Interview

Pedro Lenz zu seiner Babypause: «Ich schreibe Gedichte, dann kann ich auch Windeln wechseln»

Schriftsteller Pedro Lenz, fotografiert auf seiner Dachterrasse am 4. Dezember 2017 in Olten.

«Es ist ein Nachteil, wenn mich die Leute nicht mehr lesen, weil sie das Gefühl haben, ich kenne ihn ja schon vom Hören-sagen.» Pedro Lenz (52) im Restaurant Flügelrad in Olten.

Schriftsteller Pedro Lenz, fotografiert auf seiner Dachterrasse am 4. Dezember 2017 in Olten.

Schriftsteller Pedro Lenz ist auf vielen Bühnen unterwegs. Nun steht eine Auszeit an. Sie wird zur Babypause.

Eine Tour de Force liegt hinter ihm. Mehr als 100 Auftritte zu seinem zweiten Roman «Di schöni Fanny» hat er im vergangenen Jahr hingelegt. 2018 ist Pause. Einzig ein paar Auftritte in Deutschland will er machen, wo er kein Promi ist und wo es nur um den Text geht. Pedro Lenz wirkt ausgebrannt.

Ihm fehle die Energie, sagt er im Gespräch mehrmals. Es ist die Krux des Schriftstellers, der die Nähe zu den Leuten sucht, auch für Nicht-Literaten schreibt und in der kleinen Schweiz vom Schreiben leben kann. Die Distanzlosigkeit der Leute habe zugenommen, sagt der 52-Jährige, er gehöre quasi allen und viele wüssten mittlerweile besser als er selbst, was ein richtiger Pedro-Lenz-Text sei.

Herr Lenz, verleidet Ihnen das Schreiben manchmal?

Pedro Lenz: Das Schreiben ist fast existenziell. Ich glaube, es verleidet mir eher, dass mit einem neuen Buch die Bekanntheit noch mal zunimmt und ich noch weniger zum Schreiben komme. Um einen Roman als Ganzes zu konstruieren, brauche ich längere Zeit am Stück. Wenn ich wegen Lesungen unterwegs bin, geht das fast nicht.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie sehr viele Dinge gleichzeitig machen. Das müssten Sie ja nicht tun.

Natürlich bin ich selbst daran schuld. Es bräuchte eine andere Haltung. Aber das ist schwierig, weil ich mich an eine Art zu schreiben und Kunst zu machen gewöhnt habe, die sehr nah bei den Leuten ist. Die Leute denken dann oft: Er meint mich mit dem, was er sagt, er meint genau mich! Viele verwechseln Kunst und Realität. Oft legen mir Leute eine Anekdote in den Briefkasten und sagen: Mach ein Buch daraus. Das ist genau eine Pedro-Lenz-Geschichte. Es gibt einen Punkt, an dem die Leute besser wissen, was ein Pedro-Lenz-Text ist, als ich selber. Da muss ich aufpassen, ich weiss nur nicht wie.

Sie sind der Autor der Nicht-Leser. Das wollen Sie auch sein.

Es ist einerseits eine Gnade, dass ich auch der Schriftsteller bin derer, die sich sonst nicht für Literatur interessieren. Dadurch kann ich auch gut vom Schreiben leben. Aber es hat auch den Nachteil, dass die Leute mich gar nicht mehr lesen, weil sie das Gefühl haben, ich kenne ihn ja schon vom Hörensagen. Ich bin sehr froh über die Übersetzungen meiner Bücher. Bei Lesungen in Deutschland geht es nicht mehr um Mundart, nicht mehr um mich als Person. Dann geht es wirklich nur noch um den Text.

Diesen Sommer haben Sie eine Rolle im neuen Film von Bettina Oberli übernommen. Auch ein Versuch, auszubrechen?

Nein, das war die ewige Neugier. Es geht in dem Film um einen Deutschschweizer, der im Jura lebt, ein Hippie ist und nicht akzentfrei Französisch spricht. Es sind nur zwei Szenen im Film, der Dreh dauerte zwei Tage. Ich kenne den Drehbuchautor, deswegen wurde ich angefragt. Vom «Goalie»-Film weiss ich, einen Film zu drehen ist interessant, da kann man etwas lernen.

Was zum Beispiel?

Alles ist eine Frage vom Moment, von Nähe und Distanz, von Rhythmus und Tempo. Das gilt auch für die Bühnenshows, die ich mit Musikern mache. Es sind Kleinigkeiten: Wer redet wann. Der Schauspieler Marcus Signer sagte mir bei der Verfilmung des «Goalie»: Komm noch einen Schritt näher, warte noch mit Reden, schau mich an, bis ich fertig geredet habe, tu so, als wüsstest du nicht, was ich sage.

Seit dem letzten Sommer arbeiten Sie bei dieser Zeitung als Kulturredaktor – ein weiteres zusätzliches Engagement.

Ich fühlte mich geehrt über die Anfrage, es machte mich auch neugierig, und plötzlich war ich dort. Es ist auch so, dass ich gern auf allen Ebenen schreibe. Die deutsche Kultur ist die einzige, die das literarische Schreiben höher wertet als das journalistische. Das hat mit Goethes Geniebegriff zu tun, eine höchst arrogante Idee. Die klare Trennung zwischen journalistischem und literarischem Schreiben im deutschen Sprachraum geht mir gegen den Strich.

Sie haben vor allem Meinungstexte geschrieben. Was ist für Sie die Rolle des Journalismus?

Ich bin bei dieser Zeitung kein ganz normaler Journalist. Pointierte Meinungstexte werden von mir verlangt. Aber ich habe auch ein paar Interviews gemacht.

Ist Ihnen wohl dabei?

Nicht wohl ist es mir, wenn ich kreativ sein soll und meine Energie dazu nicht reicht. Wenn ich auf ein Thema stosse, das es wert wäre, fünf, sechs Artikel darüber zu schreiben. Einfach zu sagen «Dort ist etwas» und die verschiedenen Leute reden zu lassen, und dann können die Leser selber ihre Schlüsse draus ziehen. Das ist meine Vorstellung von Journalismus.

Nächstes Jahr gehen Sie mit Globetrotter und dem Magazin «Reportagen» auf eine Reportagereise mit Publikum. Ist das eine Gelegenheit, an einem Thema dranzubleiben? Ist das machbar mit Laien?

Es geht eher darum, den interessierten Lesern in dieser Woche verschiedene Annäherungsweisen zu zeigen. Urs Mannhart ist mit dabei, er ist ein erfahrener Reportagejournalist. Ich sehe meine Rolle eher darin, zu vermitteln, wie ich einen Text schreibe, wie ich an die Leute herangehe, was ich mache, damit die Leute mir etwas erzählen.

Die Medien stecken in einer Krise. Auf der Online-Protestplattform bernermedien.ch haben Sie Stellung bezogen für die Medienvielfalt. Warum?

Ich glaube an die vierte Macht, an unabhängige Medien und an die Vielfalt von Medien. Ich bin der Überzeugung, dass Medienschaffende sich gegenseitig ausgleichen müssen. Es ist wichtig, dass man eine ganze Palette von Meinungen abbildet und die Leute sich so als Gesellschaft ihre Meinungen bilden können. Mir ist schon klar, dass man das Zeitungssterben vielleicht nicht aufhalten kann. Zumindest sollte man es hinterfragen.

Die AZ Medien, zu denen diese Zeitung gehört, und die NZZ Regionalmedien haben ein Joint Venture bekannt gegeben. Wie Tamedia wollen sie Ressourcen bündeln und versprechen besseren Journalismus.

Ich bin einfach sehr skeptisch, dass es so ist. Mir wird oft etwas verkauft. Etwa wenn die Post oder eine Versicherung zu mir sagt, wir haben ein neues Superangebot, dann werde ich hellhörig und denke, sie haben einen Leistungsabbau gemacht. Ich habe Verständnis für die Notwendigkeit, einzusparen, aber verkauft es mir nicht als Verbesserung.

Was halten Sie von Presseförderung?

Ich bin dafür. Aber die Leute verstehen das nicht. Es ist wie bei der Billag. Da muss man wohl einfach aufklären, aufklären, aufklären …

Sie sind ja im Vorstand des Vereins «Nein zum Sendeschluss».

Dort bin ich sehr engagiert. Die «No Billag»-Initiative will Radio und Fernsehen zerstören. Aber die Leute verstehen nicht. Man kann nicht etwas zerschlagen, um es zu stutzen. Sie verstehen auch nicht, warum sie für etwas zahlen sollten, was sie nicht nutzen, sie wissen nicht mehr, was ein Gemeinwesen ist. Ich höre Junge, die sagen, warum soll ich für den «Samschtig-Jass» zahlen? Oder für «Wilder»? Ich habe viel bessere Serien auf Netflix. Dann muss man sagen, ja, aber das zahle ich, du zahlst dafür vielleicht die Fussballnati, oder du zahlst Radio DRS 3. Jeder zahlt etwas, und zusammen gibt es ein Ganzes.

Die separate Rechnung einmal im Jahr ist sowieso ein starkes Argument gegen die SRG.

Das auch. Aber die Leute glauben, wenn wir die Billag nicht zahlen, gibt es eine andere Lösung. Es ist wie bei der Swissair. Damals konnte sich auch niemand vorstellen, dass es die Swissair irgendwann nicht mehr gibt. Man kann auch ohne die Swissair fliegen. Und man kann auch ohne SRF Radio hören. Aber es wird eine Infrastruktur zerstört.

Würde die Initiative angenommen, würden die Konzessionen versteigert.

Dann hätten vielleicht ausländische Konzerne eine Konzession, aber nur die, die sie interessieren. Das Tessin würde niemand wollen. Es ist wie bei der Eisenbahn. Da steckt öffentliches Geld drin, damit man sich die Bahn leisten kann, sie kostet ja viel mehr als das gelöste Ticket. Eine Bahn ins Schwarzbubenland, die nur wenige Leute nutzen, müsste man schliessen, wenn man sie privatisiert. Aber man macht es nicht, weil man als Community zueinander schauen will. Darüber gab es jahrzehntelang einen Konsens in der Schweiz. Der geht im Moment verloren.

Viele Leute glauben, sie brauchen keine Zeitung oder kein Fernsehen, sie bekämen die Info auch so.

Es braucht eben wieder vermehrt Aufklärung. Vielen Leuten ist nicht bewusst, was der Unterschied ist zwischen einer Zeitung und einer Info, die irgendwo aufgeschaltet ist.

Was ist der Unterschied?

Die Frage ist immer: Woher kommt die Info? Ist sie verifiziert? Hat der, der sie herausgelassen hat, eine gewisse journalistische Ethik? Oder journalistische Prinzipien? Ich beobachte, dass die Jungen nicht mehr unterscheiden können zwischen einem Tweet von irgendjemandem und einem ernsthaften Artikel. Beides ist veröffentlicht worden, also ist beides ungefähr das Gleiche.

Andere Leute lesen lieber gleich die «Süddeutsche» oder den «Spiegel».

Das ist auch gut. Aber ich will eben auch informiert sein darüber, wo ich lebe. Gerade in der Schweiz, wo man davon ausgeht, dass jeder Bürger abstimmen und wählen kann, sollte der Bürger auch wissen, was er wählt und was er abstimmt. Die Medienvielfalt ist für mich dafür eine Garantie.

Was gibt es zu YB zu sagen?

Eine faszinierende Entwicklung ist im Gang. YB hat immer wieder Geld investiert und ist immer näher an die Spitze gekommen, aber nie so ganz. Seit der letzten Radikaländerung scheinen die Zähne ineinanderzugreifen. Jetzt hat man bei YB an den entscheidenden Stellen Leute, die nicht ihr Ego polieren. Gleichzeitig ist der Konkurrent Basel in einem Umbruch. Die beiden Faktoren könnten genügen, dass YB dieses Jahr Meister wird. Als Fan ist das natürlich riesig – aber es ist auch nicht wichtig.

Vielleicht wichtiger: Ihre Freundin ist gut halb so alt wie Sie. Wie stehen Sie zu dem Altersunterschied?

Banal könnte man sagen, zwei verlieben sich ineinander, und dann ist der Altersunterschied kein Thema mehr. Das war bei uns so. Aber das passiert ja meistens vom Mann aus gesehen gegen unten. Die Chance, dass ich mich in eine Frau über siebzig verliebe, ist weniger gross. (überlegt) Ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich nicht auf der Suche nach einer jüngeren Frau war.

Mit 52 oder 29 steht man auch an einem anderen Ort im Leben.

Mit dem Altersunterschied müssen beide umgehen können. Für mich ist es nicht nur Rock ’n’ Roll. Manche denken vielleicht, eine junge, attraktive Frau hält dich jung und gibt dir quasi eine Nabelschnur zur Dynamik. Das ist sicher ein Aspekt. Aber ich muss mithalten können. Und ich werde mir dadurch natürlich viel mehr bewusst, wie alt ich bin. Wenn ich uns nebeneinander im Spiegel sehe, weiss ich, die Jugend ist vorbei.

Noch bewusster wird es einem wohl, wenn man Kinder hat.

Dann geht man an einen Elternabend in der Kita, und die anderen fragen vielleicht, bist du der Grossvater? Nein, ich bin ein alter Vater. Das ist die Realität. Damit muss das Kind dann umgehen. Das musste ich selbst schon als Kind, ich hatte einen alten Vater.

Als Ihr Vater gestorben war, sagten Sie, Sie gingen davon aus, niemand werde an Ihrem Sterbebett weinen.

Ich habe nicht mehr damit gerechnet, Vater zu werden. Das ist natürlich ein riesiges Geschenk. Aber das Kind muss zuerst einmal da sein, ich habe es noch nicht gesehen, ich habe es erst gespürt.

Werden Sie als Vater für Ihr Kind Zeit haben?

In meinem Sabbatical im nächsten Jahr werde ich üben, weniger zu arbeiten. Danach werde ich mehr Grund haben zu sagen, nein, das nehme ich nicht an. Vielleicht gelingt es dann auch nicht. Man weiss nicht, was in zehn, zwanzig Jahren ist. Nur schon dass eine Beziehung gelingt, ist immer auch Glück. An einer Beziehung muss man immer, immer etwas machen. Und wollen. (Pause) Ich freue mich riesig.

Beteiligen Sie sich an der Betreuung?

Früher hätte ich das Gefühl gehabt, nein, ich kann doch nicht Windeln wechseln, das ist so uninspirierend im Vergleich zum Gedichteschreiben. Jetzt denke ich, so what?, ich habe ja Gedichte geschrieben, jetzt kann ich auch Windeln wechseln, das ist kein grosses Problem.

Was wollen Sie Ihrem Kind mitgeben?

Meine Eltern haben mir vor allem vermittelt: Du bist in Ordnung. Ich habe gewusst, dass ich viele Hoffnungen oder Träume meiner Eltern nicht erfüllt oder nicht im richtigen Moment erfüllt habe, trotzdem war der Boden immer da. Ich wusste, ganz grundsätzlich bin ich als ihr Kind angenommen, auch wenn ich manchmal recht grobes Zeug durchgegeben habe. Ich hatte immer das Gefühl, wenn es hart auf hart kommt, würden mich meine Eltern nie, nie verstossen. Diese Sicherheit möchte ich auch meinem Kind geben.

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