Meine Augen (türkis) sind zwei blutgetriebene Kameras. Je offener und knallharter ich den andern Menschen in ihre Augen schaue, desto brillanter werden die Bilder.» Dieses Zitat von Pipilotti Rist steht am Anfang ihrer ersten Retrospektive in einem Schweizer Museum und wurde für den Titel der Ausstellung, «Blutbetriebene Kameras und quellende Räume», übernommen. Er beinhaltet zwei zentrale Aspekte in Rists Schaffen. Da ist einmal die Kamera mit der die Künstlerin die Welt und vor allem den menschlichen Körper abtastet, mit der sie näher an die Dinge herangeht, als das menschliche Auge es jemals wagen würde. Und da sind da die Räume, in welchen sie die Resultate ihrer akribischen Recherchen in raumgreifenden Licht-Bild-Ton-Installationen präsentiert und welche sie damit weitet und zum Quellen bringt.

Die Komplexität des menschlichen Auges übt eine grosse Faszination auf die Künstlerin aus. Zwar liebt sie die Technik und kennt keine Berührungsängste damit, doch bleibt ihr immer bewusst: «Videotechnik ist eine lausige Kopie unserer extrem entwickelten menschlichen Sinne.» Die Augen der Künstlerin erfassen die Besucher schon im Eingangsbereich. Seit 1994 empfängt sie dort das Werk «TV-Lüster». Es besteht aus sechs an der Decke montierten Monitoren, die als Kronleuchter dekoriert sind, aus denen Pipilotti Rist jeden Eintretenden eindringlich anzublicken scheint. Sie verbindet in dieser Arbeit zwei traditionelle Themen der Videokunst, die Überwachung und die Vorstellung des Monitors als magischer Lampe auf poetische Art und Weise. Gleichzeitig ist es eine Reflexion über das Medium «Fernsehen». Sie hoffe, meint die Künstlerin, dass die Leute es ihr zu Hause gleichtun, und ihre Flatscreens an die Decke hängen würden: «Dann gibt es in der Stube mehr Platz.»

Schönheit der Natur zelebriert

Wohl weil sie in ihren Arbeiten immer auch die Schönheit der Natur und des menschlichen Körpers zelebriert, und sich darin farbenfrohe Bilderwelten auftun, stellt man Pipilotti Rist gerne unter Kitschverdacht. Doch wer ihr solche Etiketten umhängt, hat ihr Werk nicht verstanden: Denn es ist häufig auch die Schönheit der unscheinbaren Dinge, die sie ins rechte Licht rückt. Wenn sie eine Vulva wie eine geheimnisvolle Landschaft filmt, wie in ihrer Installation «Ginas Mobile» von 2007, hat dies in einer Welt, in der sich Schönheitschirurgen an den weiblichen Geschlechtsteilen zu schaffen machen, fast schon gesellschaftliches Sprengpotenzial.

Mit Recht sagt sie: «Ich finde Schönheit nie harmlos. Schönheit ist ja das, was wir selber konstruieren. Physiologisch brauchen wir Dinge im Leben, die wir als schön empfinden, damit sich unser Prozessor erholen kann. (...) Wir brauchen sie, sonst drehen wir durch.» Pipilotti Rist umhüllt die Betrachter mit Schönheit und nimmt sie an der Hand, um sie empfänglich zu machen für ihre durchaus subversiven Botschaften. Sie legt den Besuchern Matratzen mit eingebauten Musikboxen hin, auf dass sie ihre Videos in bequemer Lage und ungewohnter Perspektive betrachten können; sie legt ganze Räume mit weichen Teppichen aus, damit man sich die Schuhe ausziehen und sich entspannt hinsetzen kann, um ganz in ihre wundersamen Bildwelten eintauchen zu können.

Lustvoll bricht die Künstlerin immer wieder Tabus, wie etwa mit ihrer im Stadtpark vor dem Museum aufgehängten Unterhosen-Lichterkette «Hiplights or Enlighted Hips» (Hüftlichter oder aufgeklärte Hüften) aus dem Jahr 2011. Sie zielt aufs Zentrum ihres künstlerischen Schaffens, auf verdrängte Körperlichkeit und den Umgang mit Intimität, sind doch die von der Unterwäsche bedeckten Körperteile nicht nur Ort von Sexualität und Geburt, durch die wir das Licht der Welt erblicken, sondern auch Ort körperlicher Ausscheidung.

«Administrating Eternity»

Erstmals in der Schweiz zu sehen ist die Rauminstallation «Administrating Eternity». Man tritt in einen Raum, der verhängt ist mit halbtransparenten Tüllbahnen, auf die Lichtbilder projiziert werden. Die Anwesenheit der Besucher ist integraler Bestandteil der Installation, wird selbst zur Projektionsfläche. Die feinen und durch die Bewegung der Besucher sich stets leicht bewegenden Stoffe sind in gestaffelten Ebenen aufgehängt und erinnern die Künstlerin an das Prinzip unseres Gehirns: «Wenn wir im Moment im Raum stehen, überlagert die Erinnerung an gestern oder die Freude an morgen, was ich im Moment sehe.»

Pipilotti Rists Auftritt im St.Galler Kunstmuseum ist eine Rückkehr. 1994 hatte die damals 32-jährige Künstlerin dort im Rahmen des Manor-Kunstpreises ihre erste museale Präsentation unter dem Titel: «I’m not the Girl Who Misses Much – Ausgeschlafen, frisch gebadet und hochmotiviert». Die Ausstellung markierte den Beginn einer einzigartigen Künstlerinnen-Laufbahn. Zahlreiche Ausstellungen in bedeutenden Häusern weltweit folgten, so 2001 in der Reina Sofia in Madrid, 2007 im Centre Pompidou, Paris, oder 2008 im Museum of Modern Art in New York. 2005 vertrat die Künstlerin die Schweiz an der 51. Biennale in Venedig. Heute gilt Pipilotti Rist als eine der wegweisende Figuren der zeitgenössischen Videokunst.

Geboren wurde die Künstlerin 1962 in Grabs im St.Galler Rheintal und hat damit den Beweis angetreten, dass es sehr wohl möglich ist, von der tiefsten Provinz aus eine internationale Karriere als Künstlerin zu starten.

Pipilotti Rist «Blutbetriebene Kameras und quellende Räume», Kunstmuseum St. Gallen , bis 25.11.2012.