Oper

Opernspektakel mit Tiefgang

Die Oper Schenkenberg bietet ein Spektakel voller optischer wie akustischer Reize: Erstaunlich, wie geschlossen Bizets «Carmen» dennoch daherkommt.

Christian Berzins

Wann kommt endlich ein Elefant?, fragt sich der Opernpilger in Verona bisweilen leicht gelangweilt, wenn Aïdas Arie im 3.Akt schleppend wie der Nil vorbeizieht. Doch Elefanten und Verona, das war gestern: Flugzeuge und Schinznach sind heute. In der heimischen Arena dröhnt es zu Beginn des 3.Aktes vom Himmel, Scheinwerfer kreisen und für einen Moment – ja, die Illusionskraft des Theaters offenbart ihre Wunder – denkt der Opernfreund tatsächlich: «Die spinnen, jetzt bringen sie auch noch einen Flieger!»

Maschinengewehre knattern und schon sind die Scheinwerfer auf ein Flugzeugwrack gerichtet: Abschuss gelungen, Pilot tot. Unsere lieb gewonnenen «Carmen»-Schmuggler sind Widerstandskämpfer geworden, ihr Feind ist der Diktator Franco.

«Carmen», Arena, Franco, Flugzeuge? Ist das nicht alles eine Nummer zu gross für das Aargauer Dörfchen Schinznach? Mitnichten! Der Tenor Peter Bernhard hatte eine kühne Vision eines Opern-Freilichtspektakels — dank Risikobereitschaft und der Verbundenheit mit der Region hat er sie mit Georges Bizets «Carmen» erstmals umsetzen können.

Die Sicht ist perfekt

Die aufgebauteArena ist ein Schmuckstück, die Sicht von allen 1600 Plätzen, ob teuer (125 Franken) oder billig (55 Franken), perfekt, das Orchester zentral und vor Regen geschützt, die Verstärkungsanlage funktioniert sehr gut, je nach Stimme wirkt sie etwas glättend.

Die in Freilichtopern immer wieder lähmenden Auf- und Abgänge des Chores gelingen der Regisseurin Anette Leistenschneider spielend. Bühnenbildner Karel Spanhak genügt bisweilen eine Handvoll stimmungsvoller Requisiten, und schon ist ein Dorfplatz oder ein Schmugglerlokal samt Flamenco-Tänzerin hergezaubert.

Und selbst die Arena wird einbezogen. Die Zuschauer lassen sich nicht zweimal bitten: Wenn ihnen Escamillo zuwinkt, machen sie sich rhythmusklatschend zu Statisten. Auftritte erfolgen mal im Jeep, im VW-Bus oder im Jaguar. Die protzige Franco-Statue zu Beginn, nun ja, sie ist ein Zeichen zu Ort und Zeit.

Charmante Vielfalt an Handlungen

Die Massenszenen prunken nicht durch Hundertschaften von trägen Sängern oder Statistinnen auf, sondern durch eine charmante Vielfalt an Handlungen, die jeden Zuschauer spielend ins Geschehen hineinziehen: Und der Bariton Tobias Hächler (Morales) legt mit seiner exakten Diktion und dem wohlklingenden Bariton die Messlatte für die folgenden Sänger und Sängerinnen hoch.

Der Dorfidylle zum Trotz: Bald steht das Schicksal der zwei Protagonisten im Zentrum. Der Brigadier Don José opfert sein in festen Bahnen geführtes Leben für die Liebe zur Zigeunerin Carmen, er wird vom verlobten Soldaten zum Widerstandskämpfer, und schliesslich zum Mörder.

Diese Entwicklung will die Regie nicht bremsen. Kaum ist José aus dem Gefängnis und endlich bei seiner Carmen, öffnet sie ihm schon die Hose. Alsbald hat José die Hände an ihrem Hals, zum Würgen bereit, da erklingt die Einleitung zu seiner «Blumenarie». Die Musik löst den K(r)ampf. «Carmen, je t’aime» lautet der Arienschluss.

Kräfte klug eingeteilt

Peter BernhardsTenor vermag hier nicht zu schmeicheln, es ist ein trotziges, fast verbittertes Geständnis. Aber das ungute Gefühl, dass man im ersten Duett mit Micaëla hatte, wo er sich an den zarten Linien abmüht, ist dannzumal verschwunden. Bernhard deutet in der Arie an, was alsbald aus ihm ausbrechen wird. Im Finale wird klar, wie klug er seine Kräfte eingeteilt hatte. Nun entfaltet sich sein Tenor prächtig, nun trägt jeder Vokal.

Eine Wucht ist Titelfigur Jordanka Milkova: eine Carmen, die äusserlich allen Klischees entsprechen will, sich räkelt und windet und die Augen verdreht, aber stimmlich zum Glück klug agiert: Hier herrscht anstelle von Mezzosopranistinnen-Grollen oder üblen Registerbrüchen eine durch alle Lagen reichende lyrische Leichtigkeit vor, so prächtig, dass immer wieder überraschende Details hervorgehoben werden können.

Wieland Satter als Torero Escamillo umgarnt die oft ungelenk klingende Auftrittsarie mit italienischem Schmelz, derweil es Jana Havranova (Micaëla) bisweilen an weiten Bögen und feinen Tönen fehlt.

Das Geheimnis: Die verankerung in der Bevölkerung

Ein Geheimnis von Peter Bernhard beim Aufbau seines Riesenprojekts war die Verankerung in der Bevölkerung – von den Pferden bis zum Laienchor. Doch dieser Chor bleibt auf Volkstheaterniveau und fällt ab, die Männer noch mehr als die Frauen. Da hilft es auch nicht, dass Dirigent Marc Tardue überaus bestrebt ist, den wackeren Sängern zu helfen.

Tardue leitete das Oper-aartists Orchestra, die verstärken Chamber Aartists. Angeführt von Markus Fleck zeigt man weniger in den grossen Solostellen als vielmehr in der Begleitung, ja Zeichnung der Szenen (etwa der zweiten Carmen-Arie), dramatisches Geschick. Tardue liest das Drama im Detail, begleitet nicht, sondern lenkt.

Es lohnt sich, über die Szenerie hinweg hier hineinhören. Wie in der Inszenierung zeigt sich, dass manches populär aufgepeppt ist, aber dahinter das Drama schlank erzählt wird. Das ist eindrücklich und wurde am Mittwoch heftig bejubelt.

PS: In Verona wartet man übrigens vergeblich auf den Elefanten.

Carmen: Achtmal bis 22. August. www.operschenkenberg.ch

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