«Als ich etwas mehr als 20 Jahre alt war, wurden im Kunstmuseum und in der Kunsthalle Ausstellungen gezeigt, von denen junge Leute sprachen. Bis dahin hatte ich kaum Kontakt mit zeitgenössischer Kunst. So ging auch ich hin, war fasziniert und berührt und wollte mehr darüber erfahren. Franz Meyer und Dieter Koepplin am Kunstmuseum und Jean Christophe Ammann an der Kunsthalle sind die ‹Mitschuldigen›, dass Kunst, und vor allem zeitgenössische Kunst, später zu meinem Beruf wurde. (By the way, thanks to the gentlemen!)

Anfang der 1970er-Jahre lernte ich das Werk von Barnett Newman kennen. Ich war von seiner Radikalität und Klarheit begeistert. Mit dieser Einfachheit an Komposition berührt er emotional und erreicht eine grosse inhaltliche Komplexität. So viel Wirkung mit so wenig Mitteln!

Wir sehen hier ein Bild, das man nicht gegensätzlicher formulieren könnte. Es werden die Grenzen der gestalterischen Möglichkeiten und unserer Wahrnehmung exemplarisch visualisiert.

Das Bild, eine einfache, symmetrisch aufgebaute, leicht lesbare Komposition, teilt Newman in fünf vertikale Flächen (Streifen) ein. Er benutzt drei Farben – zwei selbst gewählte, die hellste und dunkelste, Schwarz und Weiss, und eine gegebene, das Beige der Leinwand. Er benutzt die zwei gegensätzlichsten malerischen Formulierungen, die monochrome Fläche und das gestische Element. Das Schwarz trägt er auf zwei Flächen ganz dicht und monochrom auf und das Weiss auf den beiden beigen Flächen fast unsichtbar gestisch. Starke, heftige Bewegung mit der hellsten Farbe, monochrome, ruhige, anonyme Flächen mit der dunkelsten Farbe.

Er benutzt den Pinselstrich als gestische Bewegung, über Jahrhunderte das ‹Markenzeichen›, an dem man einen Maler erkannte, und er benutzt diesen zur Formulierung einer monochromen Fläche, was die Anonymisierung des Pinselstrichs des Malers verdeutlicht. Bei der schwarzen Fläche zieht er die Randlinien von Hand, bei der beigen Fläche mit einem Hilfsmittel, dem Klebeband. Die Grenzen und Möglichkeiten zwischen der Arbeit mit der Hand und der Arbeit mit einem Hilfsmittel werden deutlich visualisiert. So finden sie in diesem Bild viele weitere gegensätzliche und radikale Formulierungen.

Heute stehe ich, nach fast einem halben Jahrhundert, immer noch beeindruckt und berührt vor diesem Werk: mit seinen vielen Fragen, die es mir immer noch stellt und mich ‹zwingt›, weiterhin dieses Werk zu bedenken und zu erleben! (By the way, thanks to Mr. Newman!)»