Klassik
Scala: «Geh nach Hause!» – Pubilkumsproteste nach «La Traviata»

Die Mailänder Scala beschliesst das Verdi-Jahr 2013 mit «La Traviata» – gefolgt von heftigen Publikumsprotesten. «Schande!» oder «Geh nach Hause!» waren noch die netteren Beschimpfungen aus der Galerie.

Christian Berzins
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Die Mailänder Scala - eine Oper und sieben Tragödien
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Die Mailänder Scala - eine Oper und sieben Tragödien

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Ein einziger Opernabend und so viele kleine und grosse Tragödien? Zu erleben ist das nur am 7. Dezember in Mailand zur Saisoneröffnung am Tage des Stadtheiligen Sant’Ambrogio. Einige mochten am Samstag darüber lächeln, gar spotten. Für viele andere war der Abend zum Heulen.

Die erste Tragödie begann in der Nacht davor. Am Freitag noch prachtvoll duftende Kamelien mussten die Hoffnung begraben, ihr zweites Leben als Schmuck der Königsloge der Scala verbringen zu dürfen – vielleicht gar von präsidialer Hand gestreichelt zu werden. Sie waren erfroren. Ein schlechtes Omen für «Die Kameliendame», Giuseppe Verdis «La Traviata»?

Ursprung der Tragödie: 6. Mai 1956

Keine geringe Schuld an diesem trüben Opernabend zum Finale des Verdi-Jahres 2013 trug allerdings eine Aufführung, die 47 Jahre früher über die Bühne ging. Damals, am 6. Mai 1956, sang Maria Callas die «Traviata» zum letzten Mal an der Scala.

Danach verschwand das geliebte Werk für acht Jahre von seiner Heimatbühne, bis Herbert von Karajan die junge Mirella Freni überredete, das Erbe der Callas anzutreten.

Sie erhielt für ihren jugendlichen Übermut die Quittung, der Buhsturm der «Vedovi della Callas», der Callas-Witwer, fegte am 17. Dezember 1964 orkanartig durch das schönste Opernhaus der Welt. Es mussten erneut 26 Jahre (!) vergehen, bis Riccardo Muti am 21. April 1990 den Mut aufbrachte, «La Traviata» erneut anzusetzen.

Er engagierte drei unbekannte Sänger, eine berühmte (Film-)Regisseurin, probte ewig lang und sorgte dafür, dass die Stehplätze nicht in den normalen Verkauf kamen. Der Erfolg war gross.

«Die Taliban sind überall»

Nochmals 23 Jahre mussten vergehen, bis es ein Scala-Direktor wagte, das unter den italienischen Stimmfetischisten geradezu religiös verehrte Werk am zündstoffreichsten Abend der Saison anzusetzen, zur Spielzeiteröffnung, wo schon Luciano Pavarotti vom Stehplatz ausgebuht worden war... Den Tenor sollte es auch heuer treffen. Nicht nur ihn.

Kaum waren Samstagnacht die letzten Buhs gegen Regie und Dirigat verhallt, kommentierte der ob des Abendgewinns von fast zweieinhalb Millionen Euro strahlende Intendant Stephane Lissner die Publikumsproteste gelassen: «Die Taliban sind überall.»

Der Mailänder Dirigent Daniele Gatti, Ex-Chefdirigent am Opernhaus Zürich, hatte sich vor lauter Angst nicht getraut, nach der Pause normal in den Orchestergraben zu schreiten und die Reaktionen des Publikums zu empfangen, sondern hatte sich unbemerkt in den Graben geschlichen und mit einem Coup du Theatre zu dirigieren begonnen. Glück für ihn, dass der Abend, der nach der ersten Halbzeit zum Scheitern verurteilt schien, dank einer Deutschen eine wundersame Wendung nahm.

Eine Deutsche rettet die Scala

Hauptdarstellerin Diana Damrau sang nicht nur gegen die Callas-Witwer an, sondern auch gegen die Auflagen der Regie von Dmitri Tcherniakov, der sie als affektierte Verdrängerin ihrer wahren Gefühle zeigen wollte: Dauernd musste sie agieren, nie konnte sie einen Gedanken, eine Melodie ohne Bewegung zu Ende führen.

Und so wirkte denn auch ihr Gesang. Da sass zwar alles – die Koloraturen, die Spitzentöne –, aber er war entseelt, was wohl durchaus dem Willen der Regie entsprach. Aber wenn die schönen Liebesworte beiläufig erscheinen, stimmt zu viel nicht. Der matte Applaus nach der ersten Arie wurde von den Galeriebesuchern locker niedergezischt. Eine Tragödie. Eine Höchststrafe.

Als die nicht gerade graziös agierende Sopranistin im 3. Akt auch noch als aufgedonnerte Diva hätte durchgehen müssen, schien die Guillotine endgültig zu fallen. Doch im letzten Akt, als sie einer biblischen Büsserin gleich alle äusseren Reize abgelegt hat, ihr nur noch die Pillen und der Alkohol geblieben waren, durfte Damrau endlich ganz aus sich heraus agieren und rettete mit ihrer furios gesungenen zweiten Arie sich und der Scala den Kopf.

Davon konnte der noch vor drei Jahren so überlegen lyrisch agierende, in New York und Salzburg bejubelte Tenor Piotr Beczala nur träumen. Dauerforte und Dauerdruck passen nicht zu Alfredo. Zeljko Lucic verströmte als Germont viel Balsam – aber auch nicht mehr.

Alles halb so schlimm, wäre im Graben ein Dirigent gestanden, der ein zweites Drama entfacht und der die Sänger in eine Richtung gelenkt hätte. Diese Scala-Zeiten sind seit dem Abgang Riccardo Mutis vorbei.

Das Scalaorchester spielte unter der Leitung von Daniele Gatti zwar gut, aber da gab es anstelle eines Feuers bloss partielle Aufregung, anstatt der langen Verdi-Bögen nur Mikrozaubereien.

Schön, dass Gatti jegliche Vulgarität fernliegt, aber im Gegenzug müsste er Schönheit, gepaart mit Dramatik, bieten. Sein Dirigat wurde denn auch kontrovers diskutiert.

«Schande» oder «Geh nach Hause!» waren die netteren Beschimpfungen, die dagegen Regisseur Tcherniakov von der Galerie zu hören bekam – vergessen seine grossartigen Arbeiten in Zürich («Jenufa») oder Berlin. Zu Verdi fiel ihm tatsächlich sehr wenig ein. Bergmanesk hätte der Abend werden wollen – und war bloss eine kommune «Traviata» mit zwei hübschen und acht dummen Ideen.

Leerer Parkettplatz für 2000 Euro

Für eine letzte Tragödie des Abends sorgte Showsternchen und Bestsellerautorin Marina Ripa di Meana. Sie hatte sich für die Premiere Schuhe mit mirakulösen Absätzen ausgesucht, kam ihretwegen zu spät im Theater an, wurde von den Platzanweisern nicht mehr eingelassen – und ging, obwohl extra aus Rom angereist, Zeter und Mordio schreiend direkt ins Restaurant. Parkettplatz für 2000 Euro hin oder her. Dabei waren ihr dank einer anderen Tragödie sogar zehn Minuten Eintrittsverlängerung vergönnt gewesen.

Daniele Gatti teilte dem Publikum zu Beginn des Abends mit, dass man den Abend dem verstorbenen Nelson Mandela widme. Spontan erhob man sich, applaudierte, schwieg gemeinsam eine Minute – und wurde schliesslich abrupt aus den Gedanken gerissen: Ein Trommelwirbel läutete die zu Ehren von Staatspräsident Giorgio Napolitano gespielte Nationalhymne ein, die jubelnd beklatscht wurde. Die Tragödie wendete sich beinahe zur Komödie, wäre da nicht der «Viva Verdi!»-Ruf aus der Galerie als Mahnung an die Künstler erschallt. Vergeblich.

Die Scala hat leider einmal mehr gezeigt, dass sie ein Theater wie viele andere auf der Welt geworden ist. Alexander Pereira will ab 2015 dafür sorgen, dass das Haus in der Opernwelt wieder einzigartig wird. Sicher ist, dass er als Stimmfetischist die Callas-Witwer besser als sein Vorgänger versteht. Und anstelle seines Freundes Daniele Gatti hat er Riccardo Chailly zum Chefdirigenten erhoben.

La Traviata 7-mal bis 3. Januar 2014.

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