"Schreiben ist der Fluss." (Aus: NZZ-Artikel vom 4. September 2001)

Unter einem Bild vom Schweizer Künstler Rhytm setze ich mich im Restaurant Bubbles in Zürich an einen Zweiertisch. Das Bild heisst "Vater und Sohn". Die Titelgebenden Figuren kehren mir den Rücken zu. Sobald mir das auffällt, wende ich mich auch leicht ab. Unbewusst. Aber definitiv zum Trotz. Für einen einzigen langen Augenblick starre ich durch die Glasscheiben der Bar auf die Strasse wie es Vater und Sohn auch tun... Bis ich Frau Schweikert mit ihrem Trottinet vorfahren sehe…

Frau Schweikert, Sie sind in Aarau aufgewachsen. Im Aargau. Was assoziieren Sie mit diesem Kanton?

Frau Schweikert: Allerhand. Zum einen sicher die wortbildende Lautmalerei seiner Dialekte, die sich schon in diesem Doppel-A seines Namens manifestiert. Zum anderen sicher auch die grosse Diversität an Orten und Regionen… Aber den Aargau zeichnen auch seine Täler und seine Flüsse aus und seine entlang dem Rhein verlaufende Grenze zu Deutschland. Und darüber hinaus natürlich nicht zuletzt auch seine üppige Schriftstellerlandschaft mit Koryphäen wie Hermann Burger (Kirchberger Idyllen) oder Paul Haller ("Schwarz gropet d'Nacht dr Aare no…").

Und Aarau?

Aarau habe ich immer als relativ kleingeistig empfunden. Obwohl ich denke, dass man wunderbar in Aarau leben kann, wenn man nicht dort aufgewachsen ist. Aarau hat eine gewisse Kleinräumigkeit und Übersichtlichkeit – die Vorteile einer Kleinstadt eben.

Aber ich hatte während meiner Kindheit und Jugendzeit immer das Gefühl, nicht ganz dazu zu gehören, anders zu sein. Damals herrschten in der Schule noch ziemlich rigide Vorstellungen darüber, wie ein richtiges Schweizerkind zu sein hatte. Und ich stammte zwar nicht aus Italien oder Spanien wie zum Beispiel einige meiner Schulkameradinnen und -kameraden, deren Eltern Gastarbeitende waren, aber meine Mutter kam aus Süddeutschland und das genügte bereits.

Haben Sie damals noch kein Schweizerdeutsch gesprochen?

Doch, schon. Ich selber bin ja nur in Lörrach geboren. Als ich vier Jahre alt wurde, zogen wir bereits nach Aarau. Aber ich habe eben auch kein "reines Schweizerdeutsch" gesprochen, weshalb meine Ausdrucksweise gleichwohl als fremd wahrgenommen wurde.

Fühlen Sie sich heute (dennoch) wohl in Ihrem Dialekt?

Ja, grundsätzlich schon. Wobei ich mir gewisse Ausdrücke auch abgewöhnt habe… Heute sage ich zum Beispiel "Hämd" statt "Hömli".

Bis jetzt haben Sie noch kein Werk bzw. keinen Text in Mundart veröffentlicht. Könnte sich das noch ändern?

Eher nicht. Beim Schreiben bin ich schon ziemlich auf das Schriftdeutsche fixiert. Wahrscheinlich weil mir Form und Rhythmus so extrem wichtig sind. Und vielleicht auch, weil mir das Arbeiten auf Schriftdeutsch eine gewisse Distanz zum Alltag ermöglicht. Ich brauche eine Art Abstrahierung, die ich in der Künstlichkeit der Kunstsprache "Schriftdeutsch" finde. Dazu kommt, dass ich mich mit der hochdeutschen Sprache an eine viel grössere mögliche Leserschaft heranschreibe.

War diese Kleingeistigkeit, die Sie vorhin beschrieben haben, denn allenfalls mit verantwortlich dafür, dass Sie sich dem Schreiben zugewandt haben? Dass Sie also in der Kunst ein Ventil für diese Enge suchten?

Der Impuls sich künstlerisch zu betätigen hat wohl tatsächlich oft damit zu tun, dass man sich an etwas reibt und nach einer Form zu suchen beginnt, mittels der sich diese Reibung auf eine andere Ebene transformieren lässt.

Aber das ist natürlich nicht der alleinige Grund, aufgrund dessen ich zu schreiben begonnen habe.

Aber auch mit ein Grund für Ihr politisches Engagement?

Bestimmt. Aber wie Sie es ja selber andeuten – sicher nicht der einzige.

Mich hat diesbezüglich, um vielleicht einen weiteren Grund zu nennen, gerade auch die Lebensgeschichte meines Mannes stark geprägt:

Erics Vater, ein jüdischer Emigrant aus Wien, reiste Ende 1942 sowohl mit seinen beiden Brüdern als auch seinen Eltern über Genf in die Schweiz ein, deren Grenzen damals für Juden ja eigentlich schon endgültig geschlossen waren. Sie hatten es davor bereits 1938 einmal versucht (über Bern), aber vergeblich. Man hatte sie zurückgewiesen.

Diese Geschichte erzeugt in mir immer zweierlei: Einerseits Dankbarkeit (in Bezug auf 1942, als der Schweizer Zoll die Familie einliess), andererseits Entrüstung, wenn ich daran denke, dass der Verweis 1938 ihr Todesurteil hätte sein können.

Aber mich beschäftigt auch hinsichtlich meiner eigenen, deutschstämmigen Mutter immer wieder die Frage, was sich für eine Verantwortung aus der Geschichte des Nationalsozialismus ergibt und welche Verantwortung wir auch als Individuen tragen…

… gerade auch hinsichtlich der aktuellen politischen Situation …?

Ja, natürlich. Und dazu kommt dann noch der Aspekt der Kunst: Imaginationsräume schaffen, sich in das aktuelle Geschehen hinein denken, etwas Neues daraus entwerfen. Tatsächlich empfinde ich mein politisches Engagement als eine Art Verpflichtung. Mir Gedanken zu machen, gehört zu meinem Beruf. Der Wert vom Individuum, vom Einzelnen, ist mir sehr wichtig.

Sie haben im vergangenen Oktober im Rahmen der Liste "Kunst und Politik" für einen Sitz im Nationalrat kandidiert. Wie geht es jetzt weiter?

Auf jeden Fall geht es weiter. Die Kandidatur war für mich keine einmalige Sache, sie ist erwachsen aus einem langjährigen Engagement. Ich weiss noch, wie mich das 1971 überwältigt hat, als meine Mutter endlich das Stimm- und Wahlrecht erhielt. Die Frage nach der Stellung der Frau, nach Ihrer Verantwortung, nach Frauen- und Rollenbildern begleitet mich noch immer.

Frauen. Wenn man die Aargauische Literatur und ihre Autorinnen und Autoren studiert, fällt auf, dass viel weniger Autorinnen genannt werden…

Da geht es weder um Kantons- noch um nationale Grenzen. Dass mehr Männer als Frauen literarisch Karriere machen, ist ein generelles Phänomen: Am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studieren Jahr um Jahr deutlich mehr Frauen wie Männer. Es kommt im Durchschnitt etwa nur ein Student auf vierzehn Studentinnen. Wenn man jedoch beobachtet, wer von einem solchen Studienjahrgang sieben bis acht Jahre später (immer noch) publiziert und wer auch in der öffentlichen Wahrnehmung steht, kann man feststellen, dass sich das Verhältnis mit der Zeit deutlich verschiebt.

Können Sie sich dieses Phänomen erklären?

Ich denke, das ist multifaktoriell. Viele Frauen haben (noch immer) eine gewisse Scheu davor, sich etwas anderes für ihre Zukunft vorzustellen als ein Familienleben und eine 40-60-Prozent-Stelle. Und das sage ich so, weil Teilzeitstellen ja oft mit Beschränkungen verbunden sind.

Darüber hinaus sind wir noch immer geprägt von unzähligen Mustern, die sowohl Frauen als auch Männern über die letzten Jahrhunderte von der Gesellschaft aufgedrängt wurden... Sicher, in den letzten Jahren hat sich viel getan: Es gibt Kindertagesstätten, es gibt die Mutterschaftsversicherung und auch die bereits erwähnten Möglichkeiten, Teilzeit zu arbeiten. Aber da gibt es noch zahlreiche Subfragen, denen sich gerade auch die Frauen selber stellen müssen: Wie verhandle ich meinen Lohn und meine Rolle in der Familie? Und wie auf der Arbeit? Was nehme ich mir heraus?

Die künstlerische Arbeit sichert in vielen Fällen leider nicht die ökonomische Existenz. Und dieser Umstand führt sofort zu einem Dilemma und zu Machtfragen, gerade innerhalb der Familie. Welcher Elternteil verdient das Geld, wenn nicht beide? Und wer verdient es leichter? Ich denke da gerade an eine ehemalige Studentin von mir, die erst kürzlich ihr Kind zur Welt brachte. Ich weiss noch wie sie mir davor voller Überzeugung sagte, dass ihr Mann dann arbeiten würde (zumal er besser verdiene, mit ihrer Tätigkeit sei ja nicht viel zu holen) und sie übernehme die Betreuung des Kindes und wenn es dann schlafe, würde sie schreiben. Aber das geht nicht, das ist kaum möglich. Der Schlafmangel und die komplett andere Welt eines Alltags mit Kind sind Faktoren, die eine solche Vorstellung verunmöglichen. Und das hat sie mittlerweile leider auch einsehen müssen. Eine Strategie hat sie jedoch nicht. Und solche Schicksale kenne ich zuhauf…

Wie sind Sie selber denn mit diesem Dilemma umgegangen?

Ich habe mich durchgesetzt. Trotz allen Hindernissen und gesellschaftlichen Vorurteilen und Mustern. Stellen Sie sich vor: Mir wurde seiner Zeit noch implantiert, dass ich mal Mutter und Hausfrau zu werden habe. Etwas anderes war damals noch unvorstellbar. Und als ich 1985 meinen ersten Sohn gebar, gab es noch keine Mutterschaftsversicherung und auch keine Kindertagesstätten. Mit 25 Jahren war ich alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen. Aber ich wollte wieder studieren und habe mich um Stipendien bemüht. Ich weiss noch, wie sich die Stipendienberaterin zwar keinen Deut für mich interessierte, mich hinsichtlich meines Mutterstatus, mit dem ich mich nicht vollumfänglich zufrieden gab, tadelnd ansah. Geholfen haben mir während dieser Zeit vor allem die Frauenvorbilder, die ich mir während meiner Kindheit und Jugendzeit zugelegt hatte. Zum Beispiel meine Primarlehrerin, die unverheiratet geblieben war.

Ich wollte in der Ehe indes ökonomisch immer gleichviel beitragen wie mein jetziger Mann und habe deshalb mein literarisches Schaffen zwischenzeitlich auch zurückgestellt. In diesem Sinne habe ich noch kein Rezept gefunden, wie man sich eine Existenz mit finanzieller und emotionaler Verantwortung gegenüber seinen Kindern einrichtet, die nebenbei auch noch Platz für die Kunst, die Partnerschaft und das politische – oder auch ein anderweitiges - Engagement hat.

Trotzdem: Welchen Tipp können Sie diesbezüglich vielleicht gerade jungen Autorinnen geben?

Also, ich kenne da ein Künstler-Paar, das eine sehr gute Lösung gefunden hat, wie ich finde. Die Zeit, die nach Abzug der Kindsbetreuung und "Ernährungsarbeit" übrig bleibt, teilen sie sich adäquat auf, so, dass beide genau gleich viel Zeit zum Schreiben zur Verfügung haben. Aber so etwas muss man verhandeln … Des Weiteren ist natürlich auch eine effiziente Prioritätensetzung sehr wichtig.

Was muss optimalerweise gegeben sein, damit Sie sich ins Schreiben vertiefen können?

Ich brauche einen vertrauten Ort, der sich mit einer Türe von der Aussenwelt abschliessen lässt und an dem ich mit offenen Sinnen arbeiten kann, ohne dass die äusserlichen Eindrücke zu fest auf mich einwirken (mir mit Ohrenstöpsel die nötige Abschottung zu generieren, wäre für mich undenkbar). Ausserdem hat dieser Ort optimalerweise ein Fenster…

"A room with a view"?

Genau. Ich mag es, wenn sich etwas bewegt. Darüber hinaus muss ich während dem Schreiben rauchen können, auch wenn ich sonst nicht viel rauche. Und ich benötige ein relatives Chaos, sonst fühle ich mich nicht wohl.

Frau Schweikert und ich lassen uns noch kurz auf Rhytms besagtes Bild ein. An dessem linken unteren Rand steht gebogen "Unterg", wobei der Schriftzug sich dann in der Aussenwelt verliert. Aber wir gehen nicht unter. Wir stehen auf, verlassen das Bubbles und tauchen ein in die frische Luft dieses ersten Dezembertages.