Kunst
Roman Signer zündet ein Film-Feuerwerk im Aargauer Kunsthaus

Das Aargauer Kunsthaus zeigt «Roman Signer. Super-8-Filme und Strassenbilder». Hinter dem trockenen Titel verbirgt sich eine unterhaltende, grossartige Ausstellung.

Sabine Altorfer
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Roman Signer inmitten seiner Filme. «Ich wollte den Raum offen haben, ich hasse die verwinkelten, schwarzen Video-Kabinen.»

Roman Signer inmitten seiner Filme. «Ich wollte den Raum offen haben, ich hasse die verwinkelten, schwarzen Video-Kabinen.»

Chris Iseli

So stellen sich Filmfreaks das Schlaraffenland vor! Ein Saal, in dem 35 Filme gleichzeitig und nonstop zu sehen sind. Dieses Schlaraffenland befindet sich im Aargauer Kunsthaus. Aber überfordern 35 Filme aufs Mal nicht? Nein, denn zu sehen sind nicht Kinofilme, sondern Kürzestfilme voller Poesie und Action - aber ganz ohne Ton.

Urheber der Filme ist Roman Signer, der beste Sprengmeister der Schweiz, der Mann, den alle wegen seiner skurrilen und witzigen Aktionen kennen. «Zu sehen sind hier keine Aktionen», betont Signer. «Es sind alles Arbeiten, die ohne Publikum entstanden sind.» Super-8-Filme waren Ende der 70er- und in den 80er-Jahren Signers liebstes Arbeitsfeld. Rund 200 Filme habe er gemacht, bevor Super-8 Anfang der 90er-Jahre leider verschwunden sei.

Signer untersucht in seinen Kurzfilmen - sie dauern wenige Sekunden bis drei Minuten - Kräfte und was sie bewirken: die Kraft des Wassers und des Feuers, die Energie von Raketen und Ballonen, die Schwer- und die Zentripetalkraft. Wir sehen einen roten Ballon in einem Wasserfall tanzen, ein anderer lässt theatralisch Luft ab und ein dritter wird im zugefrorenen See so lange aufgeblasen, bis sein Auftrieb die Eisschicht durchbricht und er in die Freiheit entwischt.

Signer ist ein Erfinder, ein Tüftler: «Mein Antrieb ist die Neugier, ich will wissen, was passiert, wenn...» Wenn man einen Wasserschlauch nicht festhält, schlägt er spritzend im Kunstmuseum herum, wenn eine Kiste den Fluss hinunter schwimmt, reicht ihre Kraft, um die zweite am Seil mitzureissen und wenn ein Hocker im Fluss steht, bewahrt ihn ein Kübel blaue Farbe nur kurz vor dem Umkippen.

Experimente mit sich selber

Die filmischen Beobachtungen von Dingen ist nur ein Teil von Signers filmischem Schaffen. Der andere sind Experimente mit sich selber. «Ich will wissen, wie nahe ich ran kann, was möglich ist.» In «Wettlauf mit Rakete» zündet der rot behelmte Signer eine Rakete, rennt los... und verliert. Bei «Koffer mit Rakete» reisst ihm der Sprengstoff den Arm samt Koffer in die Luft, aber einen Hocker vermag er dank seinem Körpergewicht gegen die Kraft von vier Raketen auf dem Boden zu halten.

Solche Szenen wirken witzig, doch manchmal wird es für Roman Signer gefährlich. Etwa wenn er testet, ob das Eis der «Drei Weiher» hält. Man sieht ihn hinausgehen, erst sinken die Füsse ein, dann bricht er durch. Er versucht sich hinausziehen, rutscht immer wieder aber, hängt erschöpft im eiskalten Wasser - Filmende. Man ist richtig froh, steht Roman Signer lebendig neben einem und sagt: «Das war knapp.» Und er ergänzt: «Mich interessieren existenzielle Fragen».

Die Ruhe am Strassenrand

In zwei weiteren Räumen sind Fotos versammelt. «‹Die Strassenbilder›, die das Kunsthaus angekauft hat, waren der eigentliche Anlass für die Ausstellung», sagte Direktorin Madeleine Schuppli. Sie stammen von einer Osteuropa-Reise Signers und zeigen kleine Verkaufsstände am Strassenrand oder kleine Erinnerungen an Verkehrstote. Sie gleichen sich und erzählen doch vom Gegenteil: Vom Leben und Überleben die einen und Tod vom Tod die anderen.

Roman Signer: Strassenbilder und Super-8-Filme. Aargauer Kunsthaus, bis 22. April. Vernissage: Freitag 27.1., 18 Uhr. Das Aargauer Kunsthaus zeigt gleichzeitig: «Blick. Künstler/innen arbeiten mit dem Ringier-Bildarchiv» und «Caravan 1/2012. Daniel Karrer».