Als Robert Walser an Weihnachten 1956 bei Herisau tot im Schnee aufgefunden worden war, stellte der renommierte Literaturkritiker Werner Weber in seinem Nachruf erstaunt fest, dass der aus Biel stammende Schriftsteller zum zweiten Mal gestorben sei. In der Tat war Walsers letztes Buch damals vor mehr als dreissig Jahren erschienen. Ganz so vergessen, wie bis heute behauptet wird, war Walser bei seinem Tod jedoch nicht. Immerhin lagen bereits drei Bände einer Werkausgabe vor. Eine Ehre, die nicht manchem Schriftsteller bereits zu Lebzeiten zuteilwird. Im Nekrolog des anderen grossen Literaturkritikers der Zeit, Max Rychner, ist es denn auch die Werkausgabe, die Walsers Nachleben über den Tod hinaus sichern soll.

Die postume Edition vermittelt der Nachwelt ein Werk möglichst in der vom Autor hinterlassenen Form. Hinzu kommt oft als zweite Aufgabe, unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass überhaupt zugänglich zu machen. Aussichtsreichste Kandidaten für eine Werkausgabe sind somit Autorinnen und Autoren, die in dem Sinn zugleich am bekanntesten und am unbekanntesten sind.

Dieser Mechanismus der literarischen Erinnerungskultur greift auch bei Walser, der bereits mit mehr als einem halben Dutzend Ausgaben gewürdigt worden ist. Auf der einen Seite sicherten ihm der Roman «Jakob von Gunten» oder die Erzählung «Der Spaziergang» einen festen Platz im literaturgeschichtlichen Kanon, auf der anderen Seite galt es, ein nachgelassenes Werk von enormem Ausmass zu bergen. Diese Spannung zwischen anerkanntem Klassiker und noch zu entdeckendem Geheimtipp prägt die Editionsgeschichte bis heute. 

Im Namen des Autors

Wie aus der Herisauer Krankenakte hervorgeht, wollte Walser selbst mit seinem literarischen Werk zwar nichts mehr zu tun haben, es aber auch nicht einfach einem Herausgeber überlassen. Als ihm sein Freund Carl Seelig 1935 erstmals vorschlug, eine Auswahlausgabe zu veranstalten, befand Walser, es würde «merkwürdig aussehen», wenn ihn «ein anderer» zu Lebzeiten herausgebe. Wenige Jahre später unterschrieb Seelig nicht bloss als Walsers Vormund Verlagsverträge im Namen des Autors, sondern griff auch «im Sinn des Dichters» in dessen Texte ein. Dabei ging es ihm darum, den frühen Walser als Autor der Moderne vor dem Vergessen zu bewahren. Die nachfolgenden Editoren begannen, darüber hinaus die vergessenen und nachgelassenen Texte der letzten Schaffenszeit zu erschliessen, und förderten so einen anderen, geradezu postmodern verspielten Walser zutage.

Während Jochen Greven ab 1966 Hunderte von verstreut in Zeitungen und Zeitschriften publizierten Texten ausfindig machte, entzifferten Werner Morlang und Bernhard Echte ab 1980 die 526 Mikrogramme und förderten bisher unbekannte Walser-Texte im Umfang von rund 2000 Druckseiten zutage. Dies markierte aber keineswegs das Ende der Walser-Edition. Im Gegenteil: In den Folgejahren wurde der Grundstein für zwei weitere Gesamtausgaben mit zusammen rund 80 Bänden gelegt, die momentan entstehen.

Zwei parallele Gesamtausgaben

Editionen werden von hoch spezialisierten Forscherteams meist über Jahrzehnte erarbeitet und verschlingen enorme personelle und zeitliche Ressourcen. Dass Walsers Werk umfassend ediert werden soll, erscheint nach dem Gesagten nachvollziehbar. Aber weshalb braucht es zwei parallel erscheinende Ausgaben? Das hat vor allem konzeptionelle Gründe. Um den 50. Todestag im Jahr 2006 konkretisierten sich zwei Vorhaben: dasjenige einer Leseausgabe, die Walsers Werke mithilfe von Kommentaren für ein breiteres Publikum zugänglich macht, sowie dasjenige einer kritischen Ausgabe, die für ein Fachpublikum die Entstehung und Überlieferung seiner Werke dokumentiert. 

Die seit 2008 erscheinende «Kritische Robert-Walser-Ausgabe» hat Massstäbe gesetzt bezüglich Sorgfalt der Textwiedergabe. Walsers intensive Überarbeitung seines Manuskripts für den Band «Seeland» etwa lässt sich im letztes Jahr erschienenen Band gleichsam Schicht für Schicht nachvollziehen. Die Ausgabe folgt einem in den 1970er-Jahren für Friedrich Hölderlins späte Gedichte entwickelten Verfahren. Demnach versucht der Herausgeber nicht, den Text im Sinn des Autors fertigzustellen. Er beschränkt sich vielmehr darauf, das Überlieferte so zu präsentieren, dass der Lesende selbst Lesarten entwickeln kann. Diese Editionspraxis wird mit Walsers Mikrogrammen zu ihrem Extrem- und zugleich auch Endpunkt geführt. Denn weder Editor noch Leser werden die auf ein bis zwei Millimeter miniaturisierte Handschrift mit absoluter Gewissheit «richtig» entziffern können.Das Glanzstück spart sich diese Ausgabe für den Schluss auf, wenn der ganze Walser über eine von Matthias Sprünglin entwickelte elektronische Plattform zugänglich sein wird. Was mit akribisch rekonstruiert wurde, lässt sich dann praktisch nachvollziehen, indem zwischen Manuskript und Druck, Faksimile und Umschrift navigiert werden kann.

Die als Leseausgabe konzipierte «Berner Ausgabe» präsentiert ihre spektakulärsten Neuentdeckungen hingegen gleich in den ersten Bänden. In der von Peter Stocker und Bernhard Echte 2018 vorbildlich edierten und kommentierten Briefedition konnte die Zahl der Briefe Walsers im Vergleich zur Vorgängerausgabe von 1975 fast verdoppelt werden. Neu dazu gekommen sind weite Teile der Verlagskorrespondenz, die besonders intimen Briefe an Frieda Mermet oder die Briefe an den langjährigen Feuilletonredaktor der «Solothurner Zeitung» Emil Wiedmer. Walser beherrscht die Form des Briefs derart virtuos, dass er sie in allen denkbaren Stilhöhen variieren kann. Dies macht seine Korrespondenz so faszinierend. 

Editionen der Zukunft

Die beiden Ausgaben erscheinen mittlerweile in einem Umfeld, in dem sowohl Lese- als auch kritische Ausgaben punkto Erarbeitungskosten und Absatzchancen unter Druck geraten sind. Dass es im Fall Walsers die zwei Ausgabentypen braucht, lässt sich bestens begründen, etwas weniger gut hingegen, dass es zwei Gesamtausgaben sein müssen. Während eine aufwendige kritische Edition für die Handschriften unabdingbar ist, bleibt der Ertrag für Walsers zu Lebzeiten veröffentlichte Bücher eher gering. Und während Walsers Feuilletonbeiträge fraglos in eine Leseausgabe gehören, lassen sich die Mikrogramme kaum ohne zu grosse editorische Kompromisse in eine solche aufnehmen. In Zeiten konzipiert, in denen Werkausgaben selbstverständlich in allen öffentlichen und privaten Bibliotheken standen, kamen offenbar nur Gesamtausgaben infrage. Eine sich anbietende Arbeitsteilung zwischen Druck und Manuskript und eine spätere Zusammenführung von zwei Teilausgaben in einer elektronischen Datenbank standen (noch) nicht zur Diskussion. 

Als er keinen Verleger für seine Gedichte fand, versuchte sich Walser gegenüber Max Brod selbst mit den folgenden Worten zu trösten: «Jedes Buch, das gedruckt wurde, ist doch für den Dichter ein Grab oder etwa nicht?» So paradox es klingen mag: Wenn bis heute versucht wird, Walser im Bücherregal zu «versorgen», dann auch, weil Totgesagte länger leben.

* Lucas Marco Gisi hat von 2009 bis 2018 das Robert-Walser-Archiv geleitet und ist Mitherausgeber der «Berner Ausgabe»; er arbeitet heute im Schweizerischen Literaturarchiv.