Frau Haratischwili, Sie sind in Georgien geboren, dort zur Schule gegangen, schreiben aber auf Deutsch. Wie kam das?

Nino Haratischwili: Ich ging an eine deutsche Schule. Nach dem Zerfall der Sowjetunion brach in Georgien die Wirtschaft zusammen. In Tiflis herrschten zum Teil kriegsähnliche Verhältnisse. Die Menschen verkauften ihr Hab und Gut, um zu überleben. Meiner Mutter gelang es, in Deutschland Arbeit zu finden. Ich besuchte dort die siebte und achte Klasse. Danach kehrte ich zurück, studierte aber später in Hamburg Theaterregie. Irgendwann begann ich, auf Deutsch zu denken und auch zu schreiben.

Sie haben in Tiflis schon früh ein Laientheater gegründet. Woher kam diese Liebe, Geschichten zu erfinden, und die Liebe am Spiel, an der Verwandlung?

Ich habe damit in der Pubertät angefangen, etwa im Alter von dreizehn Jahren. Als ein deutsches Schülertheater unsere Schule besuchte, fragten meine Lehrer, ob ich ein Theaterstück schreiben wolle, das wir beim Gegenbesuch in Deutschland aufführen könnten. Wir probten damals unter unmöglichen Umständen. Ständig fiel in Tiflis der Strom aus. Wir mussten mit Tausenden Kerzen die Bühne erhellen. Doch ich erfuhr es als grosses Geschenk, dass man etwas schreibt, was dann durch andere Menschen zum Leben erweckt wird. Das war vor 18 Jahren. Damals wurde das Schreiben eine ernste Sache.

Ihr letzter Roman, «Das achte Leben», wurde ein internationaler Bestseller. In Ihrem neuen Roman «Die Katze und der General» wenden Sie sich einem längst vergessenen Thema zu – den Kriegen in Tschetschenien. Wie kam es dazu?

Tschetschenien ist das Nachbarland von Georgien. Viele Menschen flüchteten während des zweiten Tschetschenienkrieges über die Berge zu uns. Doch wir wissen nichts über dieses Land. Eines Tages las ich ein Buch der 2006 ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja. Ich stiess darin auf die Geschichte einer Gruppe russischer Soldaten. Sie erhielten ein paar Tage Urlaub, den sie in der Nähe eines tschetschenischen Dorfes verbrachten. Doch sie ertrugen den kurzen Frieden nicht. Sie überfielen das Dorf und vergewaltigten und ermordeten am Ende ein siebzehnjähriges Mädchen. Diese Geschichte hat mich erschüttert und nicht mehr losgelassen.

Seit der Ermordung von Anna Politkowskaja hat sich ein grosses Schweigen über Tschetschenien ausgebreitet. Warum sollte ein Buch über Tschetschenien plötzlich auf Interesse stossen?

Es ist kein Roman über Tschetschenien. Es ist ein Buch, in dem ich mich mit Fragen von Schuld und Sühne befasse. Es geht um die Frage, wann und warum Menschen zu Tätern werden. Oder darum, ob ich selbst unter bestimmten Umständen eine Täterin werden könnte. Es ist also eine Geschichte, die genauso in Syrien, Afghanistan oder dem Georgien der Neunzigerjahre hätte angesiedelt sein können.

Ihr Roman rekonstruiert das kurze Leben des ermordeten Mädchens. Sie entschieden sich aber, die Geschichte aus der Perspektive eines Täters zu erzählen, dem seine Schuld zu schaffen macht.

Ja, mich interessierte die Frage, wie man als Täter weiterleben kann? Nur, wenn man verdrängt? Das wäre eine zu banale Antwort. In meinem Buch kommt die Tochter des von mir erfundenen Haupttäters Orlow Jahre nach dem Krieg ums Leben. Der Verlust macht ihm bewusst, was er damals im Krieg getan hat. Er will büssen. Er versucht, einen Prozess gegen sich selber in Gang zu bringen. Doch er muss begreifen, dass das System in Russland nicht will, dass man Schuldige bestraft. Denn dann müsste man auch die Frage von Schuld und Verantwortung an der Spitze des Staates stellen. Die Wahrheit aber würde die Mächtigen im Land bedrohen. Als er das verstanden hat, beschliesst er, selbst Teil des Systems zu werden – zu einem jener Oligarchen, die Russland zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Sie schonen Ihre Leser nicht. Sie schreiben über die tiefsten menschlichen Abgründe. Manche Szenen in dem Buch sind brutal bis zur Unerträglichkeit.

Ja, es gibt Kritiker, die mir Grausamkeit vorwerfen. Aber die wissen offenbar nicht, wie die Tschetschenienkriege wirklich waren. Jeden Morgen zog ich mich in mein Arbeitszimmer zurück und lieferte mich dem von mir imaginierten Grauen selbst aus. Da passierte etwas in mir und mit mir. Wenn ich da keinen Weg gehabt hätte, wieder herauszufinden, wäre ich heute ein Psychowrack. Aber ich schreibe die Realität nie schlimmer, als sie in Wirklichkeit ist.

Und wie findet man aus dem Grauen wieder in die Realität?

Ich schrieb grosse Teile des Romans in Istanbul. Mein Mann und meine kleine Tochter waren mit dort. Wenn ich nach Stunden der Arbeit am Roman durch die Tür meines Arbeitszimmers zurückkehrte in die reale Welt, kam mir sofort meine Tochter entgegen mit lachendem Gesicht. Gerade schrieb ich noch über Folter, doch sie forderte sofort: Spiel mit mir. Das hat mir geholfen.

Sie sind selbst nach Tschetschenien gereist. Ein Land, das von Chamsan Kadyrow beherrscht wird und dessen Regime zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Darunter Folter, politische Morde, das Verschwinden von Frauen. Ihre Tochter war zum Zeitpunkt der Reise acht Jahre alt. Hat niemand versucht, sie von dieser Reise abzuhalten?

Natürlich gab es heftige Diskussionen. Aber ich hatte das Gefühl, den Roman nicht schreiben zu können, wenn ich das Land nicht selbst gesehen, mit Menschen dort gesprochen habe. Andererseits war ich tatsächlich noch nie an einem Ort, an dem ich die Regeln so wenig kannte. Lange haben wir überlegt, wer mich begleiten soll. Am Ende halfen wie immer der Zufall und Freunde, die aufpassten, dass ich nicht ständig in irgendwelche «Fettnäpfchen» trat.

Vovor hatten Sie Angst?

Vor allem vor den Geschlechter-Codes. Wie verhalte ich mich als Frau? Wie muss ich mich kleiden? Ich habe während meiner gesamten Reise kein einziges Wort mit einem Mann gewechselt. Nirgends bisher schien mir die Welt zwischen Mann und Frau so strikt getrennt. Zugleich spürte ich aber die Freude der Menschen, dass überhaupt jemand zu ihnen kommt. Denn viele Besucher hat Tschetschenien nicht.

Sie leben seit Ihrem Studium in Deutschland. Haben Sie heute eigentlich einen deutschen oder einen georgischen Pass?

Ich habe inzwischen einen deutschen Pass, bin seit etwa sechs Jahren deutsche Staatsbürgerin. Auch wenn es in Deutschland Menschen mit doppelter Staatszugehörigkeit gibt, mir wurde die doppelte Staatsbürgerschaft verwehrt. Ich musste meinen georgischen Pass abgeben. Fragen Sie mich bitte nicht warum.

Sie haben mit der Zeit Ihre Muttersprache gewechselt. Hat sich damit auch Ihre Identität verändert?

Es ist nicht nur die Sprache, die dazu führt, dass sich die eigene Identität verändert. Es ist auch das Umfeld, andere Codes des Benehmens, des Umgangs der Menschen miteinander, einfach ein anderer Ablauf des Alltagslebens. Eine Erfahrung wie sie viele eingebürgerte Schweizer oder Migranten in ihrem Land in ähnlicher Form machen. Das ist aber kein bewusster Vorgang. Zu beschreiben, an welchen Punkten, bei welchen Ereignissen sich in einem selbst etwas zu verändern beginnt, fällt schwer. Es ist ein fliessender Prozess. Das Leben aber bleibt für Menschen wie mich immer ein Hin und Her zwischen den Welten, zwischen den Kulturen.

Träumen Sie in deutscher oder georgischer Sprache?

Ich träume je nach Setting des Traums. Spielt er in Georgien, träume ich georgisch. Befinde ich mich im Traum in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz, dann träume ich auf Deutsch.

Gibt es etwas, das Georgien und die Schweiz gemeinsam haben?

(lacht) Die Berge.