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Ein Industrieareal wurde in ein kleines Stück Stadt mit Wohnungen, Büros und Restaurants verwandelt. Das Aeschbachquartier in Aarau.

Ein Industrieareal wurde in ein kleines Stück Stadt mit Wohnungen, Büros und Restaurants verwandelt. Das Aeschbachquartier in Aarau.

Rahel Marti sagt, warum Ökonomie und Ökologie nicht reichen, um ein lebenswertes und nachhaltiges Quartier neu zu bauen.

Alles so menschlich hier – das ist der angenehme Eindruck, der vom Aarauer Aeschbach-Quartier bleibt. Anders als bei so vielen neuen Überbauungen von Rorschach bis Genf sind hier keine Gebäudeklumpen vom Himmel gefallen mit austauschbaren 80-Meter-Fassaden. Hier wurde ein Industrieareal in ein kleines Stück Stadt mit Wohnungen, Büros und Restaurant verwandelt, durch das man gerne flaniert.

In der Industriezone Torfeld Süd nahe des Bahnhofs Aarau wurden früher Knet- und Mischmaschinen und elektrische Apparate gebaut. Ab 2001 kaufte das Immobilienunternehmen Mobimo Grundstück für Grundstück. Man vereinbarte mit der Stadtverwaltung, dass die historische Aeschbachhalle stehen und Platz für einen öffentlichen Park bleiben solle. Die Städtebauerinnen und Architekten des Büros KCAP gossen dieses Programm in einen überzeugenden Städtebau.

Zuhinterst, im ruhigen Teil, stehen Reiheneinfamilienhäuser mit eigenem Garten und Mehrfamilienhäuser mit Wohnungen im Stockwerkeigentum. Sie blicken in die grüne Pause: In den Oehler-Park, einen Minipark. Einen Schritt weiter steht man in einer Ministadt.

Die Häuser sind dicht beieinander gebaut, verschieden und doch zusammenpassend gestaltet, mit Wohnungen für verschiedene Geschmäcker und Lebenszeiten. Gruppiert um ein Unikum: Die riesige alte Aeschbachhalle mit Restaurant und Bar, mit Bühne und Saal, mit Arbeitsplätzen und Sitzungszimmern.

So schlägt im neuen Quartier ein altes Herz, und zumindest dieser Faden der Geschichte wird weitergesponnen. Ganz zuvorderst wäre der Ort für einen kleinen Stadtplatz gewesen, mit Boulevard-Café und mondän überragt vom eleganten Gastro-Social-Hochhaus – doch ausgerechnet hier gähnen bloss seltsame kleine Wiesen, Versickerungsflächen für ein Jahrhunderthochwasser. Da haben Technokraten Stadt geplant. Doch im Grossen und Ganzen ist dieses neue Stück Aaraus gelungen und ein Modell, um Leute mit dem Traum vom Einfamilienhaus in der Stadt zu halten, wo sie weniger Auto fahren und keine Wiesen zubetonieren.

Ein Industrieareal wurde in ein kleines Stück Stadt mit Wohnungen, Büros und Restaurants verwandelt: das Aeschbachquartier in Aarau.

Ein Industrieareal wurde in ein kleines Stück Stadt mit Wohnungen, Büros und Restaurants verwandelt: das Aeschbachquartier in Aarau.

Eine soziale Monokultur

Also alles so menschlich hier? Nein. Ein grosses Aber bleibt. Das neue Quartier ist, sozial betrachtet, eine Monokultur. Hier lebt, wer 1600 Franken Miete für 2,5 Zimmer oder 2500 Franken Miete für 4,5 Zimmer zahlen kann. Oder 1 Million Franken für den Kauf eines Hauses. Die Tamilin, die in der Aeschbachhalle kocht, sie kann mit ihrer Familie nicht im schönen neuen Quartier wohnen. Auch nicht die Bosnierin, die die Eingangshalle des stolzen Gastro-Social-Turm reinigt. Auch nicht der Albaner, der als Landschaftsgärtner den kleinen Park pflegt. Und auch nicht die alteingesessene Rentnerin, die gerne in der lebhaften Nachbarschaft spazieren würde. Für alle sind die Wohnungen nicht erschwinglich. Vielleicht müssen sie gar weiterwegziehen, denn eine Folge des gehobenen neuen Quartiers kann sein, dass Eigentümer und Vermieter rundherum den Braten riechen, ihre Wohnungen sanieren und ebenfalls verteuern.

Aeschbach ist überall. Auf die Ökonomie, sprich die Rendite, achtet in der Immobilienbranche bekanntlich immer jemand. Wir werden auch langsam besser darin, energieeffizient zu bauen, ökologischer also. Doch zur Nachhaltigkeit zählt neben der Wirtschaft und der Umwelt auch die Gesellschaft. Und eine gesellschaftliche Monokultur ist nicht nachhaltig. Sie ist realitätsfremd. Ohne Menschen, die wenig verdienen, könnten wir Restaurants, Spitäler und Grossverteiler schliessen. Doch genauso wie der Chefarzt soll auch die Pflegehelferin zu Fuss oder mit dem Velo in einer Viertelstunde zu Hause sein, also in der Stadt wohnen, wo sie arbeitet. Ein sozial nachhaltiges Quartier bietet deshalb günstige und teure Wohnungen, kleine und grosse. Für Jung und Alt, für Familien und Singles, für solche, die nicht mehr bezahlen können, und für solche, die nicht mehr bezahlen wollen.

Rezepte für eine bessere Durchmischung

In Zug können Gemeinden Zonen für preisgünstigen Wohnungsbau einrichten. Dort muss mindestens die Hälfte der Geschossflächen als preisgünstiger Wohnraum vermietet werden. Im Gegenzug dürfen Investorinnen und Investoren 10 Prozent mehr Flächen bauen. Im Kanton Zürich können als Resultat einer Volksinitiative Gemeinden bei Auf- oder Einzonungen einen Mindestanteil von preisgünstigen Wohnungen festlegen.

Solche Regeln bringen Investorinnen und Investoren dazu, auf demselben Areal Wohnungen für verschiedene Portemonnaies zu bauen. Das führt zu sozial durchmischteren Quartieren, und hätte Aarau ebenfalls eine solche Regel, dann würden die Tamilin, die Bosnierin und der Albaner nun vielleicht auch im Aeschbach-Quartier wohnen.

Investorinnen und Investoren übrigens stören sich an solchen Regeln kaum – erstens wissen sie damit umzugehen, und zweitens sind ihre Häuser dauerhaft voll vermietet. Denn im Unterschied zu teuren Wohnungen sind günstige immer begehrt.

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* Rahel Marti, Leiterin des Ressorts Raumplanung und Städtebau beim «Hochparterre», einem Magazin zu Architektur, Städtebau, Planung und Design in der Schweiz. Sie ist Architektin ETH, 43 und lebt in Zürich.

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