, erlaubte er sich, Felsen und Eismassen ein bisschen anzupassen. Sprich die Berge höher und schroffer, steiler und eindrücklicher zu gestalten. Gut zu sehen ist das beim Vergleich seiner Ölskizzen mit dem fertigen Gemälde – etwa beim Daubenhorn auf der Gemmi. Heutige Werbeprospekte könnten das nicht besser.

Die Vermessung der Alpen: Caspar Wolf zeigt auf der Ölskizze «Der grosse Steintisch auf dem Lauteraargletscher», wie seine Begleiter Geologie und Geografie wissenschaftlich untersuchten.

Die Vermessung der Alpen: Caspar Wolf zeigt auf der Ölskizze «Der grosse Steintisch auf dem Lauteraargletscher», wie seine Begleiter Geologie und Geografie wissenschaftlich untersuchten.

Jörg Müller

Die zweite Erklärung für diese Überzeichnungen ist eine künstlerische: Wolf wollte kompakte Kompositionen. Also verdichtete er, zoomte er die Felswände näher zu sich. Die zwei Wasserfälle des Geltenschusses im Lauenental etwa, rückte er näher zusammen, veränderte ihre Höhe und die Kante des Felsmassives. So erhielt er eine spannende, kraftvolle Komposition. Und Wolf schummelte oft auch bei der Perspektive. Will man heute Fotos nachstellen, so zeigt sich, dass der Maler seinen Standpunkt oft ein ganzes Stück in die Lüfte verlegt hatte, um so die Tiefe eindrücklicher zu gestalten.

Nur das Rosa will nicht passen

Gemälde, Skizzen, Ölkartons und aktuelle Fotos: Das alles hat Kurator Bodo Brinkmann im Kunstmuseum Basel klug zusammengestellt. Als Besucherin kann man Wolfs Arbeitsweise bestens erkunden. Es lohnt sich zu vergleichen, die liebevoll ins Bild gesetzten Kleinigkeiten zu suchen – und auf Wolfs Stil zu achten. Mal hat er mit feinstem Pinsel Wasserspritzer gemalt, mal mit grossen Gesten eine Felswand im Hintergrund als kraftvolle Fläche gestaltet. Also alles bestens – ausser die Wände des Museums. Ihr Rosarot ist kitschig, macht Wolf sentimental und uns nervös.

Rosa passt nicht zu Wolfs kühnem Blick auf die Berge. Zur Wolf’schen Überhöhung der Alpen und zur bis heute anhaltenden Faszination seiner Bilder gibt es noch eine psychologische Erklärung: Der Maler hinterliess uns mit seinen Gemälden nicht nur Landschaftsschilderungen, sondern auch das Gefühl für die Erhabenheit der Berge. Ganz im Sinne des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Es war nicht nur die Landschaft, die Wolfs Zeitgenossen bezauberte und sie in die Höhe lockte. Johann Wolfgang von Goethe schwärmte von seiner Schweizerreise, ebenfalls in den 1770er-Jahren, von der Bergwelt als Arkadien. Und der Berner Albrecht von Haller hatte in seinem Gedicht «Die Alpen» 1729 die Bergbewohner als bessere, freiere, ja gar als die reinen Urtypen der Menschen dargestellt. Wer hätte da nicht Sehnsucht verspürt, aus der Dekadenz der Zivilisation hinauf an in die Frische, hinauf ins Gute zu steigen?

Caspar Wolf und die ästhetische Eroberung der Natur Kunstmuseum Basel, bis 1. Februar 2015.

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