Junges Theater

Regisseur Sebastian Nübling: «Ohne die Ideen der anderen fällt mir nichts ein»

© Uwe Heinrich

Er arbeitet erfolgreich an grossen Theaterhäusern in ganz Europa, kommt aber immer wieder nach Basel zurück: Regisseur Sebastian Nübling (57) inszeniert seit 20 Jahren am Jungen Theater Basel. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Herr Nübling, Sie haben überraschend schnell zugesagt für dieses Gespräch. Ich dachte, Sie hätten Anfragen aus Basel satt.

Sebastian Nübling: Wieso?

Vor vier Jahren wurde Ihre Inszenierung des Stücks «Morning» in der «Tageswoche» als «verstörend» bezeichnet. Es gab eine Debatte über die Gewaltdarstellungen am Jungen Theater.

Ah stimmt, genau. Das hatte ich schon fast vergessen. Es ist eine schwierige Debatte, die dieses Stück anreisst. Es gibt darin diesen gewalttätigen Ausbruch, der nicht einfach zu begründen ist. Er entsteht scheinbar aus Langeweile oder aus Lust. Ich verstehe, dass man damit hadert. Aber man darf junge Leute damit konfrontieren. Jeder Dreizehnjährige findet im Internet alles Mögliche an Gewalttätigem. Die Auseinandersetzung mit Gewalt und ihrer Lesart ist kein Problem. Sie ist notwendig.

Sind Sie seither brav geworden? Die Gewaltdarstellungen am Jungen Theater haben abgenommen.

Ich finde nicht, dass das was mit brav oder nicht brav zu tun hat. Es geht ja um das Interesse am Thema. Am Jungen Theater haben sich in den letzten Jahren inhaltliche Akzente verschoben, auch weil mit Suna Gürler und Ives Thuwis regelmässig andere Menschen dort arbeiten.

Sie hingegen sind bereits seit zwanzig Jahren am Jungen Theater aktiv. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Insgesamt als sehr cool. Ich arbeite dort einmal im Jahr und finde es einen super Ort um Theater zu machen. Man ist acht Stunden am Tag zusammen, man probt, spült Geschirr und hängt zusammen ab. Deswegen ist das Junge Theater so speziell: Die Jugendlichen widmen sich ihm komplett. Das Proben und Produzieren ist ein Aspekt, der andere ist der, dass man sich kennenlernt, indem man zusammen Lebenszeit verbringt. Das Ergebnis hat viel mit dieser Struktur zu tun. Für mich ist das immer wieder wichtig, so als Ruhepunkt. Das Thalia Theater in Hamburg, an dem ich momentan arbeite, ist viel grösser, mit einem grossen Stab auf der Seite von Regie und Technik. Das ist ein ganz anderer Prozess. Man muss beinahe drum kämpfen, dass man auf der Probebühne mal seine Ruhe hat.

Kommen Sie deshalb immer wieder zurück? Schliesslich sind Sie in ganz Europa an renommierten Theaterhäusern aktiv.

Wichtig ist der Kontakt zum Ensemble, egal, an welchem Theater ich bin. Die Proben sollen angstfrei sein und die Leute sollen sich was trauen. Der Arbeitsstil am Jungen Theater erleichtert das. Deswegen komme ich auch immer gerne zurück.

In der Regel arbeiten Sie mit Profis. Die Darsteller am Jungen Theater sind Laien. Wie erleben Sie diesen Unterschied?

Es gibt keinen wirklichen Unterschied, ehrlich gesagt. Es geht immer darum, zu den Leuten Kontakt zu finden, sich gegenseitig zu inspirieren. Vielleicht gibt es handwerkliche Unterschiede, aber die sind marginal.

Ist die Arbeit mit Jugendlichen denn nicht anders?

Doch, klar. Die Altersdifferenz gibt es immer. Ich muss den Jugendlichen klarmachen, dass wir zusammenarbeiten und ich kein Lehrer bin. Dass ich auch nicht weiss, wie das Ergebnis am Schluss aussehen wird. Das ist natürlich eine Frage des Arbeitsstils: Bei mir braucht es die Beteiligung von allen. Ohne die Ideen der anderen fällt mir nichts ein. Wir müssen alles zusammenwerfen, damit etwas entsteht. Das ist keine Methodik, ich bin einfach so. Andere machen das anders: Die haben ihr Material und ziehen das dann durch.

Wie schaffen Sie es, den jungen Leuten auf den Puls zu fühlen?

Ich finde es wichtig, dass man sich gegenseitig erlebt und viel miteinander redet. Nicht nur in den Proben, sondern auch in den Pausen, beim Musik hören, beim Filme schauen. Dabei entsteht viel Material, das in die Produktion mit einfliesst.

Wenn Sie auf die letzten zwanzig Jahre zurückschauen, gibt es da ein besonderes Erlebnis, das Ihnen geblieben ist?

Eher eine ganze Kette von guten Erlebnissen. Da sind so viele Leute, die ich kennenlernen durfte. Manchmal hält der Kontakt und es entsteht eine Freundschaft.

Gibt es auch schlechte Erinnerungen?

Nein. Aber generell besteht die Schwierigkeit, dass ich die Verantwortung für das Ergebnis trage. Es gibt den Druck, einen Rahmen zu schaffen, in dem alle Schauspieler vorkommen. Aber das ist nicht nur am Jungen Theater so.

Nach all den Jahren stellt sich die Frage: Wäre es nicht einmal an der Zeit, dass sich neue Regisseure am Jungen Theater ausprobieren dürfen?

Doch, das stimmt. Das müssen Sie den Theaterleiter Uwe Heinrich fragen. Ich mache das so lange, bis er mich rauswirft (lacht). Mit Suna Gürler gibt es bereits hausinternen Nachwuchs.

Sie warten also auf Ihren Rausschmiss?

Nein, sicher nicht. Solange mir Dinge einfallen und wir Themen finden, die interessant sind, arbeite ich gerne hier. Ich habe nicht das Gefühl, ich müsse aufhören, oder dass ich langsam zu alt sei. Ich sage nicht, dass ich das bis an mein Lebensende mache. Aber es gefällt mir hier.

Apropos alt: Was wünschen Sie dem Jungen Theater Basel zum runden Geburtstag?

Dass es finanziell abgesichert bleibt und sich weiterentwickeln darf. Dass es ein Ort bleiben kann, wo sich junge Leute in verschiedenen Formaten ausprobieren können, wo sie sich treffen können. Und dass es diese Mischung aus Leben und Theater beibehalten kann.

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