Ab dem Siebenschleiertanz ging der Blick der 20-Jährigen in Reihe 5 immer wieder wortlos fragend zur Mutter: «Darf man das!?», und alsbald steigerte sich der verstörte Ausdruck in ein: «Gehts denen noch?!»

Skandal in Bern? Nicht doch. Es wurde nichts mehr und nichts weniger Richard Strauss’ 1905 komponierte «Salome» gespielt, die fast wortgetreu Oscar Wildes 1891 geschriebenem Drama folgt. Erstaunlich oder erfreulich: Was damals schockierte, bewegt die Gemüter auch noch heute zutiefst.

Da giert König Herodes nach seiner Stieftochter Salome – diese aber verspottet ihn, will viel lieber den gefangenen, Weisheiten verkündenden Propheten küssen. Dieser Jochanaan weist sie allerdings ab. Doch die Prinzessin weiss Rat. Für einen Tanz will ihr der König jeden Wunsch erfüllen. Sie tanzt, wirft alle sieben Schleier ab und fordert dann den Kopf von Johannes dem Täufer in einer Silberschüssel. Endlich darf sie dessen Lippen küssen. Sie schmecken bitter . . .

Regisseur Ludger Engels erzählt diese alttestamentarische Geschichte ohne viel Aufhebens. Er versetzt die Handlung zwar in die Gegenwart, was die Sätze des (christlichen) Propheten (wohl unfreiwillig) nahe an die Schlagworte der IS-Fanatiker rücken lässt. Die Juden und Nazarener sind jetzt hippe Partygäste. Wenn sich dann ein bewaffneter Sicherheitsbeamter im Anzug zu Jochanaans Reden auf die Knie wirft, wirkt das besonders stark.

Bald klischeelüstern, bald sinnlich

Und so lässt der Regisseur Salome denn auch ganz klassisch tanzen – erst etwas klischeelüstern, dann mithilfe eines riesigen Vorhangs verspielter: Herodes, die Juden, die Nazarener und die Sicherheitsbeamten werden darunter so aufgegeilt, dass sie – der Quoten-Regieschocker – in ein wildes gleichgeschlechtliches Rudelbumsen geraten.

Engels schafft es dennoch, jeder Figur einen Charakter zu geben, sie miteinander in Beziehungen treten zu lassen und erzählt die unheimliche Geschichte schnörkelfrei.

Ohne die überragend singende Allison Oakes als Salome wäre das Ganze allerdings nicht mehr als ein guter Abend: Dank der bayreutherprobten Britin wird die Berner Salome ein kleines Ereignis. Ihr packend dramatischer Sopran kennt keine Hürden, übersingt auch schauspielerische Unsicherheiten. Da dank Aris Argiris ein fast ebenbürtig singender Jochanaan auf der Bühne steht, reisst die Grundspannung über 100 Minuten nie ab. Unheimlich, welche (Hormon-)Ströme zwischen dem Propheten und Salome plötzlich zu fliessen beginnen.

Erstaunlich auch Dirigent Kevin John Edusei: Er führt das Berner Symphonieorchester so aktiv, so zupackend und bisweilen so sinnlich und so sängerfreundlich, dass man meinen könnte, diese Musiker spielten «Salome» alle paar Wochen.

Kracht der letzte Takt aus dem Orchestergraben, ist das Publikum ob des Gesehenen noch wie erstarrt. Langsam erhebt sich der Applaus, erst als sich Allison Oakes sich das zweite Mal vor dem Vorhang zeigt, gibts den berechtigten Jubelsturm. Ein grossartiges Zeichen: ein moderner Opernabend, der ungemein nahe geht und nahe am Libretto bleibt.

Salome: Stadttheater Bern, 7 Mal bis 15. März.