Freies Wort

PEN-Zentrum-Präsident: «Es muss jemand von aussen protestieren»

Michael Guggenheimer ist seit Mai 2012 Präsident des Deutschschweizer PEN-Zentrums.

Michael Guggenheimer ist seit Mai 2012 Präsident des Deutschschweizer PEN-Zentrums.

Weltweit setzen sich rund 145 PEN-Zentren für die Meinungsfreiheit von Autorinnen und Autoren ein. Neu im Fokus des Deutschschweizer PEN-Zentrums ist Ungarn, so PEN-Zentrum-Präsident Michael Guggenheimer. Er ist vor gut einem Jahr gewählt worden.

Sie waren kürzlich an einer Tagung über die «Freiheit der Kunst» eingeladen. Diese hätte in Ungarn stattfinden sollen, wurde aber nach Wien verlegt, «da die Sicherheit von Gästen und Autoren gefährdet sein könnte». So weit ist es also wieder in einem europäischen Land?

Michael Guggenheimer: Das Thema Ungarn hat für den Deutschschweizer, den deutschen und den österreichischen PEN vor einem Jahr in Südkorea begonnen. Wir waren dort an der Jahrestagung von PEN International, die Hauptthemen drehten sich um Meinungsfreiheit im Internet. Nach dem Nachtessen sassen wir mit einigen Ungarn zusammen. Plötzlich merkten wir, dass wir einen komplett unterschiedlichen Blick auf Ungarn haben. Wir aus dem deutschsprachigen Teil Europas machten uns Sorgen über die Lage von Künstlerinnen und Künstlern in Ungarn. Die ungarischen PEN-Vorsitzenden dagegen verteidigten die Regierung unter Viktor Orbán vehement. Wir verabredeten uns zu einem weiteren, vertieften Treffen. Es hätte in Ungarn stattfinden sollen, doch plötzlich tauchten eigenartige Drohungen und Flugblätter auf: die Zusammenkunft werde gestört, wir seien unerwünscht, hiess es. Uns wurde klar, dass die Sicherheit der Tagung gefährdet war. So trafen wir uns in Wien.

Was kam dabei heraus?

Diese Tagung mit Experten war öffentlich, auch der ungarische Botschafter in Wien tauchte auf. Es gab erneut eine heftige Diskussion. Die Ungaren sagten, wir würden von linken, nicht-ungarischen Journalisten verführt und hätten ein falsches Bild von der Situation in ihrem Land. Wir stützten uns auf die «NZZ», die «Süddeutsche Zeitung», den «Tages-Anzeiger» und weitere für uns vertrauenswürdige Medien. Unsere Sorge ist, dass von ganz rechter Seite in Ungarn kritische Intellektuelle am Reden und Schreiben behindert werden. Wir kamen uns an dieser Tagung leider nicht näher. Dieselben drei deutschsprachigen PENs werden an der nächsten Tagung von PEN International im September eine Debatte verlangen zum Thema: «Warum distanziert sich PEN Ungarn nicht von der Haltung der Regierung Viktor Orbán sowie der ganz rechten Bewegung?» 

Das klingt alarmierend.

Solche Situationen gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg. In den 30er-Jahren fand eine PEN-Tagung in Kroatien statt, bei welcher der deutsche PEN ebenfalls mit der Frage konfrontiert wurde: Warum äussert ihr euch nicht zur Lage und zur Verfolgung von Intellektuellen in Deutschland? Etwas später wurde der deutsche PEN vom internationalen ausgeschlossen.

Ist das nicht ein heikler Vergleich?

Niemand hat vor, den ungarischen PEN auszuschliessen. Aber wir möchten wissen, warum sich ungarische Kollegen nicht kritisch zur Mediengesetzgebung, zur Kulturpolitik der Regierung und zur prekären Lage ungarischer Autoren äussern.

Was ist denn dort los?

Bei der Vergabe von Stipendien und Posten hat die Regierung offenbar Leute von PEN berücksichtigt. Ich vermute, dass diese Leute Angst haben, ihre Karriere aufs Spiel zu setzen.

Aber es ist doch die Aufgabe von PEN-Mitgliedern, kritisch zu sein und für Meinungs- und Medienfreiheit einzustehen.

Ja. Wir waren bestürzt zu sehen, wie ein Peter Nádas oder György Konrád behandelt werden (diese Schriftsteller werden inzwischen straflos antisemitischen Anwürfen ausgesetzt Anm. der Red.). Es ist nicht zu bestreiten, dass in Ungarn eine starke antisemitische und antiziganistische Strömung vorhanden ist. Darum verlangen wir Auskunft.

Was tut das Deutschschweizer PEN-Zentrum konkret für die ungarischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller?

Im Moment noch nichts. Wir sind ein kleines PEN-Zentrum mit nur rund 180 Mitgliedern; wir können nicht die ganze Welt im Fokus haben. Wir haben uns vor einem Jahr, kurz nachdem ich Präsident wurde, darauf geeinigt, dass wir uns auf zwei Länder konzentrieren: Die Türkei und Senegal. Doch jetzt möchten wir Senegal durch Ungarn ersetzen, weil im Senegal keine Autoren verfolgt werden. Ungarn ist sehr nah, es liegt ja nur noch Österreich dazwischen, und es leben seit 1956 viele Menschen mit ungarischen Wurzeln in der Schweiz. Für die Türkei haben wir uns entschieden, weil hier Tausende von Menschen aus diesem Land leben - darunter auch exilierte kurdische und türkische Schriftsteller. Und die Situation in der Türkei ist verrückterweise für Autoren noch schwieriger als in China.

Was haben Sie vor?

Sicher werden wir wieder Protestnoten einlegen und versuchen, Anwaltskosten für Autoren zu übernehmen. Ausserdem möchten wir Autoren und Journalisten, die in ihrer Heimat bedrängt oder bedroht sind die Möglichkeit geben, eine längere Zeit in der Schweiz zu leben und in Ruhe zu schreiben. Es gibt hierzulande erstaunlich viele «Artists in Residence»-Zentren. Wir sind bereits mit mehreren dieser Zentren sowie mit türkischen Autorenverbänden in Kontakt. Das Übersetzerhaus Looren hat gesagt, dass sie aus Solidarität auch Autoren aufnehmen würden. Eine neue Arbeitsgruppe von PEN, bei der auch Melinda Nadj Abonji dabei ist, arbeitet daran und ist mit Stiftungen in Kontakt.

Was konnte PEN Deutschschweiz für die türkischen Schriftsteller tun, was haben Sie erreicht?

Wir arbeiten intensiv zusammen mit PEN International. Vergangenen November war ich mit einer Delegation von acht Leuten in Istanbul und Ankara. Der Präsident von PEN International war dabei sowie Sarah Wyatt - sie ist die Frau, die weltweit am meisten über verfolgte Schriftsteller weiss. Wir waren bei Staatspräsident Abdullah Gül auf Besuch, um unsere Sorge in Bezug auf die Regierung Erdogan zu unterbreiten. Er war sehr offen und hat zugegeben, dass die Verfolgung von kritischen Autoren Schatten auf das Bild der Türkei wirft. Wir waren auch beim Europaminister - der Justizminister und Premierminister Recep Tayyip Erdogan wollten uns dagegen nicht empfangen.

Was haben Sie bei diesen Besuchen besprochen?

Etwa 65 Autorinnen und Autoren sitzen in diesem Land im Gefängnis, weitere 60 haben juristische Verfahren am Hals. Es gibt eine Antiterror-Gesetzgebung in der Türkei, bei der es reicht, ein wenig kritisch gegenüber der Regierung zu sein oder in Sachen Armenier etwas zu sagen, was bei uns gang und gäbe ist - und schon hat man ein Verfahren auf dem Hals. Wir haben Fall um Fall diskutiert. Wir konnten nicht ganz alle vorstellen, aber die wichtigsten. Wir organisierten auch eine Lesung zum Thema «Verfolgung» an der viele Schriftsteller ihre Texte vorlasen. Zudem beriefen wir eine Medienkonferenz für die türkischen Journalisten ein, in der wir die Besorgnis von PEN über die Situation in der Türkei äusserten. Wir möchten im November wieder in die Türkei reisen, um zu sehen, was sich verändert hat. Allerdings ist inzwischen der Gesamtvorstand von PEN Türkei unter Anklage.

Dann haben die Staatsleute diese PEN-Mitglieder zuerst nett empfangen und später angeklagt?

Anklage erhebt eine andere Instanz, irgendein Gericht. Diese Verfahren dauern Ewigkeiten, während dieser Zeit müssen die Leute verfügbar sein. Das ist alles sehr belastend.

Zeigen Ihre Anstrengungen überhaupt irgendeine Wirkung?

Es ist zu hoffen. Es muss ja jemand von aussen protestieren. Und PEN hat ein Renommee. Orhan Pamuk ist ja auch Mitglied, ebenso andere Nobelpreisträger und renommierte Autoren. Wir versuchen, auch bei Prozessen dabei zu sein: Bei sämtlichen grossen Verfahren in der Türkei hat PEN Beobachter, die berichten, wenn etwas nicht richtig läuft. Wir publizieren diese Fälle. Ich glaube nicht, dass in der Türkei plötzlich alle 65 Autoren aus dem Gefängnis entlassen werden. Doch PEN kann immer wieder jemandem individuell helfen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1