Romanows

Pracht, Macht, Glanz und Grausamkeit: So herrschten die Zaren über Russland

Zar Nikolaus II. und seine Familie in den 1910er-Jahren: Am 15. März 1917 wurde er als Oberbefehlshaber abgelöst. Das Ende des Zarenmacht. Ullstein

Zar Nikolaus II. und seine Familie in den 1910er-Jahren: Am 15. März 1917 wurde er als Oberbefehlshaber abgelöst. Das Ende des Zarenmacht. Ullstein

Vor genau 100 Jahren ging das Zarenreich unter. Ein Gespräch mit Kult-Historiker Simon Sebag Montefiore.

«Blutbefleckt, mit Gold überzogen und mit Diamanten besetzt», beschreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore die Romanows. In seinem monumentalen Werk «Die Romanows. Glanz und Untergang der Zaren-Dynastie 1613-1918» (S. Fischer, Frankfurt am Main 2016) durchschreitet er drei Jahrhunderte russischer Geschichte mit zwanzig Monarchen und diversen Regenten. Weder zuvor noch danach gab es ein gewaltigeres Reich, in dem sich Glanz und Grausamkeit auf so unheilvolle Weise verbanden.

Herr Montefiore, «Es war schwer, Zar zu sein.» Mit diesem lapidaren Satz beginnt Ihre Geschichte der Romanows. Wollen Sie gleich zu Beginn Ihre Leser davor bewahren, sich vom Glanz der Macht blenden zu lassen?

Simon Sebag Montefiore: In der Tat gab es bei den Romanows viel Pracht und Herrlichkeit. Zugleich sehen wir ungeheure Ausschweifungen und Gewalt. Die eigentliche Aufgabe dieser Dynastie aber bestand darin, Russland zu regieren, und darauf richtet sich mein Augenmerk. Mir ging es darum, die Wirkung von Macht zu untersuchen. Ich wollte wissen, welchen Einfluss sie auf den Charakter ausübt und wo ihre Begrenzungen liegen. Es interessierte mich der Konflikt zwischen den Ansprüchen dieser Alleinherrschaft und der Persönlichkeit.

Macht sei immer persönlich, betonen Sie…

Nur ein Vertreter des Zarentums zu sein, genügt nicht. Es gibt darüber hinaus eine Alchemie der Macht. Sie unterscheidet einen mächtigen Herrscher von einem machtlosen, der bloss auf einen gewichtigen Titel verweisen kann. Mehrere Faktoren wirken dabei zusammen, die persönlichen Eigenschaften ebenso wie das Geflecht der vielfältig verwobenen Beziehungen und die politische Situation. Viele russische Zaren waren grosse Potentaten, verfügten in Wirklichkeit aber über wenig Macht.

Mit Katharina I. begann nach dem Tod Peters I. des Grossen eine von regierenden Frauen geprägte Ära. Gingen Zarinnen anders mit der Macht um?

Sie mussten andere Wege zur Ausübung ihrer Herrschaft finden. Zum Beispiel konnten sie keine Armeen befehligen. Also brauchten sie Kommandeure. Politisch waren sie natürlich auf Partner angewiesen. Aber sie zeigten grosses Geschick bei der Organisation des Hofes und verstanden es, Repräsentation und Macht zu paaren. Einige der grössten Romanows waren Frauen. Katharina I., Elisabeth und Katharina II. erwiesen sich als exzellente Politikerinnen.

Sie schildern die monströsesten Alkohol- und Sex-Exzesse und bezeichnen diese als normal…

Solche Exzesse waren bis zum 17. Jahrhundert in allen Dynastien gang und gäbe. Denken Sie an die Tudors in England. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts änderte sich das. Da entwickelten sich in West- und Zentraleuropa bürgerliche Gesellschaften. Es wurden Institutionen geschaffen, die die imperiale Macht begrenzten. Aus dieser Perspektive erschien das geheiligte Zarentum mit seinen unmässigen Marotten dann nicht mehr so normal.

Welche Beziehung hatten die Zaren zur russischen Bevölkerung?

Sie waren immer abgeschirmt von den gewöhnlichen Menschen. Das betraf insbesondere die Zarinnen, die sich kaum ins Land hinaus bewegten. Peter I. der Grosse hingegen sowie Grigori Potemkin, der berühmte Minister der Romanows, aber auch Nikolaus I. und Alexander I. reisten regelmässig über riesige Entfernungen hinweg durch das Reich. Sie sahen eine Menge vom Land und von den Menschen. Am meisten schottete sich der letzte Zar Nikolaus II. ab.

Einer Ihrer Vorfahren, Sir Moses Montefiore, reiste Mitte des 19. Jahrhunderts nach St. Petersburg zu Zar Nikolaus I., der sich durch besonderen Judenhass hervortat…

Der Antisemitismus spielte während der gesamten Herrschaft der Romanows eine enorme Rolle. Mein Vorfahre war einer der tapfersten Aktivisten, der dagegen vorging. Er reiste ins Osmanische Reich, nach Rumänien und eben nach Russland, um die Herrscher und ihre Regierungen von ihrer antisemitischen Haltung abzubringen. Mehr und mehr wurde der Antisemitismus zu einem Bumerang. Er entfremdete Russland vom Westen und das Regime von Millionen seiner Bürger. Sie wanderten nach Amerika aus oder schlossen sich den Revolutionären an. Aber der Antisemitismus setzte sich auch während der Sowjet-Herrschaft fort.

Einige Konflikte, mit denen die Romanows sich herumschlugen, sind selbst heute noch nicht gelöst – etwa jener um die Halbinsel Krim. Bleibt das ein Dauerstreit?

Wir könnten ein grossartiges Abkommen mit dem neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump erleben, wodurch der russische Besitz an der Krim Anerkennung findet. Die Ukraine bleibt jedoch ein dauerndes Problem. Russland betrachtete sie immer als seine Einflusssphäre.

Würden Sie Russland als eine europäische oder asiatische Macht bezeichnen?

Beides. Russland ist zum einen Teil eine westliche und zum anderen eine östliche Macht. Es ist eine eurasische Macht.

Den Vorstoss von Alexander I. nach Paris bezeichnen Sie als Höhepunkt der Romanow-Dynastie. Inwiefern war er das?

Alexander I. trug mit seinem Vormarsch auf Paris 1814 entscheidend zum Ende der französischen Vorherrschaft in Europa bei. Persönlich schmiedete er die Koalition gegen Napoleon. Die Einnahme von Paris war ein riesiger Erfolg. An der Seite des preussischen Königs Friedrich Wilhelm III. und des Fürsten Schwarzenberg ritt Alexander I. in die Stadt ein. Der Friedensschluss mit Frankreich bildete den Höhepunkt in der Geschichte der Romanows, auch wenn diese Leistung von der Geschichtsschreibung bisher nicht angemessen gewürdigt wurde. Sie hob Alexander I. aus allen anderen russischen Herrschern hervor. Offensichtlich hoffte er, Russland zur grössten Macht Europas aufsteigen zu lassen. Die Grundlage dafür schuf er.

Viele Zaren zeigten sich Reformen gegenüber abgeneigt, insbesondere die letzten. Aber nehmen wir an, die Reformen hätten stattgefunden: Wäre die Revolution dann unterblieben?

Nichts in der Geschichte erfolgt zwangsläufig. Die Gewalt und das Gemetzel der bolschewistischen Revolution waren ebenso wenig unausweichlich wie der Bürgerkrieg.

Bestehen von den Zaren über die Sowjetführer bis zur Gegenwart Traditionslinien ?

Zweifellos. Putin sieht sich als Erbe von beiden. Er versteht sich als Nachfolger der grossen sowjetischen Führer, insbesondere Stalins, und der Romanows. Im Vordergrund stehen dabei natürlich die Grossen wie Peter I., Alexander I. oder Nikolaus I. und der «Koloss» Alexander III., der liberale Reformen rigoros ablehnte. Putin empfindet es als seine Bestimmung, die Macht Russlands wiederherzustellen. Dazu gehören sowohl die Annexion der Krim und die Intervention in Syrien als auch die Alleinherrschaft im Inneren.

Man erfährt in Ihrem Buch zahllose, auch kuriose Details wie etwa Katharina II., die Grosse als Erfinderin des ersten Strampelanzugs. Wo haben Sie all diese Informationen gefunden?

Ich hatte uneingeschränkten Zugang zu den Archiven in Russland. Die sind voll mit solchen Einzelheiten. Es gibt eine immense Fülle an Tagebüchern und unveröffentlichten Briefen. Allerdings stellte ich fest, dass die Archive von westlichen, aber auch von sowjetischen Wissenschaftlern kaum benützt worden waren. Westliche Historiker begeistern sich für Peter I. den Grossen, Katharina II. die Grosse oder Nikolaus II. Aber die meisten der anderen Zaren und Zarinnen interessieren sie nicht. Geschichtsschreibung besteht für mich darin, eine Zusammenschau zu ermöglichen und persönliche Details mit dem Fluss der Macht und dem Lauf der Geschichte zu verbinden.

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