Im Januar fragten sich die Freunde des Opernhauses Zürich verunsichert, was nun stimme: Hat das Opernhaus Zürich Erfolg oder nicht? Die positive Bilanz war kaum den Aktionären vorgelegt, da titelte die «SonntagsZeitung» nämlich auf Andreas Homoki zielend: «Pereiras glückloser Nachfolger». Der «Tages-Anzeiger» antwortete mit «Die Zahlen stimmen» und meinte, dass der Systemwechsel von Intendant Alexander Pereira zu Andreas Homoki funktioniert habe, schliesslich verzeichne man einen Gewinn von 156 000 Franken. Sich in den Verwaltungsrat hineindenkend, titelten wir damals an dieser Stelle: «Folgt dem Gewinn der neue Vertrag?»

Ein Nachfragen, auch ein Diskutieren von Alternativen, erübrigt sich. Der von Markus Notter geführte Opernhaus-Verwaltungsrat hat die im Opernuntergrund nach wie vor heftig brodelnden Pro- und Kontra-Homoki-Diskussionen mit der gestrigen Vertragsverlängerung beendet. Homoki erfüllte schliesslich die Forderungen. Warum sollte der Verwaltungsrat schon wieder über andere Intendanten nachdenken? Dass Homoki bleiben will, ist klar: Er führt bei bestem Lohn ein A-Haus und bleibt dadurch auch als A-Haus-Regisseur weltweit im Gespräch, bezieht mit Gast-Engagements sehr hohe Nebeneinkünfte.

Der Verwaltungsrat sagte Ja zu Homoki, er war im Januar offenbar nicht darüber erschrocken, dass in der zweiten Saison Homoki (2012/2013) 13 000 Karten weniger verkauft wurden als einst bei Pereira. Man spielte schliesslich auch weniger als einst. Dass die Einnahmen um vier Millionen geringer ausfielen, war dem VR ebenso egal, denn Homoki kennt auch das Wort «sparen». Er schrieb einen Gewinn, da er im einst unantastbaren künstlerischen Bereich, v. a. bei den Dirigenten-Honoraren, viel Geld sparte. Die auf 36,4 Prozent gesunkene Eigenwirtschaftlichkeit störte den VR auch nicht. Sie ist schliesslich immer noch höher, als vom VR erwartet. Erstaunlich, dass man so tief stapelte, bei Pereira lag die Zürcher Eigenwirtschaftlichkeit bisweilen bei 45 Prozent. Man wird den Verdacht nicht los, dass man die Fehler von einst, den laschen Umgang mit Sonnenkönig Pereira und seinem Star- bzw. Millionenverschleiss, mit Milde gegenüber Kumpel Homoki gutmachen will.

In Absprache mit Homoki wurde der Schnelldurchlauf-Betrieb Pereiras heruntergefahren. Man kam weg vom pausenlosen Produzieren, das nicht nur die Stars, sondern auch die Festangestellten belastete. Wie sehr das neue ruhigere System der Kunst im Detail oder dem Betriebsklima zugutekam, ist allerdings schwer zu sagen. Homoki zeigte in den gesamten zwei Spielzeiten ein glückliches Händchen. Oder ists eher ein sehr berechnendes? Kalkulierend hat Homoki dem Haus ein klares Profil gegeben: gemässigt modern in der ästhetischen Ausrichtung, immer noch offen für gewisse Sängerstars. Homoki-Sänger, die es zum Publikumsliebling geschafft haben, gibt es aber keine zwei. Die Identifikation mit dem Haus über die Sänger gibt es nicht mehr. Neue Gäste tauchten bisweilen nur in einer einzigen Produktion auf, die Ensemble-Entdeckungen halten sich in Grenzen. Ausnahmezustand herrscht, wenn die Altstars Bartoli oder Gruberova im Haus sind. Dann lehnt sich der Opernfreund genüsslich in den Sessel, dann ist er in seinem Opernhaus zu Hause.

Obwohl Homoki mehr Subventionsgeld (81 Millionen) als Pereira erhält, bietet er noch längst nicht die lautstark propagierte «Oper für alle». Daran ändert der kommende Samstag nichts, wenn auf Grossleinwand auf dem Sechseläutenplatz «Rigoletto» gegeben wird. Wer die Aufführung drinnen im Haus erleben will, zahlt 35 bis 230, für die Festspiel-Premiere am Sonntag 38 bis 320 Franken. Homoki behielt Pereiras Hochpreispolitik bei, sagte, es ginge nicht anders. Mit dem gesparten Geld bezahlt er seinen gewachsenen Apparat: die Dramaturgie und nicht zuletzt die Marketing-Abteilung. Man muss nun viel mehr unternehmen, um das Publikum am Haus zu halten. Einst, da genügte ein Star-Tenor. Immerhin: Die Massenabwanderung des Publikums fand nicht statt. Über den modernen Regie-Stil wird dennoch weiterhin heftig geklagt.

Diese Klage ist der Kritik fremd. Bei der «Opernhaus des Jahres»-Wahl der Zeitschrift «Opernwelt» belegte Homoki Rang 3, beim «International Opera Award» in London wurde Zürich gar zur Opera Company of the Year ernannt. Typisch, dass die Fachwelt von Homokis intelligentem Haus schwärmt. Der alteingesessene Opernfan hingegen ist mehrheitlich ein Geniesser grosser Stimmen, er sucht sein Seelenheil in Hohen Cs – Pereira verschleuderte dafür Millionen, gab (oder kaufte) dem Haus damit aber eine Seele. Homoki interessiert das Hohe C kaum, er will mit den alten Opern, lieber wilde Geschichten für ein heutiges Publikum erzählen. Der Verwaltungsrat fühlt sich davon offenbar angesprochen.