Frauen an der Regionale

Renée Levi schafft seit bald dreissig Jahren sagenhafte Bilder – wer ist diese Frau?

Sie schafft den intimst möglichen Raum zwischen Werk und Betrachter, indem sie nichts verbirgt: Renée Levi in ihrem Atelier in Basel.

Renée Levi wird 2019 der Genfer Prix de la Société des Arts überreicht. Zuvor kann man eines ihrer Werke im Kunsthaus Baselland erleben. Doch wer ist die Frau hinter den grossformatigen Bildern? Wir haben sie in ihrem Atelier besucht.

«Hallo?» Die Stimme aus der Gegensprechanlage klingt ganz anders als erwartet. Hell und hoch, fast ein bisschen schüchtern. «Kommen Sie rein, zweiter Stock!»

Nach ein paar Recherchen hatte man das Gefühl, auf diese Frau vorbereitet zu sein: Renée Levi, 58 Jahre alt, geboren in Istanbul, aufgewachsen im Aargau. Architekturstudium, dann angestellt bei Herzog und de Meuron. Mit Ende zwanzig für ein Kunststudium entschieden, erfolgreich abgeschlossen. Etliche Einzelausstellungen und Projekte im öffentlichen Raum. Und Preise: Basler Kunstverein, Manor Kunstpreis, Prix Meret Oppenheim und kürzlich den mit 50 000 Franken dotierten Prix de la Société des Arts. Ende der Neunziger Gastprofessur an der Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe und seit 2001 Professorin für Bildende Kunst an der HGK Basel. Die beachtliche Vita einer beachtlichen Frau.

So klingt es auch, wenn man ein paar Telefonate tätigt: Galeristinnen wie Kuratoren schwärmen von ihr, das Wort «stark» fällt oft, nicht nur, wenn es um ihre Persönlichkeit geht. Die Bilder! Riesige, kaum behandelte Leinwände mit kraftvollen Farbstrichen, -kringeln, -schlaufen, -zahlen. Von poetischer Rohheit ist die Rede, von Unmittelbarkeit, Kraft. Levi sei eine sehr direkte Lehrerin, sagen ehemalige Studenten, sie sage immer ihre Meinung. Eine Schonungslosigkeit, mit der nicht alle umgehen können. Die Frau, denkt man noch vorm Klingeln, ist eine Wucht.

Alles offengelegt

Und jetzt diese helle Stimme aus einer Gegensprechanlage auf dem Wolf. Hier hat Levi ihr Atelier, zusammen mit ihrem Mann Marcel Schmid, einem Grafiker, mit dem sie eng zusammenarbeitet. «Wir sind ein Duo», sagt Levi, kurz nachdem sie die Tür aufgemacht hat. Sie lächelt freundlich, das Du ist sofort selbstverständlich. «Komm, wir machen gleich eine Führung.» Energisch läuft sie voraus, dabei plaudert sie über das Atelier, ein grosser Raum mit eingezogener Wand, den sie und Marcel eigenhändig umgebaut haben. Auf der einen Seite befinden sich Regale mit Material. Gläser mit Farbpigmenten, Pinsel, Zeichnungsbücher, Leinwände. Und Levis Werkzeuge: riesige Besen, ähnlich wie die, mit denen Schulwarte Flure putzen. Levi baut sie selber zusammen, aus Lumpen und Holzstücken.

Sie mag dieses Selbermachen, es ist integraler Bestandteil ihres Schaffens. «Ich will nichts verstecken», sagt sie, und wer einmal ein Bild (oder eine Performance: Manchmal malt sie auch vor Publikum) von ihr gesehen hat, weiss sofort, was sie meint: Renée Levi macht Kunst auf Augenhöhe. Ihre Malerei ist unmittelbar, alles ist sofort da. Man sieht die dicken Pinselstriche, die rohe Farbe auf der rohen Leinwand. Nichts daran ist prätentiös, und nichts entgeht. Auch nicht die Künstlerin selbst: Wer vor einem Werk Levis steht, hat das Gefühl, vor ihrer offengelegten Seele zu stehen. Und öffnet sich entsprechend ebenso dem Bild. Darin liegt die grosse Kraft von Renée Levi: Sie schafft den intimst möglichen Raum zwischen Werk und Betrachter, indem sie nichts verbirgt. Und der Betrachter tut es ihr, ganz automatisch, nach.

Malen als Kraftakt

Levi fabriziert nicht nur ihre eigenen Werkzeuge, sie macht die ganze Vorbereitung selbst: Pigmente anrühren, Leinwände leimen. «Die Vorbereitung, das ‹Mise en Place›, ist schon fast das Werk», sagt sie, es fliesst mindestens soviel Energie hinein wie ins eigentliche Malen.

Jedes Bild wird erst minutiös vorbereitet. Dann zieht sie den Vorhang, der den leeren Atelierraum von den Bürotischen trennt, stellt die Leinwand auf und beginnt. Das Malen ist ein Kraftakt, Levi wählt meist grosse Formate, gerade so gross, dass sie noch hinaufmag. Wenn sie aufhört, ist das Bild fertig. Sie bessert nie nach. Identifikation geschehe durch das Unperfekte, sagt sie.

Mittlerweile sind eineinhalb Stunden vergangen, Levi sitzt mit einer Tasse Kaffee an einem kleinen Tischchen und erzählt von der Arbeit als Professorin. Das mit dem streng sein höre sie oft. Sie lacht. «Einige Studierende sagen, ich sei manchmal direkt. Es geht darum, konstruktiv zu sein und dabei nicht zu verletzen. Ich bin ehrlich und sage, was ich denke.»

Sie druckse eben nicht herum, wenn sich jemand offensichtlich keine Gedanken gemacht hat. Kunst braucht Auseinandersetzung, hohle Phrasen reichen Levi nicht. Sie trinkt den letzten Schluck Kaffee. Dieser Preis von der Société des Arts, sagt sie noch, sei ein Midlife-Preis. Er bestärke «arrivierte» Künstler in ihrer Weiterarbeit.

Ist sie arriviert? Sie denkt nach. «Weisst Du, das Alter ist etwas Komisches. Ich fühle mich oft nicht älter als meine Studierenden.» Wenn sie mit ihnen an Projekten sitzt und Unterstützungsarbeit leistet, dann sei sie immer genauso drin wie ihre Studierenden. Sie fühlt sich ihnen nah, nicht überlegen. «Ich lerne einfach mit.»

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