Im Merker-Areal in Baden ist es ruhig. Niemand da? Doch. Eine Stimme leitet die Besucherin zum Büro von Tanz & Kunst Königsfelden und damit zu Brigitta Luisa Merki. Die Choreografin und künstlerische Leiterin der Tanzcompagnie Flamencos en route sowie der Tanzplattform Tanz & Kunst Königsfelden ist auf dem Sprung ins Oederlin-Areal, wo die Proben zu «Bolero. Tanz der Feuertaube – von Silja Walter inspiriert» stattfinden.

Brigitta Luisa Merki, 2007 haben Sie Tanz & Kunst Königsfelden gegründet. Weshalb hat sich die international erfolgreiche Tänzerin, Choreografin und künstlerische Leiterin von Flamencos en route entschlossen, einmal mehr bei null anzufangen?

Brigitta Luisa Merki: Es war keine Nullstunde, eher ein Anstoss zu neuen Perspektiven: neben meiner Tourneetätigkeit ganz spezielle Projekte nur für diesen Ort zu kreieren. Ich habe in meinen Choreografien stets unterschiedliche Kunstsparten vereint. In der Klosterkirche Königsfelden findet dieses Miteinander von Tanz, Musik und Kunst ideale Voraussetzungen.

«Raum und Ort haben mich inspiriert und ich bin dieser Vision gefolgt», sagten Sie damals. Welches Geheimnis birgt die Klosterkirche?

Mich interessiert das Atmosphärische im Theater; ich möchte mit meinen Inszenierungen alle Sinne und vor allem das Herz des Zuschauers erreichen.

Und damit Magie beschwören – aber wie?

Durch das Zusammenwirken von Klang, Bild und Bewegung. Die Grösse des Raums und sein Resonanzkörper tragen viel zu dieser ganzheitlichen Wahrnehmung bei.

Auch die Zuschauer machen ihre Erfahrungen mit dem Raum. In der ersten Produktion, «resonancias», sassen sie längsseitig; inzwischen sitzen sie auf einer grossen Tribüne mit Blick auf das Hauptportal.

Das Publikum erlebt den Kirchenraum in jeder Inszenierung neu. Die Raumgestaltung durch visuelle Künstler ist Teil des künstlerischen Konzepts.

Daran anknüpfend: Für die Jubiläumsproduktion «Bolero. Tanz der Feuertaube» hat die Künstlerin Maja Hürst ein riesiges Wandbild, ein sogenanntes Mural, geschaffen.

Sie hat eine ganze Woche an diesem Bild gemalt, das die gesamte Höhe und Breite der Stirnwand einnimmt, was in einer Höhe von 19 Metern ein wahrer Kraftakt war. Maja Hürsts Bild bekommt in meiner Choreografie einen besonderen Stellenwert.

Und die Musik?

Ein besonderer Leckerbissen. Das Musikensemble Chaarts aus dem Aargau spielt unter anderem den Bolero von Ravel, aber auch eine Komposition von Antonio Robledo, was ein langersehnter Wunsch von mir ist. Und natürlich sind meine Flamencomusiker dabei.

Für Ihre spartenübergreifenden Projekte lassen Sie sich immer wieder von Lyrik inspirieren – wie auch jetzt. Da erwähnen Sie Ihre Inspirationsquelle, Silja Walter, ausdrücklich.

Persönlich habe ich sie durch Susana kennen gelernt, die ehemalige künstlerische Leiterin und Choreografin von Flamencos en route. Sie war eng befreundet mit Silja Walter. Durch ihre Weihnachtsspiele war sie mir aber seit Kindheit ein Begriff. Ihre Lyrik hat immer viele Leser und Leserinnen in der Tanzwelt gefunden.

Weil darin der Tanz präsent ist?

Er ist allgegenwärtig. Silja Walters Poesie ist wie eine tänzerische Meditation; körperlich, klangvoll und von Farben durchtränkt; wortstark im Ausdruck – eine erotische Kraft, die für das Leben im Sinne einer Ganzheit steht. Dieser Tanz steht für das Menschsein; seine Schönheit und seine Suche im Existenziellen. Man könnte sagen, dass in Silja Walters Poesie der Mensch im Tanz erblüht.

Silja Walter lebte von 1948 bis 2011 im Kloster Fahr. Weshalb ist Ihr Interesse für diese Frau derart gross?

Es ist in erster Linie Silja Walters Lyrik, die mich fasziniert; ausserdem faszinieren mich die Überzeugung und Radikalität, die ihrem Handeln und ihrer Lebensform zugrunde liegen. Aber auch ihr Eigensinn, ihr rebellisches Wesen; ihre Kraft, an das Eine zu glaube. Und dies: Mit dem Rücken zur Welt stehen in der Abgeschiedenheit des Klosters und trotzdem mit ihr verbunden bleiben. In einer Gemeinschaft eingebunden zu sein und doch in der eigenen Zelle zu sich finden; bei sich zu sein. Von Gemeinschaft und Individualität; von tiefen, persönlichen Erschütterungen handelt auch meine Choreografie.

Blenden wir zurück: 2015 haben Sie erstmals nicht selbst inszeniert, sondern mit den Tänzern und Choreografen Alfredo Bravo und Arantxa Sagardoy zwei Vertreter einer völlig anderen, zeitgenössischen Tanzsprache eingeladen. Weshalb?

Tanz & Kunst Königsfelden versteht sich als zeitgenössische Plattform für Tanz, Kunst und Musik, wobei jede Tanzform zeitgenössisch sein kann. Denn der Begriff des Zeitgenössischen ist im Hinblick auf den Tanz nicht mehr zeitgemäss. Es kommt nicht auf das tänzerische Vokabular an, sondern auf den Inhalt. Insofern sind auch meine Choreografien zeitgenössisch, obwohl mehrheitlich mit spanischem Tanzvokabular formuliert.

2012 wurde Tanz & Kunst Königsfelden zu einem der kulturellen Leuchttürme des Kantons ernannt. Inwiefern ist diese Auszeichnung wichtig?

Kunst braucht Orte und Räume, in denen sie sich offenbaren und definieren kann. Sie braucht aber auch ein Umfeld in der Gesellschaft, manchmal auch einen Anker an einem Ort.

Was kann Kunst damit schaffen?

Bildung und Gemeinschaft sowie kulturelle Verbundenheit dank unterschiedlicher künstlerischer Themenbereiche.

Man spricht heute viel von Vermittlung, kultureller Teilhabe …

… und vom Ineinandergreifen unterschiedlicher Kunstsparten und Gesellschaftsschichten. All dies geschieht im kulturellen Leuchtturm Tanz & Kunst Königsfelden seit zehn Jahren. Hoffentlich kann dies bewahrt werden.

Mit Unterstützung der Politik?

Hier brauchen wir Menschen, die für kulturelle Interessen einstehen und Kunst und Kultur auf ihre Fahne schreiben.

Wie sieht die Zukunft von Tanz & Kunst Königsfelden aus?

Ich weiss noch gar nicht, was mich in den nächsten Jahren erwartet. Nur eins ist sicher: Ich werde meinen künstlerischen Visionen treu bleiben, sie umzusetzen versuchen – wo und in welcher Form auch immer – und auf meinen Erfahrungen und Fähigkeiten bauen.

Spielen Sie damit auf Einsparungen im Kulturbereich an?

Viel Wertvolles in der Kulturlandschaft ist heute in Gefahr, weggespart zu werden. Wir müssen uns deshalb bemühen, den Wert von Kultur und Kunst bewusster zu machen in der Gesellschaft.

Was müsste es denn geben?

Neue Mess- und Werteinheiten für Sinn und Wert der Kultur, die unser Zusammenleben prägt, bestimmt und bereichert. Der Massstab, der für den Erfolg im Business angesetzt wird, kann nicht einfach auf den Kulturbereich angewendet werden.

Bolero. Tanz der Feuertaube – von Silja Walter inspiriert Klosterkirche Königsfelden (Windisch) vom 19. Mai bis 18. Juni, 21 Uhr.