Als Hausautor am Theater Basel in die alltägliche Theaterpraxis eintauchen wird er zwar erst nach der Sommerpause, der 35-jährige Basler Autor und Übersetzer – doch als Autor kennen zu lernen ist Joël László hier schon jetzt. Sein Auftragstext «Islam.Fantasien» wird am Donnerstag in der Reihe «Paradise Lost» in der Elisabethenkirche gezeigt – mit knapper Probezeit, laborhaft eingerichtet von Regisseur Franz-Xaver Mayr, gespielt von Carina Braunschmidt, Steffen Höld, Max Rothbart, Myriam Schröder und Simon Zagermann und mit anschliessendem Gespräch mit Pfarrer Frank Lorenz, Co-Leiter der Kirche.

«Immer das Fremde, das eindringt»

Der Autor nennt seinen Text auch «Oratorium» – und deshalb passt der Spielort gut. Räumlich und thematisch. Das Stück besteht aus Statements, kurzen Monologen und Dialogen von Eltern, ihren Kindern, einem Rassisten, einem Rückkehrer, einer Überläuferin, Experten und einem Helden aus der Zeit der Kreuzzüge. «Es ist immer das Fremde, das eindringt in dein Haus über deine Türschwelle»; und das verunsichernd Fremde ist heute natürlich der Islam.

Aber der Autor montiert manche Dialogpassagen auch aus Zitaten aus Schnitzlers «Anatol» – das macht sie zeitloser, vielleicht sogar typisch, wobei Schnitzlers «leichte Mädchen» zu «schweren Männern» werden, denen man vielleicht besser nicht traut. Und die Angst vor partnerschaftlicher Untreue wird ins Kulturelle variiert, in eine Familiengeschichte der abrahamitischen Religionen.

Finalist in Heidelberg

Nur zwei Tage nach dieser Uraufführung nimmt Joël László am 29. April dann am Heidelberger Stückemarkt teil. Er gehört inzwischen zur Spitze der deutschsprachigen Nachwuchsdramatiker. In Heidelberg ist er einer der sechs Finalisten (aus 92 Bewerbern) und mit «Wiegenlied für Baran» nominiert – dem Stück, das bei einer ähnlichen Veranstaltung letztes Jahr an den Münchner Kammerspielen den Publikumspreis bekam.

Ursprünglich entstanden als Abschlusswerk des Dramenprozessors, eines Förderprogramms für junge Dramatikerinnen und Dramatiker, erzählt das Stück in entlarvenden Szenen von einem jungen, kreativ-esoterischen Ehepaar, das einen kurdischen Flüchtling bei sich aufgenommen hat, der sie zunehmend irritiert, und «vermisst dabei den Raum zwischen Ideal und Wirklichkeit», wie die Jury schreibt: zeigt, wie kurz der Weg ist von hipper Solidarität zu wehleidiger Hilflosigkeit.

Diese beiden Texte sind politisch klar profiliert und benennen kollektive Positionen und Phobien. Sie haben aber auch etwas Schräges, bildreich Poetisches und überraschend Phantasievolles. Joël László, 1982 in Zürich geboren, ist ein intelligenter, engagierter und belesener Zeitgenosse, der nicht nur mit gesellschaftlichen Erwartungen, sondern auch mit literarischen Formen und Mustern zu jonglieren weiss.

Sein erstes Bühnenstück verfasste er noch als Gymnasiast; es war die «Gulaschoper» mit einer Hauptfigur, die nichts als «Ja» sagen konnte, inmitten eines «absurden Personals». Zuspitzung, Verfremdung, Groteske und Parabel sind Stilmittel geblieben – allerdings musste das Schreiben erst mal hinter dem Lernen zurückstehen. László studierte in Basel Geschichte und Islamwissenschaft (was heute «Nahoststudien» heisst), «bewusst nicht Literatur oder gar Kreatives Schreiben»; er lernte Arabisch, Türkisch, auch etwas Persisch – und ausserdem kann er Ungarisch, das ist seine «intellektuelle Grossvatersprache».

Er lebte längere Zeit in Kairo, später in Istanbul, war 2012/13 Assistent an der Uni, und schreibt eine Dissertation, die sich mit politischer Repräsentation und Visual History in der frühen Republik Türkei auseinandersetzt.

Und übersetzte nebenher Texte syrischer Flüchtlinge für das Theater Graz und das Schauspielhaus Zürich, übersetzte und bearbeitete den ungarischen Klassiker «Liliom» neu für das Theater Marie in Aarau, das auch zwei weitere Kurzstücke von ihm spielte: «Reykjavik-Pinakothek», ein Diskursstück als beinahe Bernhardsche Kunst-Beschimpfung unter Kuratoren sowie «Ich bin das Tier mit dem Fell» – das auch ins Russische übersetzt wurde.

Eine beklemmende, parabelhafte Dystopie, der vielleicht letztmögliche menschliche Flirt-Versuch zwischen einem steingreisen Coiffeur und seiner jungen Kundin.

Talent, Erfahrung, Ruhe

Und ab und zu entstanden auch Prosastücke. Ein paar sind in Literaturzeitschriften veröffentlicht worden, andere leider noch nicht – die furiose, an Hermann Burger erinnernde Erzählung «Ny’s Spätwerk» etwa. Es ist die Wutrede eines leergeschriebenen und von der Szene marginalisierten Schriftstellers, der die Verkommenheit der heutigen Schweiz erklärt mit einer seit mindestens den letzten vier Eiszeiten andauernden jüdischen Weltvergiftung sowie der tolldreisten Besessenheit der «Rübensäuweiber»...

Joël László bebt vor Ideen und ist rastlos produktiv, dabei hat er auch eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Seine Augen lachen. Er freut sich auf die Zeit als Hausautor am Theater Basel und will «versuchen, alles gleichzeitig zu schaffen und nicht zu viel zu denken vorher». Er kann es sich leisten: Hat so viel Talent, schon einiges an Erfahrung und dazu die nötige selbstbewusste Ruhe.