Jedes meiner Projekte bekommt auf meinem Computer einen Ordner. Alle Ordner sehen in etwa gleich aus. Es gibt ein Dokument mit dem Text, an dem ich arbeite und das in der Regel den Arbeitstitel des Romans oder der Erzählung trägt, im Fall von «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» war es «Alter Ego». Ein zweites Dokument heisst «Notizen», darin stehen die Gedanken, die ich mir während des Schreibens mache. Dann gibt es meist einen Zeitplan, in dem ich die Ereignisse des Textes laufend nachführe, um in komplexer gebauten Texten nicht die Übersicht über die Chronologie zu verlieren, und manchmal noch ein Dokument namens «Reste», in das Textteile kommen, die ich während des Schreibens verwerfe, aber annehme, ich könne sie später noch brauchen, was aber eigentlich nie der Fall ist.

Schliesslich gibt es einen Unterordner mit Materialien, der sich meist erst während des Schreibens füllt, im Fall der «Sanften Gleichgültigkeit» finden sich darin Bilder von den Schauplätzen, Auszüge aus Texten, die ich im Buch zitiere, ziemlich viel Literatur über Doppelgänger von Annette von Droste-Hülshoff über Heinrich Heine, Fjodor Dostojewski bis Jorge Luis Borges, einen Ordner mit Doppelgängerbildern aus der Kunst und ein Dokument mit mehreren Pianistenbiografien. Das Dokument «Notizen» ist eine Art Tagebuch des Romans, das mit einem Eintrag beginnt, den ich mir während meiner Sommerferien am 3. August 2015 machte:

Eine Erzählung, in der Menschen andere Menschen beobachten bei Dingen, die ihnen später selbst zustossen. Als sähen sie sich in der Zukunft. (Beim Lesen von «Vogelweide» von Uwe Timm)

Wenn ich mich recht erinnere, inspirierte mich eine Szene in Uwe Timms Roman «Vogelweide», in der ein älteres Paar in einem Café ein jüngeres beobachtet und sich in ihm wiedererkennt. Ich habe, als mein Buch schon fertig war, noch einmal nach jener Stelle in «Vogelweide» gesucht, sie aber nicht mehr gefunden. Als ich Uwe Timm danach fragte, meinte er, er erinnere sich an keine solche Stelle. Für mich war diese kleine Episode ein Beweis dafür, dass man in guten Büchern auch Dinge lesen kann, die nicht in ihnen stehen.

Fiktive Doppelgänger

Ob es sie nun gibt oder nicht, war diese Szene, war diese erste Notiz, die ich mir nach dem Lesen machte, die Keimzelle des Romans. Aber das Doppelgängerthema, um das es in der «Sanften Gleichgültigkeit der Welt» geht, war in meinen Büchern immer vorhanden. Nur waren die Doppelgänger meiner Figuren bisher immer fiktiv. In «Ungefähre Landschaft» erfindet sich Katharinas Mann Thomas eine fiktive Biografie, in der er alles geschafft hat, wozu er im realen Leben nicht fähig ist. In «An einem Tag wie diesem» erkennt Andreas seine Jugendliebe in einer literarischen Figur wieder.

Diese fünf Autoren sind für den Schweizer Buchpreis nominiert:

Auch mein erster Roman «Agnes» ist in gewissem Sinn eine Doppelgängergeschichte, neben der realen Agnes gibt es die fiktive, die ihr Freund beschreibt und deren Leben Einfluss nimmt auf das Leben der lebendigen Agnes. Überhaupt spielt mein erster Roman für das neue Buch eine grosse Rolle. Ich bin schon seit Jahren sehr viel mit «Agnes» unterwegs, verbrachte viel Zeit mit Schülern, beantwortete ihre Fragen und diskutierte den Roman mit ihnen. Immer wieder tauchte dabei die Frage auf, ob man das Buch nicht auch aus der Sicht von Agnes hätte schreiben können.

Es gibt gute Gründe, weshalb ich «Agnes» damals aus der Sicht des Mannes erzählte, aber vielleicht ist bei der Frage, wie Agnes ihre Geschichte erzählen würde, die Idee entstanden, das Thema des Buchs noch einmal aufzugreifen und neu zu betrachten, zu bearbeiten. Seit Jahren hatte ich vorgehabt, wieder einmal einen verschachtelteren Text zu schreiben, ohne genaue Vorstellung davon, welche Geschichte ich darin erzählen wollte. Der neue alte Stoff schien dafür ideal. Nun brauchte ich nur noch einen Angriffspunkt, von dem aus ich die Geschichte erzählen konnte.

Ende November 2015 machte ich eine Lesereise nach Schweden und traf in Stockholm Johannes Schmid und Odine Johne, den Regisseur und die Hauptdarstellerin des Agnes-Films, der kurz darauf in die Kinos kommen sollte. Ich traf mich mit Odine im Waldfriedhof, in dem später der Roman beginnt, und spazierte mit ihr durch die Stadt. Wir sprachen über ihre Rolle und ihre Sicht auf Agnes, und so wurde die Figur für mich vielleicht lebendiger, als sie es jemals gewesen war.

Zu Beginn unserer Weihnachtsferien mache ich mir zum ersten Mal eine Notiz zur Struktur des Buches und – obwohl ich noch keine Ahnung habe, welche Geschichte ich erzählen will – schreibe auch gleich die erste kleine Szene, die ersten Sätze des Romans.

Es wimmelt in den ersten Notizen von «vielleicht» und «eventuell» und «oder» und die Handlung wirkt arg konstruiert. Bis ich am 4. Januar 2016 mit dem Schreiben des Romans beginne, notiere ich mir fast täglich neue Möglichkeiten, wer die Figuren sein, wie sie interagieren könnten. Am 19. Januar bekommt der Erzähler seinen Namen, Christoph. Den Namen der Frau ändere ich von Julia zu Nora, die Namensänderung zu Magdalena mache ich erst, als das Buch fast fertig ist.

Kurz vor den Sommerferien wächst der Roman bis Kapitel vierzehn. Aber in den Notizen sind auch Zweifel festgehalten. Obwohl ich schon mehr als einen Drittel des Romans geschrieben habe, scheinen die Figuren noch alles andere als gefestigt zu sein. Die Notizen betreffen meist die Textstelle, an der ich gerade schreibe, und reichen nie sehr weit in die Zukunft.

Auch die Recherchen zum Buch laufen parallel zum Schreiben. Ich beschaffe mir einen Katalog des Schwedischen Nationalmuseums, um herauszufinden, welche Bilder Nora dort sehen könnte, und befrage eine befreundete Berufsberaterin vom Arbeitsamt über die Arbeitsmöglichkeiten von Christoph nach seiner Rückkehr in die Schweiz. Im Oktober bin ich achtundvierzig Stunden in Barcelona und recherchiere kurz die Barceloneta:

Fünfstöckige Häuser, auf den Balkonen Wäsche aufgehängt, Fahnen, vergitterte Fenster in den Erdgeschossen. Von irgendwoher Musik, Küchengerüche vermischen sich mit der salzigen, warmen Luft, die vom Meer her weht. Das Rauschen der Wellen verschluckt alle anderen Geräusche. Die warme Luft berührte uns.

Wie immer am Meer musste ich an das Vergehen der Zeit denken.

Am Horizont ein Kreuzfahrtschiff. Hellbrauner Sand, Tauben statt Möwen.

Wiederkehrende Leben

Bis Ende Oktober komme ich kaum zum Schreiben, mache mir nur dann und wann Notizen. Dafür fange ich schon an, am Schluss herumzudenken. Jetzt erst scheine ich Dostojewskis Roman «Der Doppelgänger» zu lesen, notiere mir aber nur ein Zitat aus dem Buch:

Herr Goljadkin sehe jetzt so aus, als wolle er sich vor sich selbst verstecken, als wolle er vor sich selbst irgendwohin fliehen! Ja, es war wirklich so. Wir können noch mehr sagen: Herr Goljadkin wünschte nicht nur vor sich selbst zu fliehen, sondern sogar gänzlich vernichtet zu werden, nicht zu existieren, in Staub und Asche verwandelt zu werden.

Die Idee, dass es nicht nur einen Doppelgänger gibt, sondern eine lange Reihe sich immer wiederholender Leben, scheint sich gefestigt zu haben.

Ich füge das letzte Kapitel hinzu, in dem ein junger Mann einen gestürzten Alten findet, ein Erlebnis, das ich tatsächlich vor sehr langer Zeit hatte und das mir all die Jahre in Erinnerung geblieben ist. Aber der Schluss scheint mich noch nicht zu befriedigen, und ich mache mir weiter Notizen. In Berlin treffe ich Odine Johne, die Film-Agnes, erneut zu einem Spaziergang durch die Stadt und erzähle ihr von meinem Projekt. Im Gespräch mit Odine wird die Figur Noras lebendiger, und es wird mir bewusst, dass sie stärker sein muss als Agnes.

Ich schreibe den Schluss fast so, wie er heute im Buch steht. Erst jetzt wird klar, dass Nora den beiden Männern entkommt, in gewissem Sinn die Siegerin ist in dem Spiel. Erst viel später, nach vielen Lesungen, fällt mir auf, dass Noras beziehungsweise Magdalenas Sieg schon auf den ersten Seiten des Buches angekündigt wird, als es heisst:

Magdalena hatte sich oben auf dem Hügel unter einen der kahlen Bäume gesetzt und schaute mir entgegen, als hätten wir ein Wettrennen gemacht und sie sei die Siegerin.

Variierende Handlungen

Es ist, als hätte das Buch lange vor mir gewusst, dass Nora gewinnen würde, als hätte dies quasi in seiner DNA gesteckt. Erst als ich dies im Text verwirklicht hatte, schloss er sich zu einem Ganzen.

Am 18. 1. 2017, meinem vierundfünfzigsten Geburtstag, sandte ich den Text, der den Titel «Nora» trägt, meinem Lektor Oliver Vogel. Ich weiss nicht, wie oft ich das Buch danach noch lese und überarbeite. Die erste Niederschrift des Romans hat ziemlich genau ein Jahr gedauert, die Überarbeitungszeit noch einmal vier Monate. Bis das Buch im Februar 2018 herauskommt, lese ich es noch ein paar Mal durch, die Fahnen, den ersten Korrekturlauf, den zweiten, das Leseexemplar, das im November an die Buchhandlungen und an die Presse verschickt wird.

In all den Notizen, die ich mir beim Schreiben machte, ging es nie um die Bedeutung des Textes, immer nur um Handlungsvarianten. Ich hüte mich beim Schreiben davor, mir darüber Gedanken zu machen, was mein Text bedeuten, was er meinen könnte. Zu gross ist dabei die Gefahr, einen eindeutigen, eindimensionalen Text zu schreiben. Stattdessen vertraue ich darauf, dass durch die langsame, konzentrierte Arbeit ganz von selbst ein vielschichtiger Text entsteht. Richtig kennen lerne ich mein Buch dann erst auf den Lesereisen durch das Vorlesen und die Diskussionen mit dem Publikum. Auf einen Aspekt werde ich von der Literaturkritikerin Insa Wilke hingewiesen, die zwei Monate nach Erscheinen des Buches eine Lesung mit mir moderiert. Sie schreibt mir:

Es kommt mir vor, als habest Du etwas aus der Hand gegeben und frei geschehen lassen, obwohl das Buch auf den ersten Blick viel kontrollierter wirkt als Deine letzten Romane. Es hat etwas ganz Starkes, ohne, dass ich sofort sagen könnte, was das Starke ist.

Die Mail bringt mich zum Nachdenken. Und mir fällt ein, was bei diesem Buch anders war als bei meinen bisherigen Büchern. Zum ersten Mal hat eine Figur eine Doppelgängerin in der realen Welt. Odine Johne ist nicht Nora/Lena, aber wenn Lena mit Agnes verwandt ist und Agnes von Odine gespielt wurde, können die drei Frauen doch füreinander stehen und sprechen. Und im Gespräch mit Odine über die Rolle der Agnes und auch über Lena und den neuen Roman kam einiges an Aussensicht hinzu, was vielleicht den Eindruck erzeugte, ich hätte «etwas aus der Hand gegeben».

Einer der Auslöser für das Buch war der Wunsch von Schülern und Schülerinnen gewesen, die Geschichte von «Agnes» aus der Sicht der Frau zu erzählen. Auch das neue Buch wird aus der Sicht des Mannes erzählt, und dafür gibt es abermals gute Gründe, aber diesmal kommt die Frau doch mehr zu Wort. Sie ist weniger ein Spielball und selbstbestimmter. Sie lässt sich nicht mehr alles gefallen und – vielleicht am wichtigsten – sie spielt das Spiel irgendwann nicht mehr mit und verabschiedet sich in die Freiheit.

Wenn meine Figuren sich von mir befreien, was bleibt dann für mich zu tun? Ich habe keine Ahnung, ich ahne nur, dass damit neue Abenteuer auf mich zukommen, Abenteuer, auf die ich mich freue und die der wahre Grund dafür sind, dass ich mit dem Schreiben angefangen und die Entscheidung nie bereut habe.