Schweizer Buchpreis

Peter Stamm erweist sich als würdiger Gewinner: «Es gibt kein bestes Buch»

Buchpreis-Gewinner Peter Stamm (55) sagt: «Wichtiger als Preise sind die Bücher.»

Buchpreis-Gewinner Peter Stamm (55) sagt: «Wichtiger als Preise sind die Bücher.»

Peter Stamm gewinnt den Buchpreis 2018. Eine würdige Wahl — und ein würdiger Gewinner.

«Natürlich bin ich lieber Gewinner als Kandidat, aber es liegt in der Natur der Sache, dass es immer mehr Verlierer als Gewinner gibt. Im Übrigen darf man solche Preise nicht zu ernst nehmen. Wichtiger als die Preise, da sind sich wohl alle einig, sind die Bücher», hatte Peter Stamm am Freitag auf Anfrage per Mail geschrieben.

Zum dritten Mal war er für den Schweizer Buchpreis nominiert, die beiden vorherigen Male war einem anderen der Sieg zugesprochen worden. In den Medien wurde der Autor deshalb gerne als «Stammgast» oder «ewiger Kandidat» bezeichnet. Damit ist nun Schluss. Gestern hat Peter Stamm für seinen Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» den diesjährigen Schweizer Buchpreis gewonnen.

Bei der Preisverleihung sagte der Autor dann: «Es gibt kein bestes Buch.» Bücher seien nicht wie Tennisspieler: «Jedes Buch ist für bestimmte Leser.» Er verneigte sich vor seinen vier mitnominierten Autorenkollegen: Das Schönste am Buchpreis sei, dass er auf der Lesetour vier Autoren kennen gelernt habe, und dass sie nie Konkurrenten gewesen seien – oder nur ganz kurz.

Kritik und Wermutstropfen

Gross war das Interesse bei der gestrigen Preisverleihung im Foyer vom Theater Basel, Extrareihen mussten aufgestellt werden und Zuschauer drängten sich auch auf den Galerien. Zwei Themen hingen im Raum, wurden aber elegant aufgefangen. Zum einen die grundsätzliche Kritik nach der Feier zum zehnjährigen Jubiläum des Preises im vergangenen Jahr. SRF-«Literaturclub»-Moderatorin Nicola Steiner hatte beim Jubiläumsanlass den Finger auf einen wunden Punkt gelegt und die Doppelrolle von gewissen Juroren hinterfragt. In der Folge kam es in der Szene zu einem Sturm, die Moderatorin rutschte in dessen Zentrum. Mittlerweile sind die Wogen geglättet, das Reglement wurde überarbeitet und geschärft. Juroren dürfen beispielsweise nach Bekanntgabe der Shortlist die Nominierten nicht mehr in Zeitungsartikeln vorstellen oder Veranstaltungen mit ihnen moderieren. Einziger Wermutstropfen: Mutlos wurde die Chance zu Steiners Rehabilitation verpasst.

Heinz Helle, Peter Stamm, Sieger, Vincenzo Todisco, Gianna Molinari und Julia von Lucadou, von links, anlässlich der Verleihung des Schweizer Buchpreises im Foyer des Theater Basel.

Die Nominierten Schriftsteller

Heinz Helle, Peter Stamm, Sieger, Vincenzo Todisco, Gianna Molinari und Julia von Lucadou, von links, anlässlich der Verleihung des Schweizer Buchpreises im Foyer des Theater Basel. 

Das andere war die harsche Kritik an der Jury nach der Bekanntgabe der diesjährigen Shortlist. Jury-Sprecher Manfred Papst parierte die Vorwürfe von gewissen Medien und hielt versöhnlich fest, man könne es nicht allen recht machen. Die Funktion von Kritik sei es, zu kritisieren. Drei Begriffe zeichnen für ihn Qualität aus: eine eigene Handschrift, Welthaltigkeit und Dringlichkeit.

Genau mit diesen Begriffen lassen sich alle nominierten Bücher umreissen. Im Online-Publikumsvoting dieser Zeitung schwang Gianna Molinari mit ihrem Debüt «Hier ist noch alles möglich» obenauf. Heinz Helle hat mit «Die Überwindung der Schwerkraft» einen Roman vorgelegt, der mit sprachlicher Virtuosität die grossen Fragen der Menschheit verhandelt. Zusammen mit Peter Stamm waren diese beiden Bücher die Favoriten. Im Publikum konnte man Stimmen hören, die sich etwas Politischeres wie Vincenzo Todiscos «Das Eidechsenkind» als Siegerbuch gewünscht hätten. Oder eine Auseinandersetzung mit der Zukunft, die sich bereits in der Gegenwart abzeichnet wie in Julia von Lucadous Dystopie «Die Hochhausspringerin». Oder nach Jonas Lüscher und Christian Kracht in den beiden Vorjahren wieder einmal eine Frau?

Politisch und feminin

Peter Stamms Roman ist indes kein apolitisches Buch. Und vielleicht kann man den Roman auch als weiblich bezeichnen, wenn man sich der Denkkategorie «Gender» bedient, die in Übersee jüngst unter Beschuss geraten ist. Weiblichkeit ist nicht ans biologische Geschlecht gekoppelt, wenn dieser Begriff Sinn macht, dann wohl vor allem darin, dass er häufig mit Minderwertigkeit gekoppelt ist. Peter Stamms Roman handelt von Innerlichkeit, was gerne dem Femininen zugeordnet wird. Er habe einen Krimi, einen Künstlerroman, einen Liebesroman und ein Psychodrama geschrieben, sagte die frühere BaZ-Literaturkritikerin Christine Richard in ihrer ergreifenden Laudatio. Aber: «Im Kern geht es um die menschliche Existenz. Die Handlung des Romans ist das Erzählen selber.»

Damit erweist sich der Roman auf den zweiten Blick als ganz grundlegend politisch. Es geht um die Wechselwirkung von Schreiben, Erfassen, Erinnern und Leben. Peter Stamm hat dafür eine vollendete Form gefunden. Seine Wahl drängte sich daher nicht nur wegen der beiden vorangehenden Nominationen auf oder wegen seines Renommees im Ausland. Im Gegenteil. Nun ist klar, warum Peter Stamm den Preis nicht zuvor bekommen hat: Dieser Roman ist noch besser.

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