Unter der warmen Herbstsonne im Park vor Renzo Pianos elegantem Museumsbau der Fondation Beyeler in Riehen probt Sasha Waltz mit ihren «Guests», den sieben Tänzerinnen, eine Sequenz aus «Rebonds B». Spontan hat sie sich entschieden, die Fondation nicht nur innen, sondern auch aussen zu bespielen. Die heute bedeutendste deutsche Choreografin inszeniert immer wieder für Museums- und andere Räume. Sie wurde von der Fondation Beyeler zu einem Dialog mit der Edgar-Degas-Ausstellung eingeladen und brachte «Rebonds B», einen Teil aus ihrem Stück «continu» von 2010 mit. Für Basel ist es eine Sensation, Sasha Waltz hier zu haben, ihre packenden Tanzerfindungen zu sehen, die Poesie mit starker Ausdruckskraft verbinden. Nach den Proben im Park gibt sie exklusiv der «Nordwestschweiz» ein Interview.

Sie haben mit Ihren Tanzprojekten verschiedene Museen bespielt – oft die noch leeren Räume vor der Eröffnung. In der Fondation Beyeler tun Sie es in einem mit Kunstwerken eingerichteten Raum. Gehen Sie damit anders um?

Sasha Waltz: Der Raum, den wir für den Hauptteil der Aufführung ausgesucht haben, gehört nicht zur Edgar-Degas-Ausstellung. Darin hängen zwei Spätwerke von Henri Matisse. Ansonsten ist er fast leer. Die Pflanzen von Matisse passen gut zu den Tänzerinnen, die «Rebonds B» hier aufführen. Natürlich verändern die beiden Kunstwerke unsere Wahrnehmung des Stückes selbst. Aber das ist gerade das Spannende. Ich wollte unbedingt auch mit der Degas-Ausstellung in einen Dialog treten. Deshalb zeige ich dort die Szene «Geburtstag» aus dem Stück «gefaltet». Dazu gehörte Klaviermusik von Mark Andre. Wir haben aber kein Klavier, ein Metronom begleitet den Tanz. Ich passe meine Stücke immer wieder an. «Geburtstag» ist ein langsames, zartes Solo. Gestik und Bewegung der Tänzerin funktionieren sehr schön zu den bewegten Körpern in Degas’ Werk.

Was interessiert Sie an Edgar Degas, an seinen Bildern von Balletttänzerinnen? Jenes Ballett ist sehr weit weg vom modernen Tanz.

Den Hauptteil tanzen wir ja nicht in der Ausstellung. Mit «Rebonds B», diesem wilden, archaischen Stück zur ebenso archaischen Schlagzeugmusik von Iannis Xenakis setzen wir eher einen Gegenpol zu Degas. Und doch ist es ein spannender Dialog. In Degas’ Bildern geht es nicht primär um Schönheit, sondern um Bewegung. Die Serie zum Beispiel, in der die Frau aus der Badewanne steigt, ist eine eindrückliche Bewegungsstudie. Degas’ Tänzerinnen sind nicht auf der Bühne. Er zeigt sie vor oder nach dem Auftritt, teils in der Ermüdung. Da ist auch eine Gebrochenheit, ein Stück Moderne.

Sie sind mit einem bestehenden Stück in die Fondation gekommen. Können Sie in so kurzer Zeit auf die Räume hier reagieren?

Ich passe meine Choreografien den räumlichen Verhältnissen an, die hier ganz anders sind. Ich habe keine Bühne, das Publikum ist sehr nahe. Spontan entschied ich mich, zusätzlich «Geburtstag» aufzuführen und den Park zu bespielen. Der Tanz in der Natur, allein zu den Geräuschen des Gartens, der Strasse, hat einen anderen Gehalt. Mich interessieren solche Transformationen, die unterschiedliche Räume erfordern.

Sie gelten heute als wichtigste Choreografin des Tanztheaters. Ist diese Auszeichnung, die Sie nach dem Tod von Pina Bausch zugesprochen erhalten haben, eine lastende Verantwortung oder mehr eine Ehre?

Dies zu sagen, entspricht Ihrer Perspektive. Ich selbst gehe einfach meinen eigenen künstlerischen Weg. Aus meiner Sicht gibt es vorerst niemanden nach Pina Bausch. Sie hat die Sprache nicht nur des Tanzes, sondern des Theaters überhaupt, auch des Films, erneuert und ist darin unerreicht. Ich weiss auch nicht, ob Tanztheater der richtige Begriff für meine Arbeit ist. Zwar bin ich durch meine frühe Schulung vom expressionistischen und modernen Tanz beeinflusst. Danach konzentrierte ich mich auf den amerikanischen postmodernen Tanz. Die beiden Stile bringe ich in meiner Arbeit zu einer neuen Mischung zusammen.

Deutschland hat heute eine enorm starke, stilprägende Tanztheaterszene. Woher kommt die führende Rolle im modernen Tanz?

Es gibt in Deutschland verschiedene Zentren für Tanz, es gibt Ausbildungsstätten, allgemein gibt es viel Aktivität. Wir haben eine starke Tradition des expressionistischen Tanzes, die wohl auch mich prägt. Und Berlin ist eine für Künstler sehr spannende Stadt mit guten Lebensbedingungen. So kommen Tänzerinnen und Tänzer aus vielen Ländern nach Deutschland. Doch der Tanz ist international. Jede meiner sieben Tänzerinnen hat eine andere Nationalität.

Sie inszenieren in jüngerer Zeit oft Oper, verbinden Musiktheater und Tanz zum Gesamtkunstwerk. Joachim Schloemer war einer der ersten Choreografen, der Oper und Tanz zusammenbrachte. Sind Sie davon auch inspiriert worden. Oder war es Ihr ganz eigener Weg?

Das Interesse an der Oper ging von mir selbst aus. Ich will die Hierarchien in der Oper aufbrechen, und die Tänzer mit den Sängerinnen und Sängern, mit dem Chor und den Musikern zu einer Einheit verschmelzen. Auf der Bühne soll ein Gesamtkörper entstehen. Ich denke und erzähle vom Körper her. Der Tanz ist als eigene Kunstform präsent. Was nicht sein darf, ist, dass der Tanz wieder als Dekoration Eingang in die Oper findet. Tänzer dürfen nicht wieder zu Pausenclowns werden.

Liegt die Zukunft des Theaters in spartenübergreifenden Projekten?

Produktionen, die mich wirklich bewegen, sind Gesamtkunstwerke, benutzen alle Mittel des Ausdrucks. Der italienische Regisseur Romeo Castellucci, der von der bildenden Kunst kommt, benutzt ebenso alle Möglichkeiten der darstellenden Kunst. Zugleich wird es weiterhin jede Form darstellender Künste für sich geben.

Sie sind neben all Ihrer künstlerischen Arbeit auch pädagogisch tätig. Was ist hier Ihre Intention?

Ich begann damit, als mein Sohn in die Schule ging. Ich bot für die Kinderbetreuung einen Tanzkurs an. Inzwischen habe ich eine Kinder-Compagnie gegründet. Im Mai machte ich ein grosses Education-Projekt mit Simon Rattle, dem Chef der Berliner Philharmoniker. Ich will weitergeben, was ich gelernt habe. Dabei will ich keine Tänzer heranzüchten. Es geht darum, dass die Kinder ein Bewusstsein zu ihrem Körper entwickeln. Selbst Schüler mit motorischen Störungen entdecken eine Lust an der Bewegung. Zudem entsteht ein Gefühl der Gemeinschaft. So kann ich als Künstlerin der Gesellschaft etwas zurückgeben. Es macht mich auch glücklich, die Freude der Kinder an ihren Erfolgen zu sehen. Ich begegne ihnen auf Augenhöhe, wirlernenvoneinander.


Sasha Waltz & Guests Fondation Beyeler, Riehen. Heute um 15 und 17 Uhr.