Aargauer Literatur

Puppen interessierten sie nicht, dafür Bücher – Autorin Rosemarie Keller wird 80

Schriftstellerin Rosemarie Keller im Kurpark beim Casino Baden.

Ein Leben für die Sprache: Die Aargauer Autorin Rosemarie Keller feiert am 9. Juli ihren 80. Geburtstag. Ein Blick auf ihr bewegtes Leben.

Die Stimme am Telefon klingt hell: «Könnte ich noch diese Ergänzung hinzufügen: Schreiben war für mich immer ausschliesslich.» Rosemarie Keller sagt das mit jener Mischung aus Klarheit, Entschiedenheit und Mädchenhaftigkeit, die der Journalistin schon zuvor beim Gespräch aufgefallen ist. Familie und Schreiben prägen Rosemarie Kellers Leben seit Jahrzehnten. Das Wirken mit der Sprache steht im Vordergrund und übt ungebrochene Faszination auf die Autorin aus, die am 9. Juli ihren 80. Geburtstag feiert.

Sprache

Neugier gehört zu einem Gespräch, weshalb eine Frage sofort gestellt wird: Woher stammt ihr Interesse an der Sprache? Sie führt es auf «eine erbliche Belastung» zurück, wie sie mit feinem Lächeln anmerkt. Als sie fünf Wochen alt ist, stirbt ihr 32-jähriger Vater – kurz nachdem er einen Novellenwettbewerb gewonnen hat. Er hinterlässt nichts anderes als Manuskripte. Mit Puppen, erinnert sich seine Tochter, habe sie übrigens kaum gespielt, dafür stets Bücher mit sich getragen.

Kindheit

Die früh verwitwete Mutter führt im Bäderquartier das Hotel «Rosenlaube» und bietet während des Zweiten Weltkriegs den geflüchteten Offizieren der polnischen Armee Aufenthalt, aber auch Unterschlupf für jüdische Flüchtlinge, mit deren Aufenthaltsbewilligung nicht alles in Ordnung zu sein scheint. «Sagt zu niemandem etwas», schärft die Mutter ihren Töchtern ein. «Damals habe ich die Unsicherheit des Lebens begriffen», sagt Rosemarie Keller und erwähnt Tante Mascha, die gar keine «richtige» Tante war. «Ihr dürft euch mit ihr unterhalten», habe die Mutter jeweils die Mädchen ermuntert, worauf diese Zimmer 2 aufsuchten, wo Tante Mascha den beiden Märchen erzählt. Die die dort aufkeimende Liebe zu dieser Gattung vertieft Rosemarie Keller in der Schule, als sie nicht nur Grimms Märchen, sondern auch Tolstois «Anna Karenina» oder die Bibel, «ein inspirierendes Buch», liest.

Deutsch

Das ist ihr Fach – auch in der Bezirksschule, wo sie von ihrem Lehrer, dem Mörike-Kenner Carl Surläuly, gefördert wird. Dass sie überdies Kinderrollen beim Kurtheater übernimmt, verwundert nicht. In Rollen hineinwachsen: Genau das tun die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theaters St. Gallen, die Sommer für Sommer im Kurtheater Baden gastieren. Rosemarie Keller sieht ihnen fasziniert auf der Bühne zu und begegnet ihnen nach Proben und Premieren auch in der «Rosenlaube», denn: «Meine Mutter war Theaterwirtin». Der Weg scheint vorgezeichnet: Rosemarie Keller besucht das Bühnenstudio Zürich, besteht die Zwischenprüfung – und verlobt sich als Zwanzigjährige mit dem Germanisten (und nachmaligen CVP-Nationalrat) Anton Keller. Kurze Zeit später heiraten die beiden. Nun folgen viele Hörspielrollen beim Schweizer Radio. Aber: Aus, vorbei der Traum vom Theater? Wieso denn?

Journalismus

Rosemarie Keller bleibt dem Theater, trotz wachsender Familie, weiter eng verbunden – bloss steht sie nun nicht auf der Bühne, sondern sitzt im Parkett. Sie schreibt Theaterkritiken: zuerst für das Aargauer Volksblatt (AV) und später, nach der Einstellung dieser Zeitung, für das Badener Tagblatt (BT); sie fällt durch ihre kritische Beobachtung und ihre klugen, nie vernichtenden Urteile auf. All dies zeichnet auch ihre vielen Kolumnen aus. Als sie für das Badener Tagblatt schreibt, wählt sie das Pseudonym Loni, weil sie nicht als Gattin eines prominenten Politikers festgelegt werden will. Die unter dem Titel «Eine Hausfrau plaudert aus der Schule» vereinten Artikel machen Furore. Ob etwa in «Mutter hat immer recht» oder in «Plädoyer für Xanthippe», Ehefrau des Sokrates und Inbegriff des zänkischen Weibs in der europäischen Literatur, eines fällt auf: Rosemarie Kellers nachdrückliches Eintreten für Frauen.

Frauen

«Starke Frauen, die sich behaupten», hätten sie schon immer interessiert, betont die Autorin und überrascht, weil sie den Begriff Feminismus nicht in den Mund nimmt. Frauen, die sich bewähren (müssen), hat sie in ihrer Familie erlebt: Ihre Mutter steht dafür beispielhaft. Im Buch «Ich bereue nicht einen meiner Schritte» zeichnet die Autorin das ausserordentliche Schicksal (Rufmordkampagne) der Schweizer Ärztin Caroline Farner (1842–1913) derart anschaulich, kraftvoll und bewegend nach, dass man gerne zitiert, was der NZZ-Kritiker Jürg Scheuzger über den Roman «Die Wallfahrt» resümierend geschrieben hat: «So wie es den Sozialistischen Realismus gegeben hat, möchte man Rosemarie Keller den ‹mütterlichen Realismus› zuschreiben als eine glaubwürdige Form des prononciert femininen Schreibens.»

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