Bibliotheksdebatte

Nur richtige Bücher können verführen

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Das Buch zum Anfassen, die Bibliothek zum Schmökern, die Lese-Oase als Treffpunkt gerade auch von Kindern aus einkommensschwachen Familien – nichts von dem ist digital nicht ersetzbar. Ein Plädoyer von Gastautor Klaus Egli, Direktor der GGG Stadtbibliothek Basel und Präsident des Verbandes der öffentlichen Bibliotheken der Schweiz.

Als die Klosterbibliothek Einsiedeln im Jahre 1995 EDV einführte, war es meine Aufgabe, die Mönche in die Geheimnisse des elektronischen Katalogisierens einzuweihen. Dabei fielen mir rote Kleber auf einigen der Bücher auf. «Wenn es brennt, eilen alle Brüder in die Bibliothek, packen so viele dieser Bücher, wie sie nur können, und rennen hinaus. So retten wir unseren wertvollsten Schatz!», erläuterte mir der Klosterbibliothekar voller Stolz.
In der GGG Stadtbibliothek Basel würde im Brandfall niemand Bücher retten. Oberste Priorität hätte der Schutz unserer Besucherinnen und Besucher. Das heisst nicht, dass unsere Bücher unwichtig sind, aber wir können die meisten ersetzen. Denn im Gegensatz zu einer Universitäts- oder Kantonsbibliothek sammeln wir keine Bücher.

40 000 neue Medien jährlich

Jährlich kaufen wir zwischen 35 000 und 40 000 Medien, von denen Bücher 60 Prozent ausmachen. Da wir eben keine Sammelbibliothek sind, die Schätze zu bewahren hat, und unser Platz beschränkt ist, müssen wir jedes Jahr die gleiche Menge Medien ausscheiden – so barbarisch dies erscheinen mag. Unsere Aufgabe besteht darin, der Bevölkerung Wissen zugänglich zu machen und Kultur zu vermitteln gemäss unserem Motto «lesen, bilden, unterhalten»; also Lesen zu fördern, Wissen zu verschaffen und kreative Freizeitgestaltung zu ermöglichen. Diesen Auftrag können wir nur erfüllen, wenn wir unserer Kundschaft aktuelle Medien zur Verfügung stellen. Was veraltet ist und niemand mehr ausleihen will, muss wohl oder übel Neuem Platz machen.
Heute stellt sich die Frage, ob Stadt- und Gemeindebibliotheken angesichts des riesigen elektronischen Angebotes im Internet überhaupt noch nötig sind. Soll man nicht gleich alle Bücher wegwerfen, durch E-Books ersetzen und so teure Raummieten einsparen, wie etwa Rafael Ball, Direktor der ETH-Bibliothek, vertritt? Seiner Meinung nach macht das Internet herkömmliche Bibliotheken überflüssig und die Schliessung einer Gemeindebibliothek sei deshalb auch kein Kulturverlust.


Lernlust ohne Konsumzwang

Dabei vergisst er, dass Kinder, Jugendliche und Familien ihre Lese-Oase und ihren Treffpunkt verlieren, wenn eine Quartier- oder Gemeindebibliothek verschwindet. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien nutzen diese gerne, machen dort unter der diskreten Obhut des Bibliothekspersonals ihre Aufgaben, treffen ihre Freunde und spielen auch gerne dort, vor allem wenn es draussen kalt ist. Sie finden Anregungen, Gleichaltrige, Unterhaltung und Lernstoff in greifbarer und damit sehr verständlicher Form. Es besteht kein Konsumzwang und auch kleinere Kinder können die Bibliothek selbstständig aufsuchen.
Damit erwerben sie eine Fähigkeit, von der sie ein Leben lang profitieren können. Später werden sie eher Bibliotheken aufsuchen als Menschen, denen diese Erfahrung in ihrer Kindheit verwehrt war. Barack Obama hat dies 2005, damals noch als Senator von Illinois, sehr schön ausgedrückt: «In dem Moment, da wir ein Kind überzeugen, die Bibliothek zu betreten, haben wir sein Leben für immer verändert, zum Besseren. Von nun an verfügt es über eine immense Ressource.»
Es ist eine zentrale Aufgabe der öffentlichen Bibliotheken, die Bevölkerung zum Lesen zu verführen. Lesen und Schreiben sind grundlegende, unabdingbare Fähigkeiten unserer Kultur. Sie öffnen die Tore zu Wissen, Denken und sichern den Zugang zu Bildung und beruflicher Integration. Wem es nicht gelingt, einen Zugang zur Schriftkultur zu entwickeln, kann nur sehr beschränkt am Gesellschaftsleben teilnehmen. Lesen und Schreiben muss auch ausserhalb des Schulalltags ein Leben lang geübt werden. Die Bibliotheken sind dafür das am besten geeignete Trainingscenter.
Dennoch: Braucht es dazu immer noch Bücher? Lässt sich nicht alles viel einfacher mit elektronischen Medien erledigen? Offensichtlich nicht: Nach wie vor werden Bücher mit Abstand am häufigsten ausgeliehen, 700 000 waren es 2015 in der Stadtbibliothek. Diese hohe Quote ist seit Jahren konstant. Rückläufige Ausleihzahlen sehen wir nur bei CDs und DVDs. E-Books werden zwar immer beliebter, machen aber mit 36 000 Ausleihen nur gerade 3 Prozent aus, und auch im Buchhandel haben sie lediglich einen Umsatzanteil von 7 bis 8 Prozent. In der Ferienzeit allerdings schnellen die E-Books-Ausleihen in die Höhe – nicht zuletzt dank der Gewichtslimiten der Billigflieger. Entsprechend sacken die Zahlen danach gleich wieder ab.
Wenn Bibliotheken zum Lesen verführen wollen, klappt dies nur mit Büchern. Wer ein gutes Buch sucht, will «ummeluege» und stöbern können. Bücher sind grafische Wunderwerke. Die Farben, die Gestaltung, die Schrift – alles zusammen sendet die Botschaft aus: «Nimm mich, lies mich.» Man blättert im Buch, riecht das Papier, liest die erste oder die letzte Seite. (Eine Unsitte von mir, die mein persönliches Umfeld nicht immer versteht.) Die Präsentation ist dabei äusserst wichtig. Ein Cover ist weit attraktiver als ein schmaler Buchrücken.
In der renovierten Bibliothek Schmiedenhof haben wir eine «Sushi-Bar» eingerichtet: ein Rollband, auf dem eben zurückgebrachte Bücher attraktiv präsentiert werden (Bild). Das lässt sich mit den vergleichsweise unsinnlichen E-Books kaum bewerkstelligen. Nach einer Weile bekommt man das Gefühl, immer dasselbe Buch zu lesen. Die Hülle des E-Book-Readers ist immer gleich, ebenso das Schriftbild. E-Sachbücher sind – bisher – oft schlecht den Darstellungsmöglichkeiten des Readers angepasst. Schwarzweisse Bildchen oder zerhackte Tabellen büssen an Informationswert ein.


Neue Medien als Ergänzung


Jedes neue Medium weckt die Fantasie, das vorherige würde aussterben. Herr Ball steht diesbezüglich in einer langen Tradition mit all jenen, die seit Jahren das papierlose Büro kommen sehen. Das Gegenteil ist der Fall: Jedes neue Medium ist ein zusätzliches Angebot. Konnten Bibliotheken früher einfach Bücher aufstellen, kaufen sie heute von einem Roman das Buch, das Hörbuch, das E-Book, allenfalls auch die DVD und die Soundtrack-CD. Die Digitalisierung führt also nicht dazu, dass wir Analoges einsparen, sondern sie schafft zusätzliche Kosten.
Die Mönche des Klosters Einsiedeln waren bereit, ihr Leben für die Rettung ihrer wertvollen Bücher einzusetzen. Heute haben sie dafür einen Kulturgüterschutzraum. Die öffentlichen Bibliotheken schützen ein ebenso wertvolles Kulturgut: das Lesen.

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