Der im solothurnischen Kleinlützel lebende Schriftsteller Michail Schischkin sorgte dieses Frühjahr für Schlagzeilen, als er sich weigerte, als Teil der offiziellen Delegation Russlands an der renommierten New Yorker Buchmesse teilzunehmen. Ende November reiste der Regimekritiker als offizieller Repräsentant des Gastlandes Schweiz an die Buchmesse in Moskau. Im Gespräch schildert er seine Erfahrungen in der russischen Hauptstadt, prangert Missstände im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Sotschi an und erklärt, wieso er für Russland trotz allem optimistisch ist.

Herr Schischkin, wie fühlte es sich an, Vertreter eines anderen Staates im eigenen Heimatland zu sein?

Michail Schischkin: Es klingt merkwürdig, aber ich fühlte mich in der richtigen Position. Ich stehe heute mit einem Fuss in der russischen Kultur, mit dem anderen aber fest in der Schweiz. Daher bin ich in beiden Ländern zuhause, und dies ist für einen Kulturschaffenden ein grosser Vorteil. Ich verstehe mich als Bindeglied und Vermittler zwischen den zwei Völkern und deren Kulturen.

Wo zeigt sich diese Verbindung bei Ihrer Arbeit als Autor?

Ich möchte diese Frage gerne mithilfe eines aktuellen Beispiels beantworten. Mein liebster Schweizer Schriftsteller ist Robert Walser, der jedoch im russischen Bewusstsein leider überhaupt nicht präsent ist. Ich sehe es deshalb als meine kulturelle Pflicht an, ihn in Russland einzuführen. Ich habe seinen «Spaziergang» ins Russische übersetzt und einen Essay über Walser geschrieben. Diese Texte erschienen diesen November zur Buchmesse in Moskau. Ich möchte meine Liebe zu Walser mit meinen russischen Lesern teilen. Nicht nur sein Schreiben ist eine Lektion für alle Schriftsteller, sondern auch sein Leben. Zum Beispiel seine Kompromisslosigkeit.

Die angesprochene Kompromisslosigkeit bewiesen Sie, als Sie es ablehnten, als offizieller Vertreter Russlands an der Buchmesse in New York teilzunehmen. Mit welchen Gedanken flogen Sie nach Ihrem Entscheid im November nach Moskau?

Als ich mich im Frühjahr in einem offenen Brief gegen das Putin-Regime aussprach, wurde von offizieller Seite eine Hetzkampagne gegen mich lanciert. Ich wurde als Nestbeschmutzer und Verräter bezeichnet, der von der westlichen Lebensweise beeinflusst sei und daher jeglichen Bezug zu Russland verloren habe. Als ich vor einigen Wochen meine Koffer packte, war ich deshalb auf alles gefasst.

Welche Erfahrungen machten Sie während des Aufenthalts in Ihrem Heimatland?

Meine schlimmsten Befürchtungen sind glücklicherweise nicht eingetreten. Ich konnte nur positive Erfahrungen mit nach Hause bringen. Immer wieder kamen in Russland unbekannte Menschen auf mich zu und dankten mir sowohl für meine Bücher als auch für mein klares politisches Statement gegen das menschenverachtende und korrupte Regime. Die Unterstützung meiner Landsleute machte mich als Autor und als Bürger Russlands sehr glücklich.

Diese Aussage bringt mich zur Kernbotschaft eines Ihrer Essays, in dem Sie über die Zweiteilung der russischen Gesellschaft in eine prowestliche und eine durch und durch patriotische Gruppe schreiben.

Es geht um die Information. Diejenigen Russinnen und Russen, welche sich über verschiedene Kanäle und das Internet informieren können, sind prowestlich. Das heisst, sie wollen keine verfälschten Wahlen und keinen Usurpator an der Macht haben. Diejenigen, die jedoch nur die staatlichen Medien konsumieren, haben ein mittelalterliches Bild der heiligen Insel Russland, die von Feinden umgeben ist. Im russischen Staatsfernsehen wird heute fast pausenlos Stimmung gegen den Westen gemacht. Und die Menschen glauben die Lügen, weil sie keine anderen Informationen haben.

Eine Informationspolitik wie vor dreissig Jahren.

Noch schlimmer. Vor dreissig Jahren war Kalter Krieg. Heute besitzt Russland aber keine Feinde mehr. Dennoch konstruiert das russische Regime einen imaginären Krieg gegen den Westen, um die Menschen an der kurzen Leine zu halten und an der Macht zu bleiben. Dieser Krieg dient als Vorwand, um viel Geld zu unterschlagen. Die Propagandamaschinerie in Russland wird von Tag zu Tag schlimmer. Ich schäme mich momentan wirklich für mein Land. Dieses Regime und seine Politik sind Russlands unwürdig. Dabei möchte ich doch, wie jeder Mensch, stolz auf meine Heimat sein.

Was müsste geschehen, damit Sie wieder stolz auf Russland wären?

Putin muss weg. Ich bin mir sicher, dass nach seinem Abgang in Russland natürliche Veränderungen eintreten werden. Es wird Tauwetter herrschen, das Land wird sich gegen den Westen öffnen. Russland kann sich verändern, nur unternimmt das jetzige Regime alles, damit dies nicht geschieht. Putin wird an der Macht bleiben und auch dort sterben. Lebendig wird er den Kreml nicht verlassen. Eine Revolution, wie sie zurzeit in Kiew stattfindet, ist in Russland heute, leider, nicht möglich.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck und der französische Staatspräsident François Hollande sorgten mit ihrem Verzicht eines Besuchs der Olympischen Winterspiele in Russland für Aufsehen. Seit kurzem ist bekannt, dass die beiden Bundesräte Didier Burkhalter und Ueli Mauer nach Sotschi reisen werden. Ein richtiger Entscheid?

Man muss sich dessen bewusst sein: Wenn die Schweiz nach Sotschi fährt, macht sie sich zu einem Komplizen eines Systems mit politischen Häftlingen. Wenn sie Sotschi unterstützt, unterstützt sie das Regime von Wladimir Putin, zu dessen Symbol der Austragungsort am Schwarzen Meer geworden ist. Die ausländischen Sportler werden, ob sie wollen oder nicht, vom Regime missbraucht und dem russischen Volk als Unterstützer Putins präsentiert werden.

Also müssten die Schweizer Sportler die Olympischen Spiele boykottieren?

Das müssen sie selber entscheiden. Ich glaube, dass es für etliche Sportlerinnen und Sportler keine einfache Entscheidung ist. Viele Sportler haben nur einmal in ihrem Leben die Möglichkeit, an einem solchen Grossanlass teilzunehmen. Aber es geht nicht nur um individuelle Erfolge im Leben. Stellen Sie sich vor: eine Bande hat das ganze Land, die Bevölkerung als Geiseln genommen. Wollen Sie Ihre Solidarität mit den Banditen oder mit den Geiseln zeigen?

Eineinhalb Monate vor Beginn der Olympischen Spiele begnadigte Wladimir Putin den seit zehn Jahren inhaftierten Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski. Ist seine Freilassung bloss ein politischer Schachzug oder steckt mehr dahinter?

Diese Begnadigung ähnelt eher einer Hinrichtung nach zehnjähriger Folter. Jahrelang hat sich dieser mutige Mensch geweigert, ein Begnadigungsgesuch einzureichen, durch welches er seine Schuld anerkannt hätte. Seine unbeugsame würdige Haltung machte Chodorkowski zu einem Symbol des Widerstandes. Nun hatte er eine Alternative: noch ein dritter Prozess und weitere Jahre im Gefängnis oder eine Begnadigung mit sofortiger Freilassung. Hinzu kommt, dass sich die gesundheitliche Lage seiner Mutter stark verschlechterte. Sicher freut es jeden, dass er endlich freigelassen wurde. Aber das ändert nichts an der Lage in Russland: jeder kann nach Gutdünken des Regimes verhaftet oder freigelassen werden. Und nach den Olympischen Spielen werden weitere Leute verhaftet werden.

Trotz allem sind Sie für die Zukunft Russlands optimistisch. Aus welchen Gründen?

Es gibt Gesetze der Natur. Genauso gibt es Gesetze, nach welchen sich Gesellschaften entwickeln. Am Anfang herrschte überall das Recht des Stärkeren, aber irgendwann bildeten und bilden sich noch immer Institutionen heraus, welche die Schwächeren vor den Stärkeren schützen. Jeder in Russland möchte in einer Demokratie leben, in der seine Rechte geschützt werden. Die Frage ist nur, wie man den Schritt aus dem mittelalterlichen Feudalsystem hin zu einem System, in dem der Richter einzig und allein dem Gesetz dient, vollziehen kann. Russland versuchte bereits zweimal, diesen Schritt zu gehen. Im Sommer 1917 scheiterte man am Ersten Weltkrieg und während der Perestroika am Nichtvorhandensein eines Bürgertums. In den letzten zwanzig Jahren konnte jedoch in den russischen Grossstädten endlich ein Bürgertum entstehen, das schon die ganze Welt bereist hat und eine andere, demokratische Gesellschaftsordnung kennt. Diesen Leuten fällt es nun schwer, in sowjetische Zeiten zurückzukehren. Aber gerade in diese Zeitmaschine will das Regime alle hineinstopfen.

Aber diese Menschen gehen weg aus Russland.

Das ist das Problem. Wenn die Elite seit der Perestroika das Land nicht verlassen hätte, würde Russland heute ganz anders aussehen. Russland hat auf diese Weise in den letzten zwanzig Jahren Millionen gut ausgebildeter Menschen verloren. Dafür kamen Millionen Gastarbeiter aus Zentralasien ins Land, die kein Russisch sprechen. Das kulturelle und technische Niveau ist deshalb in den vergangenen Jahren stark gesunken. Von diesem Weggang profitiert aber das Regime. Der Premierminister Medwedew erklärte im Frühjahr, dass sie niemanden in Russland halten wollen. Jedem stehe es frei, zu gehen. Diese Leute brauchen nur Erdöl und Gas, Menschen brauchen sie nicht.