Kabarett
«No einisch» Emil: Dieser Verlierer weint zum Lachen

Demnächst wieder im Herbsttheater: Verlierer der nationalen Wahlen werden ihre Niederlage tapfer zum Sieg reden. Einer hat das für alle längst getan: Emil. Demnächst tritt er wieder an, u.a. mit solchen Klassikern. Eine phänomenale Niederlage.

Max Dohner
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Der Schalter muss höher sein als der Beamte. Historisches Museum Luzern

Der Schalter muss höher sein als der Beamte. Historisches Museum Luzern

HO

Es gibt Plüschbären, an denen kommt keiner vorbei. Mit aller Macht zog der Enkel den Opa zum Plüschtier-Laden, gleich beim Zooeingang. Ganz entgegen Opas Plan. Der Enkel ist fünf, der Opa 82. Es war nicht einfach, sich gegen die Zugkraft des Kleinen zu stemmen. «Aber ich blieb stur», erzählt der Alte, «ich fand: Jetzt gehen wir zuerst die echten Tiere anschauen!»

Lachen Sie? Sie würden mit Sicherheit lachen, wenn Sie wüssten, wer diese Anekdote erzählte (in der Basler «TagesWoche»): Emil, «der Grandseigneur des Schweizer Kabaretts» (nochmals «TagesWoche»). Der Grossvater unseres Nationalhumors. Gäbe es den Humor, der sich an Grenzbäume klammerte, und fragte man die Schweiz, wer ihn verkörpert, dann schmetterte innerhalb des Grenzzauns alles wie aus einer Kniekehle: «Emil!»

KNIEMIL – das war jene legendäre Tournee 1977 im Nationalzirkus gewesen, als Emil nur die Manege betreten musste: Schon warf sich alles unter die Bank vor Lachen, noch vor dem ersten Satz. Und alle Akrobaten, Dompteure, Dressuraffen kauten im Schatten des Zampanos ihr hartes Brot. Nur ein Tier schien wirklich echt, um es hundertmal anzuschauen, jedes Mal von Neuem befreit, froh und verblüfft – Emil. Zum tausendsten Mal ein kirchlicher Feiertag mit sechs Buchstaben – Oktern: Daran werden wir wohl nimmer satt. Darum stimmts: An dem Plüschbären kommt nun wirklich keiner vorbei.

Öise Emil, doch kein Ethnokomiker

«No einisch» will er es wissen. Emil tritt wieder auf. Vor allem mit Klassikern, die er nie mehr hatte bieten wollen. Gegen seinen lang geäusserten Plan. Emil wollte nicht länger Emil, vielleicht nicht mal mehr Steinberger sein. Kein auf Type gepolterter Volkskomödiant, um im Hechtplatz-Prix-Walo-Pantheon zu landen wie Paul Bühlmann, Inigo Gallo und Walter Roderer.

So wie Michel Jordi die Schweizer Ethno-Uhr kreierte, so schufen Hechtplatz-Impresarios hierzulande den Ethno-Schauspieler. Eine ganze Ära wurde geprägt, gesegnet, gepeinigt von dieser Gilde. Qualitativ höchst unterschiedlich und dennoch wie ein Festensemble wirkend, mit Generationenvertrag. Auch am Fernsehen.

Das begann mit den grossen Schwarzweiss-Filmen Mitte der Fünfzigerjahre – Emil Hegetschwiler, Schaggi Streuli, Heiri Gretler, Alfred Rasser, Ruedi Walter. Und dauerte bis zum 22. August dieses Jahres, als in Wetzikon Jörg Schneider starb. Emil ist eine Figur dieser Epoche. Aber ihm gelang die Quadratur des Kreises: mit Swissness auch ausserhalb der Schweiz Fuss zu fassen. Gerade indem er das Helvetische kristallisierte wie kein Zweiter. Am Schluss glaubten Deutsche und Welsche, alle Deutschschweizer reden wie Emil. So wie alle Spanier glauben, sie seien Don Quijote. Beides sind Kunstfiguren, Emil aber bloss zur Hälfte. Das eben meint Swissness.

Mit seiner Kunstfigur lebt man mitunter länger als mit seiner biografischen Gestalt. Emil ist heute nicht bloss ein Überlebender jenes Volks-Entertainments, als Fernsehbilder noch schwarz-weiss in die Stube flimmerten; er überwand das Genre. Er arbeitete sich stur bis zum Kern von Emil vor und traf auf die kristalline Ader des Humors vieler Länder und vieler Zungen.

Chileli von Wassen steht, trotz Neat

Für kristalline Komik hatte Emil eine hierzulande ungewöhnlich feine Nase. Und den notwendigen Fleiss, die improvisiert entstandenen Teile eines Programms so lange zu feilen, schmirgeln, schleifen, bis das Programm quasi unfehlbar Wirksamkeit erzielte. Quasi unabhängig vom Publikum. An dem Punkt änderte Emil kein Jota mehr. Auch heute nicht, da Emil die alten Klassiker wieder auf die Bühne bringt.

Das Telegrafenamt ist untergegangen, der Telegrafist verschwunden. Ostern sind auch schon bald vergessen – bei Emil aber nicht totzukriegen. Nächstes Jahr wird am Gotthard die Neat eröffnet. Dann dreht sich kein Bahnfahrer mehr in Kehren ums Chileli von Wassen. Wer dann aber als Letzter trotzdem die Bergstrecke wählt, der wird unwillkürlich lachen beim Chileli von Wassen. Wie närrisch leidenschaftlich hat Emil belgischen Insassen im Zug diese Sensation nahebringen wollen! Um dann entnervt abzuwinken: «Ach, hat doch alles keinen Wert!» Bis heute steckt in dieser Bemerkung das ganze verkorkte Verhältnis der Schweiz zum Ausland.

Das neue Programm

Emil hat auf seine jungalten Tage noch einiges vor. Sein Tourneeplan ist bis Ende November voll und – nicht überraschend – manchenorts schon ausgebucht. Im Dezember gehts nach Deutschland. Im März 2016 macht er hierzulande abermals weiter. 
«No einisch» beginnt an Emils jetzigem Wohnort, in Basel (Theater Fauteuil), am 8. September. Dort bleibt er bis zum 21. Oktober. Die Zentralschweiz mit Luzern danach, Emils Herkunft, ist ausgebucht. Aufführungen in Zürich folgen Ende Oktober, weitere Stationen im Einzugsgebiet der «Nordwestschweiz» im November. Zu den Daten. (mad.)

Dieser doppelte Instinkt ist wirklich ungewöhnlich: fürs Spielerische und fürs Unabänderliche. Für das, worin das eigentliche Leben steckt, und für die Schimären, worin es sich bloss abnutzt. Im Grunde ist das ein einziger Instinkt: am Leben zu bleiben. Wo jemand Dauerhaftes zustande bringen will, muss er in der Lage sein, zu wittern, was rasch welkt und bleicht. Um dann sein Mittel dagegenzustellen.

Lachen, zum Beispiel. Oder die Liebe.

Beides war Emil vergönnt, dem Glückskind. Nicht nur vergönnt: Beides hat er in den Vordergrund gerückt, immer ein wenig mit der Haltung: Seht her, das ist mein Rezept oder gar mein Glaube. Emils Frau Niccel lernte jeder kennen in den letzten Jahren. Und das Paar als zwei-für-eins. Beiden haftet zuweilen etwas Missionarisches an fürs Lachen. «Lachen», sagt Emil oft, «verlängert das Leben.» Neugierige Menschen, schreibt er auf seiner Homepage, «leben länger». Seis drum: Emil sieht auch mit 82 noch wie Kniemil aus. Er ist und bleibt unser Dorian-Gray zwischen Nationalzirkus und der guten PTT.

Nie rang Emil mit Schlangen

Den Zirkus verwünschte er nie, geschweige denn, dass er ihn verfluchte. Emil ging zwar nach New York, angeblich, um wieder mal Nobody zu sein. Es war keine Flucht mit Pauken und Trompeten. Kein Ringen wie Laokoon gegen umschlingende Mediennattern. Emil ging einfach aus der Manege, unangekündigt und still: 1987 in Mézières. War dann jahrelang in New York. Also nicht wirklich weg.

Immer wieder tat Emil so, als tue er etwas anderes statt Emil sein: lesen, Bücher verlegen, zeichnen – eine nette Maskerade Bei welcher jeder ernsthaft nickte, die ihm trotzdem niemand abkaufte. Halb nötigte ihn das Publikum, halb liess er sich dann selber in den alten Emil zurücksinken. Tragisch wirkt das auch heute nicht. Noch immer ist das keine Marter mit Postbotenkomplex, Mutter Creszentia und Bühnen-Burnout. Mehr eine Drift: mal hierhin, mal dorthin wie bei einer Wolke.

Emil kann seine Figur nicht auflösen, sie nicht zertrümmern, solange er lebt. Die Figur war und ist er ja selber. Keine spannungsarme, aber auch keine mörderische Kooperation. Kein künstlerisch unbedingter Weg auf Messers Schneide. Gut schweizerisches Mittel halt. Und doch kein Mittelmass! Weil Emil, neben allem persönlichen Glück, eine besondere Gabe mitbekommen hat: indiskutabel komisch zu sein.

Warum hats der eine, und der andere hat es nicht? Keine Ahnung. Gäbe es auch einen Emil ohne Postschalter, Mutter Creszentia und das Chileli von Wassen? Anders gefragt: Hätte dieses Land des gedämpften Leicht- und Wahnsinns denn genug komisches Potenzial? Keine Ahnung. Ist als Frage auch nicht interessant. Beantworten Sie mir nur das: Kirchlicher Feiertag mit sechs Buchstaben . . . Sie lachen. Eben.

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