In ihrem erfolgreichen Erstling «Lose Tage» beschrieb Jacqueline Moser ein Geschwisterpaar in der Musikszene, das ohne Mutter aufgewachsen ist. Als Moser nach einer Lesung ihre eigene Mutter erwähnte, seien erstaunlich viele Leute verblüfft gewesen, dass diese noch am Leben ist. In ihrem zweiten Buch «Ich wünsche, wir begegneten uns neu» erleidet eine junge Frau eine Trennung und einen epileptischen Anfall, den sie ihrem Umfeld verschweigt. Gut möglich, dass auch hier einige Lesende staunen werden, dass Moser, anders als ihre Romanfigur Ella, keine traumatische Trennung erlebt hat.

«Über mich schreiben?», sagt sie, «das fände ich sehr komisch.» Der Grund dafür, dass Lesende in die biografische Falle tappen könnten, liegt bei Jacqueline Mosers Büchern an der behutsamen Empathie, mit der sie ihren Figuren begegnet. Ihre Themen sind deutlich psychologischer Natur: Trennung, Konflikte, Ich-Findungen im festgefahrenen sozialen (Familien-)Gefüge.

Dennoch käme es ihr nicht in den Sinn, Aussagesätze zur Seele zu machen. «Behauptungen interessieren mich nicht», erklärt sie: «‹Er war einsam›. Das kann ja jeder behaupten. Aber einer redet nur mit einer Fliege. Eines Tages stirbt die Fliege. Das ist einsam.» Jacqueline Moser spricht klar und bestimmt. Sie lässt sich Zeit zum Nachdenken, ihre grossen Augen wandern konzentriert an die Decke, bevor sie ausführt. Ernsthaft spricht sie über ihr Verhältnis zu den Figuren ihres Romans. Kommt das Gespräch auf die subtil witzigen Passagen, verändert sich der Ausdruck ihres Gesichts, ein leichter Schalk huscht darüber.

Präzise Wahrnehmung

Witzig in dem ruhigen Roman sind die besonders genauen, kleinen Beschreibungen; wie etwa, wenn Ellas Füsse zu weit über eine Gästematratze hinausragen. Die Präzision ist für Jacqueline Moser zentral. In ihrem früheren Beruf als Laborantin der Tumorzytogenetik war diese geschärfte Wahrnehmung eine Bedingung gelingender Interpretationen, als Autorin ist Wahrnehmung für sie sowohl Methode wie Thema ihres Buches. Wie wird Ella wahrgenommen? Wie nimmt sie andere wahr? Was sind Projektionen? Es erstaunt nicht, als Moser erwähnt, dass sie das Gesamtwerk von Frisch mehrfach gelesen hat. Gerade «Stiller» und «Andorra» sind als leiser Hintergrund präsent. Wie sehen wir den andern? Was meinen wir, von ihm zu wissen? Welche Behauptungen stellen wir auf?

Stilistisch besticht Jacqueline Moser durch eine unaufdringliche Eigenständigkeit und eine grosse Zärtlichkeit im Detail. Ihre knappen Hauptsätze hatten bereits in ihrem ersten Roman überzeugt, in «Ich wünsche, wir begegneten uns neu» werden diese durch eingeflochtene Zitate der Nebenfiguren geschickt ergänzt. Mitten in Situationen hinein, in denen man Ella und ihren Sohn Milo begleitet, klingen als Zitate erinnerte Aussagen ihres Umfeldes hinein, Sätze, unkommentiert, manchmal rätselhaft.

Es sind auch die Dinge, die sie nicht schreibt, die den Roman spannend machen. Jacqueline Moser ist eine jener Autorinnen, die den Leser nicht für blöd halten, eine Haltung, die ihr in ihrer Arbeit als Lehrerin sicher auch zugutekommt. Drei Tage in der Woche arbeitet sie an der Schule, drei Tage als Autorin. Wenn sie nicht schreibt, recherchiert sie.

Rhein-Tagebuch geführt

Für die Spitalszenen sei sie in der Kantine des Bruderholzspitals gesessen und habe Kaffee getrunken, um für die Passagen, die Ella im Krankenhaus verbringen soll, die Atmosphäre einzufangen. Angesprochen auf die besonders poetischen, bildstarken Szenen, die am Fluss spielen, berichtet Moser, dass sie sich kurz nach Erscheinen ihres ersten Buches eine Art Rhein-Tagebuch zugelegt habe. Lange spazierte sie am Kleinbasler Ufer und führte Buch, wollte wissen, was da alles passiert in der Vogelwelt, wie sich das Ufer verändert im Lauf der Jahreszeiten, wie die Schiffe heissen.

In Basel geboren, fühlt sie sich in der Stadt immer noch sehr wohl. Ihre vielen Reisen, unter anderem durch Westafrika und Asien, waren wichtig für sie, und doch sagt sie: «Wenn einer in Basel geboren wurde, was hätte er für einen Grund, an einem andern Ort zu leben?» Was sie als Autorin an der Stadt schätze, sei ihre Offenheit, der Austausch mit anderen Autorinnen und Autoren und die Vielfalt an Kultur. Ihre beiden Werke beschäftigen sich mit Formen künstlerischer Tätigkeit. War in ihrem Erstling die auditive Wahrnehmung ein grosses Thema, so ist es diesmal die visuelle.

Grafikerin, der Beruf, den die Figur Ella ausführt, wäre für Moser allerdings keine Option. «Das wäre mir zu viel Material», sagt sie, «all diese Objektive, Stative, Computerprogramme. Zu viel Zeug. Ich brauche nur ein Blatt Papier und einen Bleistift.»

Die Buchpremiere von «Ich wünsche, wir begegneten uns neu» findet morgen Donnerstag im Literaturhaus Basel statt. Es moderiert Heini Vogler. Am Samstag, 12. November, liest Jacqueline Moser zudem um 12.30 Uhr in der GGG im Schmiedenhof 10.