Wie kams zur Hongkong-Connection?

Greis: Claud ist mein Produzent. Er macht auch Beats für Kuchikäschtli, Curse, Joy Denalane. 2010 flog er über Neujahr nach Kowloon, Hongkong – und hat sich stracks verliebt. Paradox: Claud braucht Ruhe und Zurückgezogenheit und logiert in Hongkong. Und ich fühle mich nur in der Reizüberflutung wohl – aber er flieht an den allerruhigsten Ort in Rom: das Istituto Svizzero.

Wie funktioniert das interkontinentale Komponieren?

Claud wollte immer, dass wir im Studio und wie eine Band funktionieren: er am Computer, ich am Mikrofon. Ich sollte jeweils die zündenden Refrain-Ideen aus dem Ärmel schütteln, pünktlich. Das hat mich unglaublich eingeschüchtert. Ich konnte mich nur so weit blossstellen vor Claud, dass ich irgendwelche Sachen johle, eine Selbstfremdbeschämung. Drum wars cool, dass wir erst aus Distanz arbeiteten.

Wie liefen die Aufnahmen?

Es hat viel Zeit gebraucht, bis ich aus mir rauskam. Dann kam endlich das Bandgefühl. Aber der grösste Teil meiner Texte – die ich super fand – sind aus dem Album geflogen. Was soll das? Schliesslich stellte ich Claud zur Rede: «Was isch jitz mit däm Song?» Und der meinte, er findets gut – aber vielleicht nicht zu diesem Lied. Wie diplomatisch!

Also ein angenehmes Spannungsverhältnis?

Was ich an Claud mag, ist sein kompositorischer Ansatz. Die Kinderkrankheit des Rap ist immer noch: Der Rapper ist so dominant, dass gar keine Songstruktur entstehen kann. Nur Strophe, Refrain, Strophe, Refrain. Claud aber schichtet – wie in der klassischen Musik oder im Pop – Lieder mit Spannungsaufbau. Damit wird des Rappers Stimme ein Instrument unter vielen, er muss singen, phrasieren, all das. Beim neuen Album sagte ich: Vergiss es, ich bin kein Sänger. Ich bin Rapper und mach Strophen und Refrains. Nun flick das zusammen, Claud!

Greis - Teil vom Problem

Greis - Teil vom Problem

Kutti MC fing ja damit an, das Korsett des Rap zu sprengen. Ein Affront?

Kutti hat auf die Form des Rap geschissen, auf unsere Reime, unsere Technik. Bei ihm breitet sich der Inhalt aus, wie er will. Und deswegen waren wir superneidisch, ich jedenfalls. Es war, als käme einer an ein Turnertreffen und präsentiert einen Purzelbaum. Dafür mit einem geilen Gesichtsausdruck. Und ich fand: du Arsch!

Ist das Neid? Oder Verrat? Wie geht eine Szene damit um?

Klar kommt bei Kutti der Inhalt geiler rüber – weil er eben das formale Rap-Korsett nicht hat. Ich musste irgendwann einfach begreifen, dass er das darf und dass das geil ist. Und mir ebenfalls zugestehen, dass ich das nicht kann, aber auch nicht will. Ich brauche dieses Korsett, es ist meine Form. Die Form ist mir heute wichtiger als der Inhalt. Kutti hat unsere Denkweise völlig infrage gestellt. Lustig ist allerdings, dass er – jedenfalls in der Kooperation mit Stephan Eicher bei «Freischwimmer» – wieder auf strengere Formen zurückkommt.

An welchem Punkt flüchten Sie ins Französische?

Eigentlich finde ich zweisprachige Songs – bemüht. Ich will keinesfalls den Röstigraben zuschütten. Aber dann fiel mir auf, dass gewisse Vokale französisch einfacher zu singen sind. Zwar nimmt die Verständlichkeit ab – dafür wirds musikalischer. Pathos-Grenzen liegen in Deutsch und Französisch an einem total anderen Ort. Man kann auf Französisch Dinge sagen, die auf Deutsch völlig jenseits sind. Sarkasmus etwa wirkt auf Deutsch geradezu brutal. Auf Französisch kann man viel pathetischer sein, darf weiter gehen. Und noch weiter.

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