Rainer Moritz, welches ist die schrecklichste Sexszene, die Sie je gelesen haben?

Rainer Moritz: Zu meinen Favoriten gehört der Satz «Er kam wie ein trinkendes Pferd» aus James Salters Roman «Alles, was ist». Das klingt doch sofort schrecklich, obwohl die wenigsten wissen dürften, wie genau denn ein Pferd trinkt. Ich habe es mir auf Youtube angeschaut. Es ist unspektakulär. 

Warum ist es so schwierig, Sex in Worte zu fassen? Bei Sonnenuntergängen gelingt es doch auch?

Sex war in der Literatur, und nicht nur dort, lange ein Tabu-Thema. Bis weit in die 50er- und 60er-Jahre war Sex in Büchern eine Leerstelle, ein Gedankenstrich gefolgt vom Satz: «Am Morgen danach ...»

Aber seither ist viel passiert, gerade in Sachen sexueller Freizügigkeit?

Ja, theoretisch sind wir nun komplett aufgeklärt, haben – dem Internet sei Dank – alles schon gesehen, haben uns an alles gewöhnt. Aber die Autoren müssen für den Sex erst eine Sprache finden, und das ist nicht so einfach. Man landet da sehr schnell in der Gossensprache. Sonnenuntergänge und Almwiesen werden schon seit Hunderten Jahren beschrieben. Beim Sex stehen wir erst am Anfang. Die Autoren ringen richtiggehend um die Worte – und das liest sich dann auch dementsprechend unerotisch.

In diesem Ringen um die Worte tappt fast jeder Autor irgendwann in die Metapherfalle, oder?

Au ja, ständig öffnen sich da Blüten, kullern Melonen, platzen Kiwis. Die ganze Flora wird herbeigezogen, wenn es darum geht, die weiblichen Geschlechtsorgane zu beschreiben. Wolfgang Schömel schreibt in «Zwei Tage, drei Nächte» von «lappigen inneren Schamlippen», die ihn «an die Ohren der chinesischen Morchel» erinnern.

In welche anderen Fettnäpfchen tappen die Autoren häufig?

Wenn wir von realistischen Romanen sprechen, bin ich sehr dafür, auch die realistische Messlatte anzulegen. Zum Beispiel dieser oft gelesene Satz: «Sie rissen sich die Kleider vom Leib.» Das geht doch gar nicht. Wie soll man sich eine enge Jeans vom Leib reissen? Das Gleiche gilt für unmögliche anatomische Verrenkungen oder wenn es jemand gleichzeitig grob und zärtlich treibt.

Welche besonders unerotische Sexstelle ist Ihnen in Erinnerung?

Bei Bernhard Schlink gibt es eine Stelle in «Sommerlügen»: «Es klappte schon beim ersten Mal, er kam nicht zu früh, und sie kam auch, und bis zum Morgen gab er ihr, was ein Mann einer Frau geben kann.»

Wäre es nicht besser, mancher Autor würde den Sex einfach weglassen?

Absolut. Max Frisch hat gesagt, dass er probiert habe, über Sex zu schreiben, es ihm aber nicht gelungen sei und er es seither lieber unterlasse. Auch der erfolgreiche österreichische Krimiautor Wolf Haas meidet Sex in seinen Büchern. Es ist ihm schlicht zu peinlich. Es ist ihm sogar peinlich, die Sexszenen anderer Autoren zu lesen.

Sie haben sich auch schon an Sexszenen versucht, fiel es Ihnen schwer?

Sehr. Allein schon die passenden Verben zu finden und dabei abgenutzte Ausdrücke wie kommen und eindringen zu vermeiden, ist eine Kunst. Auch «Oh, oh, ja!», «O Gott!» oder «O Baby!» ist als Konversation beim Sex nicht wirklich ein Knüller. Da muss man sich als Schriftsteller schon etwas Neues ausdenken.

Wer schreibt die schlechteren Sexszenen, Männer oder Frauen?

Frauen begehen weniger grobe Patzer. Und von dieser ekelhaften Altmännererotik wie man sie etwa bei Martin Walser findet, sind sie auch gefeit. Viele Frauen weichen dem Thema jedoch aus. Und dann gibt es noch jene Autorinnen, die eine Gegenposition einnehmen und Sex als Machtinstrument der Männer darstellen. Wenn Sie eine Sexszene bei Elfriede Jelinek oder Sibylle Berg lesen, vergeht Ihnen die Lust schlagartig.

Was halten Sie von den beiden Erfolgsbüchern «Feuchtgebiete» und «Fifty Shades of Grey»?

Das sind keine literarischen Meisterwerke. Aber Charlotte Roche kann den grössten Schweinekram so heiter und lässig verpacken, dass man lachen muss. Das ist teilweise richtig guter Trash-Humor, detailliert und kunstvoll geschildert. «Fifty Shades of Grey» hingegen finde ich erschütternd schlecht. Aber beide Romane haben gezeigt, dass man mit literarischem Sex noch provozieren kann.

Was hat Sie eigentlich dazu gebracht, ein ganzes Buch über schlechten Sex zu schreiben?

Als Literaturkritiker stolperte ich unweigerlich immer wieder über schlechte Sexstellen. Ich habe dann angefangen, diese Passagen zu sammeln. Auch weil ich finde, dass sich dahinter die wahre literarische Könnerschaft verbirgt.

Hatten Sie keine Angst, dass ein solches Sexbuch Ihren Ruf als Literaturprofessor ruinieren könnte?

Ach, ich habe schon über den deutschen Schlager im Allgemeinen und Helene Fischer im Speziellen publiziert. Da kann nicht mehr viel ruiniert werden.