«Ich habe mich für Auguste Rodins Gebückter weiblicher Akt mit aufgestützten Händen, vorn übergebeugt, auf dem rechten Beine kniend von 1897 entschieden. Es ist eine Kreide- und Pinsellithographie, deren Leichtigkeit und Zartheit mir besonders gefällt.

Man muss schon genauer hinsehen um den zarten Umriss zu erkennen; erst ein zweiter Blick lässt die ganze Gestalt erscheinen. Und obwohl Rodin über eine unfehlbare Kenntnis des menschlichen Körpers verfügte, lässt er hier alle Details hinter der zarten Oberfläche verborgen. Rainer Maria Rilke sagte über Rodins Zeichnungen, es seien «Akte, die mit jagender Sicherheit gezeichnet sind, Formen, ausgefüllt von allen ihren Konturen, modelliert mit vielen schnellen Federstrichen, und andere, eingeschlossen in die Melodie eines einzigen vibrierenden Umrisses». Und obwohl dieses Bild für mich eine unglaubliche Ruhe und eine feine Gelassenheit ausstrahlt, ist es genau dieser vibrierende Umriss, der sich beim Erforschen des Bildes auftut und der plötzlich Fragen aufkommen lässt. Warum so? Weshalb diese Haltung?

Rodin wollte, dass sich die Modelle für seine Zeichnungen bewegen. Sie sollten nicht still sitzen, sondern natürlich sein, das tun, wozu sie gerade Lust haben. Auch die Dame auf dem Bild wirkt auf mich nicht statisch. Eher dynamisch, als könnte sie den Oberkörper jeden Moment heben und dem Betrachter herausfordernd in die Augen sehen. Der Bildhauer Rodin lässt sein Modell tanzen und wird selbst zum Tänzer. Ein Tänzer mit jagendem Pinsel, schreitenden Federstrichen, nach einer vibrierenden, vielleicht sogar inneren Melodie.»