Klassik

«Orgelmusik im Konzertsaal boomt in ganz Europa»

Wie klingt eine Orgel eigentlich, wenn sie nicht in einer halligen Kirche steht? Ein neues Festival will genau das zeigen.

Nur selten wird die Orgel im Musiksaal des Stadtcasinos Basel aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Das soll sich nun ändern: ab 2019 ist ein neues Festival für Orgelmusik im Konzertsaal geplant. Vor der rennovationsbedingten Schliessung des Musiksaals gibt es nun am Sonntag einen Orgeltag. Organistin Babette Mondry sagt im Interview, warum.

Orgelmusik im Basler Musiksaal — das ist eine ungewohnte Kombination. Wie oft kommt diese Orgel überhaupt zum Einsatz?

Babette Mondry: Eigentlich ist die Orgel sehr präsent im Musiksaal — architektonisch gesehen. Doch sie wird nur selten gespielt, meist in Verbindung mit Orchesterwerken. Solistisch ist sie kaum zu hören. Und das möchten wir ändern.

Warum?

Weil sonst ein wichtiger Teil der Musikgeschichte in unserer Stadt nicht präsent ist. Die Orgel ist zwar eng mit der Kirche verbunden, aber historisch gesehen ist sie immer auch Teil der weltlichen Musik gewesen. Es gibt ein grosses Repertoire für Konzertsaalorgel.

Was hat denn eine Konzertsaalorgel, was Kirchenorgeln nicht haben?

Den grössten Unterschied macht die Akustik aus. In der Kirche gibt es oft einen starken Hall, was die Orgelmusik etwas undurchsichtig wirken lässt. Im Konzertsaal hingegen hört man plötzlich all die komplexen Strukturen, die ganze dynamische Bandbreite, all die Klangfarben. Dieser klangliche Unterschied ist frappierend. Hinzu kommt die optische Wirkung: Im Konzertsaal kann das Publikum dem Organisten beim Spielen zusehen. In der Kirche ist das oft nicht möglich, da sich die Orgeln meist auf der Empore befinden. Und es gibt auch einen nicht unerheblichen Teil des Publikums, der den Gang in den Konzertsaal dem in die Kirche vorzieht. Manche haben tatsächlich Hemmschwellen, eine Kirche zu betreten.

Braucht es deshalb noch ein zusätzliches Festival, trotz der reichen Basler Orgelmusikszene?

Orgelmusik auch im Konzertsaal zu präsentieren ist gerade in ganz Europa im Kommen. Denken Sie nur an die Philharmonie de Paris: Hier wurde in einen neuen Konzertsaal eine fantastische Orgel eingebaut; auch in die Elbphilharmonie in Hamburg kommt eine neue Orgel. Dieses Geld würden sich die Konzertsaalbauer sicher sparen, wenn es dafür kein Publikum gäbe. Und in Basel haben wir bereits eine Orgel — und wollen sie nun gebührend erklingen lassen, ergänzend zu den Konzerten in den Kirchen.

Nun wird aber das Stadtcasino demnächst für Rennovationen geschlossen…

...ja, und damit das Instrument in der Zwischenzeit nicht in Vergessenheit gerät, zeigen wir sie an unserem Orgeltag in all ihren Facetten.

Welche Seiten der Orgel sind denn besonders spannend?

Zum Beispiel das Innenleben. Als Laie hat man selten die Möglichkeit, ins Innere einer Orgel zu schauen, zu sehen, wie sie gebaut ist, wie die vielen Pfeifen miteinander verbunden sind. Deshalb machen wir im Musiksaal eine interaktive Orgelführung: Ein Kameramann filmt den Orgelbauer Michael Klahre beim Gang durch die Orgel, und seine Erklärungen und die Bilder werden auf Video-Leinwand übertragen. Eine Podiumsdiskussion beschäftigt sich mit dem Trendthema Orgelmusik im Konzertsaal. Und dann zeigen wir natürlich die Orgel in ihrer klanglichen Vielfalt: Sie steht im Zentrum des Familienkonzerts «Piep der Pieper», bei dem auch 60 Kinder von der Allgemeinen Musikschule mitwirken. Und im Abendkonzert steht die Orgel endlich einmal ganz solistisch im Zentrum: im Rezital von Olivier Latry, dem Titularorganist von Notre-Dame de Paris. Sein Programm steckt genau den stilistischen und zeitlichen Rahmen des künftigen Festival-Repertoires ab.

Orgeltag: So, 26. Juni, Musiksaal, Stadtcasino Basel. Kinderkonzert: 11 Uhr. Orgelführung: 15 Uhr. Podiumsdiskussion: 17 Uhr. Abendkonzert: 19 Uhr.

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