Kinderbücher
Perlen im Klassiker-Dschungel im neuen Gewand

Edle Anmutung, hochwertige Ausstattung: Immer mehr Kinderbuchklassiker erscheinen in neuem Gewand – künstlerisch herausragend illustriert und ohne «kindgerechte» Vereinfachungen. Jüngste Beispiele: «Das Dschungelbuch» und «Alice im Wunderland».

Marlene Zöhrer
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Mowgli Balu und Baghira, neu gesehen von Aljoscha Blau: Illustration aus der Neuausgabe des «Dschungelbuchs», die der Nordsüd- Verlag herausgebracht hat.

Mowgli Balu und Baghira, neu gesehen von Aljoscha Blau: Illustration aus der Neuausgabe des «Dschungelbuchs», die der Nordsüd- Verlag herausgebracht hat.

Aljoscha Blau

Spieglein, Spieglein an der Wand, welches ist das schönste Buch im ganzen Land? Kürzlich hat die deutsche Stiftung Buchkunst die 25 schönsten und innovativsten Bücher des Jahres ausgezeichnet. Mit dabei war die von Floor Rieder illustrierte Neuauflage von «Alice im Wunderland – Alice hinter den Spiegeln». Zu Recht. Die Ausgabe in Halbleinenausstattung mit Rückenprägung und Lesebändchen überzeugt durch ihr Wendebuch-Konzept, das zwei Bücher zu einem vereint: Es muss von vorne und (auf den Kopf gestellt) von hinten gelesen werden. Auch die Bilder der niederländischen Künstlerin sind gelungen: kontrastreich gestaltet, in Kratz- und Schabetechnik. Rieder füllt damit ganze Seiten oder setzt mit kleinen Illustrationen Akzente.

Vermeintlich altbekannt

Die Neuillustration von «Alice» ist kein Einzelfall: Auch die noch junge Klassikerreihe des Zürcher Nordsüd-Verlags setzt auf hochwertige Ausstattung mit Leineneinband, Goldprägung und Titelschildchen im Zusammenspiel mit zeitgenössischen Illustrationen renommierter Künstlerinnen und Künstler. Bislang umfasst die Reihe vier Bände: «Das Dschungelbuch» mit Illustrationen von Aljoscha Blau, «Heidi», illustriert von Maja Dusíková, «Sindbad» mit Bildern von Rashin sowie die Neuauflage des von Lisbeth Zwerger bebilderten «Zauberer von Oz». Ende September wird «Peter Pan», illustriert von Silke Leffler, in die Buchhandlungen kommen.

Dabei wirken die illustrierten Bände nicht nur von aussen edel – auch die Gestaltung des Innenteils ist gelungen und überzeugt mit einem einheitlich schlichten und modernen Design, in das sich Illustrationen und Text harmonisch einfügen. Vor allem Aljoscha Blaus Interpretationen ausgewählter Dschungelbuch-Geschichten sind ein echtes Juwel. Denn sie geben einen neuen, inspirierenden Blick auf die vermeintlich altbekannten Abenteuer des Jungen Mowgli frei. Atmosphärisch dicht spiegeln sie, im grosszügigen Weissraum platziert, die ebenso bedrohliche wie faszinierend schöne Wildheit des Dschungels.

Der Klang des Originals

Während Blaus Bilder Jung und Alt gleichermassen faszinieren, setzt der Text klare Vorzeichen, wenn es um die Frage der Leserschaft geht: Hier wird keine gekürzte, vereinfachende oder umgedeutete Bearbeitung präsentiert, vielmehr ganz bewusst auf die Übersetzung von Wolf Harranth gesetzt. Sie versucht, «den unverwechselbaren rhythmischen Klang von Kiplings Sprache nachzuempfinden».

Das im Gerstenberg-Verlag erschienene Wendebuch «Alice im Wunderland – Alice hinter den Spiegeln» setzt ebenfalls auf die literarisch anspruchsvolle Übersetzung von Christian Enzensberger. Auch daran lässt sich die Trendwende ablesen: Weg von der «kindgerechten» Nacherzählung, wie sie in den seit den 1980er-Jahren boomenden Klassikerreihen häufig auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zu finden ist, hin zum Vorlesebuch für die ganze Familie und zum Liebhaberstück für Erwachsene.

Verlegerische Goldstücke

Für Verlage stellen Texte, die als Kinderbuchklassiker gelten oder etikettiert werden können, sichere Posten in der Verlagskalkulation dar: Sie verkaufen sich in der Regel gut, zusätzlich reduzieren sich durch das abgelaufene Copyright die Kosten.

Doch pauschal zu unterstellen, Kinderbuchklassiker würden stets aus rein finanziellem Kalkül neu illustriert, ist nicht nur vorschnell, sondern auch falsch: Viel zu engagiert und passioniert kommen einige der Bücher daher. Was an Lizenzkosten eingespart wird, wird scheinbar direkt in die hochwertige Ausstattung investiert. Wie etwa bei der im Bohem-Verlag erschienenen Bilderbuchversion des französischen Volksmärchens «Die Schöne und das Biest»: Auch hier gibt es einen hochwertigen Leineneinband mit Goldprägung, und im Innenteil setzt die Sonderfarbe Gold zusätzlich glänzende Akzente. Diese bringen die filigranen Bilder von Gabriel Pacheco sowie die altbekannte Geschichte noch besser zur Geltung.

Rudyard Kipling, Aljoscha Blau (ill.): Das Dschungelbuch, übersetzt von Wolf Harranth, Nordsüd-Verlag. Lewis Carroll, Floor Rieder (ill.): Alice im Wunderland – Alice hinter den Spiegeln, Gerstenberg-Verlag. Jeanne-Marie Leprince de Beaumont, Gabriel Pacheco (ill.): Die Schöne und das Biest, Bohem.

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