Simon Stone ist vorerst zum letzten Mal am Theater Basel zu Gast. Sein «Hotel Strindberg», eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, ist am Mittwoch angelaufen (siehe Spalte rechts). Stone ist mittlerweile ein weltweit gefragter Theater- und Filmregisseur. Zwischen der letzten Probe und der Basler Premiere fand der 34-Jährige Zeit für ein Gespräch. Bei einem Glas Pinot Grigio, erzählt er, warum er vor fünf Jahren für die Kunst von Australien nach Europa kam.

 

Herr Stone, werden Sie jetzt Schauspielchef vom Theater Basel?

Simon Stone: Nein! (lacht)

Wäre das nichts für Sie?

Nein, zurzeit nicht. Ich hab, bevor ich 29 war, schon zwei Theater in Australien geleitet. Das war damals gut, weil es mir die Möglichkeit gab, viele andere Künstler zu entdecken und von ihnen zu lernen. Als mir dann aber klar wurde, wie ich meine eigenen Sachen umsetzen will, wollte ich mich auf das Schreiben und Inszenieren konzentrieren. Es kann aber schon sein, dass wieder mal eine Phase kommt, in der ich nicht mehr so inspiriert bin. Dann ist es super, Intendant zu sein.

Sie sind derzeit sehr viel unterwegs. Auch in Hollywood.

Ja, ich bin in Vorbereitung verschiedener Filme. Wahrscheinlich wird der erste noch dieses Jahr gedreht.

Was wird das für ein Film sein?

Wir werden in England drehen. Mehr darf ich noch nicht sagen.

Theater oder Film, was ist wichtiger für Sie?

Viele reden davon, dass ich das Theater zum Film mache. Für mich sind Film und Fernsehen, vor allem das Letztere, die wichtigsten Kunstformen der Gegenwart.

Sie meinen die Serien?

Ja, in diesen Formaten gelingt es, die Menschen so zu zeigen, wie sie heute sind. Klug, philosophisch und trotzdem sehr unterhaltsam. Aber ich finde deswegen das Theater oder die Oper nicht altmodisch. Der Vorteil der Bühne gegenüber dem Kinofilm ist, dass ich hier viel mehr Zeit habe. «Hotel Strindberg» wäre als Film unmöglich, weil das Stück länger dauert als 120 Minuten. Da ist der Film viel konservativer.

Sie schreiben Theaterdialoge, die auch im Film funktionieren würden.

Ich schreibe Dialoge für Film nicht anders wie für das Theater. Mich interessiert, wie die Menschen heute sprechen. In den Fünfzigerjahren machte man das auch nicht anders. Arthur Miller hat Stücke geschrieben, die sich wie die damaligen Filme anhören.

Sie überschreiben Klassiker. Wieso nicht gleich neue Stücke?

Mich interessiert es, diese Strukturen zu übertragen. Es ist sehr schwierig, solche von Null aufzubauen. Klassische Erzählformen erlauben es mir, Themen der Gegenwart so rüberzubringen, dass die Zuschauer anknüpfen können. Wenn der Stoff neue, noch unbekannte Themen als Inhalt hat, braucht es eine vertraute Struktur.

Das bedeutet Tschechow oder Strindberg helfen Ihnen, das Publikum zu verführen.

Ja. Wenn das Stück heissen würde «Das Internet und die verlorene Identität» wäre das für Viele schon zu abgehoben. Ich erzähle neue Geschichten im Gewand alter Formen. Und es scheint zu funktionieren ...

Schreiben Sie Deutsch?

Nein, das ginge zu lange. Ich arbeite mit einem Übersetzer zusammen. Die Ironie ist, dass Schweizerdeutsch eigentlich meine Muttersprache ist. Ich versteh es besser als Schriftdeutsch.

Haben Ihre Eltern mit Ihnen Schweizerdeutsch gesprochen?

Nein, aber meine Tagesmutter. Und meine Geschwister in Australien reden mit ihren Kindern immer noch Schweizerdeutsch.

Sie sind in Basel geboren und das Theater Basel war in Ihrer Karriere ein wichtiger Ort. Ist das ein glücklicher Zufall?

Es stimmt: Basel war für den deutschsprachigen Raum sehr wichtig. Ich hab damals viele Angebote erhalten und mich für Basel entschieden, weil ich wichtig fand, dass dieser Kreis sich schliesst in meinem Leben. Ich liebe Basel. Und vermisse gewisse Dinge, seit ich weg bin.

Zum Beispiel?

Die Stadt fühlt sich wie ein Dorf an, ist aber trotzdem international. Alles ist in zehn Minuten erreichbar. Das finde ich cool. So etwas gibt es in Australien oder den USA nicht. Dort gibt es diese Idee gar nicht, dass eine Stadt wichtig sein kann, obwohl sie klein ist. Für Aussenstehende ist es schwierig, zu verstehen, dass es in dieser kleinen Stadt Weltpharma-Konzerne oder so was wie das Architekturbüro von Herzog & de Meuron gibt.

Wo leben Sie jetzt?

In Wien. Die Stadt ist zwar grösser, hat aber Ähnlichkeiten mit Basel, wegen der langen Geschichte. Es ist eine melancholische Stadt, eine Art Atlantis, ein untergegangenes Kaiserreich mit vielen alten Gespenstern.

Australien ist kein Thema mehr?

Ich hab jetzt seit fünf Jahren nichts mehr dort gemacht. Es ist auch nicht so einfach. Es fehlt eine Theaterkultur, wie es sie hier gibt. Das Publikum lässt sich ungern auf Neues ein.

Wie sind Sie denn in Australien zum Theater gekommen?

Ich wollte Schauspieler werden. Und hab dann auch im Theater und Film gespielt. Irgendwann war ich aber sehr unzufrieden. Es gibt dort nur das kommerzielle Theater und eine Off-Off-Szene, die kein Publikum hat, aber stolz darauf ist, weil sie denkt, dass sie gute Kunst macht. Das brachte mich zur Verzweiflung. Es muss doch irgendwo eine Welt geben, wo man gute Kunst machen kann und Publikum hat!

Der Ort heisst Europa?

Ja. Obwohl hier dann wieder moniert wird, dass mein Theater zu einfach sei, es sei ein bisschen wie Fernsehen! (lacht) Hier gibt es ja die Tradition, dass alles ironisch sein soll, alles fünf Mal gebrochen. Da interessiert es mich, nicht dieser Konvention zu folgen und gute Geschichten zu erzählen. Umgekehrt ist es in Australien interessant, den Leuten Ironie und Brüche vorzusetzen. Ich suche genau diese Widerstände.

Will das Publikum einfach wieder simplere Kost?

Wir unterschätzen das Publikum oft. Schauen Sie, in Hollywood wurde jahrelang behauptet, das Publikum möge keine zu komplexen Stories. Dann kamen HBO und Netflix und haben gezeigt, dass das Publikum eben sehr wohl solche Geschichten sehen will. Wenn wir die Zuschauer für klug halten, dann sind sie auch klug. Deswegen ist es wichtig, die Grenzen des Erwarteten immer auszuloten. Wenn Theaterkritiker mir heute sagen, ich sei etwas kitschig und fernsehmässig, dann weiss ich, dass ich auf der richtigen Spur bin.

Das braucht viel Selbstbewusstsein.

Nein, das ist nicht Selbstbewusstsein. Es sind die Zuschauer, die mir recht geben. Wenn das Theater leer wäre, müsste ich über die Bücher. Ich selbst denke gar nicht, dass meine Stücke so gut sind. Meine Inszenierung von «Yerma» lief zwei Jahre lang am Broadway und ich habe nur gestaunt.

Aber jetzt wissen Sie doch langsam, wie es geht.

Nein, eben nicht! Es ist aber auch gut, dass es kein Patentrezept gibt. Das entlastet mich. Bis jetzt hat es immer funktioniert, wenn ich ehrlich war. Das würde ich als einzige Regel gerne einhalten. Ehrlichkeit. Deshalb inszeniere ich gerne an neuen Orten, wo niemand mich kennt. Dort bin ich das Kind, das Nichts weiss, wie Odysseus, der sich immer wieder selbst erfinden muss.

Wird man nach «Hotel Strindberg» weitere Arbeiten von Ihnen in Basel sehen?

Schwer zu sagen. Ich bin dem Ensemble hier sehr verbunden. Aber Viele gehen ja bald nach München. Ich selbst kehre gerne an Orte zurück. Aber Basel wird es in nächster Zeit nicht sein. Ich muss gerade andere Sachen entdecken.