Eröffnung

Saisonauftakt des Theater Basel löst Versprechen ein - und verspricht mehr

Schlafgänger: Regisseurin Julia Hölscher wagte sich an den schwer zu gestaltenden Stoff.

Schlafgänger: Regisseurin Julia Hölscher wagte sich an den schwer zu gestaltenden Stoff.

Hervorragende Schauspieler, präzise Inszenierungen, gute Stimmung – der Start des Theater Basel in die neue Saison ist geglückt.

Don’t fire all your guns at once. Wie gut, dass sich das Theater Basel zum Start in die neue Saison und Ära nicht an diesen Rat hält. Das neue Team unter dem neuen Intendanten Andreas Beck gibt zur Eröffnung alles her – und fordert viel.

Eine russische Chor-Oper mit 100 Sängern am Donnerstag («Chowanschtschina»); ein – drei Pausen eingerechnet - sechsstündiger Theatermarathon rund um Liebe, Sex, Krankheit, Religion und Politik («Engel in Amerika») am Freitag; sowie die erste Bearbeitung des assoziativen Romans «Schlafgänger» am Samstag.

Was wir bisher gesehen haben, hat einige Versprechen eingelöst – und verspricht mehr. Allem voran: Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind hervorragend, viele sind Weltklasse.

Ein Hetero, der Männer liebt

Roland Koch verzeiht man die noch häufigen Hilfestellungen der Souffleuse leicht – offenbar wars etwas viel mit den Engagements beim «Tatort» und am Burgtheater. In «Engel in Amerika» ist er der Teufel: Roy M. Cohn, ein machttrunkener, arroganter, republikanischer Anwalt; durch und durch böse – und das erst noch mit Genuss. Wie Aids seinen Körper zum Zerfallen bringt, nicht aber seinen Sarkasmus, wie er, geschüttelt von Bauchkrämpfen, seiner Bosheit treu bleibt – das hat so viel Charakter, dass er damit sogar berührt.

Diesem schwulen Schwulenhasser hat Stückautor Tony Kushner einige der besten Sätze zugeschrieben: Er könne gar nicht homosexuell sein, sagt Cohn seinem Arzt, denn «Homosexuelle sind Männer, die niemanden kennen und die niemand kennt.» Er dagegen könne zum Telefon greifen und in wenigen Minuten nicht nur den Präsidenten, sondern, besser, dessen Frau am Draht haben. Er sei folglich «ein heterosexueller Mann, der es mit Männern treibt».

In diesem von Aids, Rassenhass, Klassenkluft und Reagan geplagten Amerika der 80er-Jahre erscheinen den Menschen Überirdische. Die überwältigendste, ein Engel mit neun Vaginas, erwählt den aidskranken Louis Prior zum Propheten. Nicola Mastroberardino gibt ihn erst tapfer, dann schwach, bald gereift und stark. Sein quirliger Freund Louis (Florian Jahr) hat ihn verlassen und sucht Trost beim republikanischen Mormonen Joseph (gross: Michael Wächter). Dieser wiederum muss sich nach vielen Ehejahren mit seiner Frau Harper (hysterisch, verzweifelt, zart: Pia Händler) endlich seine Homosexualität eingestehen.

Der schon als Starregisseur gehandelte 31-jährige Simon Stone inszeniert das auf schwülstige Überladenheit angelegte Drama ruhig und präzis. Die rasche Abfolge von Szenen, die stete Interaktion – manchmal parallel – zwischen interessanten Charakteren, machen den langen Abend kurzweilig. An Schminktischen wechseln im Hintergrund einige der Schauspieler laufend Kleidung und Rolle. Im zweiten Teil rücken die Figuren zum Bühnenrand; werden grösser, kommen uns näher.

Man kann jetzt fragen: Wo bleibt der Anspruch des neuen Teams, Texte auf Heutigkeit zu trimmen, wenn doch heute Aids kein tatsächliches und Homosexualität kein soziales Todesurteil mehr ist? Abgesehen davon, dass Krankheit und Liebe universale Themen sind, rückt der politische Rechtsrutsch fast ganz Europa wieder in die Nähe dieser Vergangenheit. Es geht um Angst und Sicherheitsversprechen, um Rassismus und Egoismus.

Alpenpanorama aus Kissen

«Schlafgänger» dagegen basiert auf dem erst 2014 erschienenen Buch der Schweizer Autorin Dorothee Elmiger und dreht sich um ein aktuelles Hauptthema: Menschen auf der Flucht. Der Roman ist ein mäandrierender Bewusstseinsstrom, gesprochen von sieben Figuren. Die Regisseurin Julia Hölscher und die Schauspieler schaffen es, dem handlungslosen, gleichförmigen Textgebilde zarte Bilder und sogar Humor abzugewinnen – was die ernste Vorlage nicht vermuten liess. Die nackte Glühbirne, die schwingt, die Musik, die kommt und geht, lassen Einflüsse des Kollegen Thom Luz vermuten.

Die Protagonisten irren mal auf den harten Brettern eines Eisengestells, mal lassen sie sich ins braun-grüne Mittelland aus weichem Bettzeug fallen. Dahinter erscheinen weisse Laken drapiert zu Schweizer Alpen (geniales Bühnenbild von Paul Zoller). Im Kuddelmuddel dieses Binnenlandes macht sich die Figur des Journalisten Gedanken über flüchtige Existenzen, die alles tun, um Grenzen zu überwinden. Die Fingerkuppen schmirgeln sie sich ab, die Identität, die nicht hierher gehören darf. Er habe es für seine Recherche nicht geschafft, sich auch nur einen einzigen Finger abzuschleifen, sagt der Journalist. Wie viel Verzweiflung es dafür braucht, muss nicht ausgesprochen werden.

Eine schön gemachte, sympathische Arbeit. Der Applaus im Zuschauersaal der Kleinen Bühne hallt derart laut von den Wänden, dass die Ohren schmerzen. Auch nach «Engel in Amerika» klatschten und jubelten die Zuschauer. Viele tanzten mit dem Ensemble bis in die frühen Morgenstunden. Die gute Aufbruchsstimmung ist ansteckend. Nächste Woche folgen zwei weitere Premieren. Fire all your guns at once.

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