Theater
Nichts ist ungeheurer als der Mensch

Sebastian Nübling inszeniert im Zürcher Schiffbau «Ödipus und seine Kinder». Die Vorstellung ist gelungen, fesselt den Zuschauer über vier Stunden.

Urs Bugmann
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Aus Liebe zum Vater trägt Antigone (Lilith Stangenberg) das Kleid von Ödipus (Tim Porath). Matthias Horn

Aus Liebe zum Vater trägt Antigone (Lilith Stangenberg) das Kleid von Ödipus (Tim Porath). Matthias Horn

Die halb verblasste Schrift an der Balkonbrüstung im Hintergrund der Bühne trifft es genau: «Guided tours through this complex». Muriel Gerstner (Bühne und Kostüme) hat in die grosse Halle des Zürcher Schiffbaus eine Baustelle zwischen Aufbau und Abbruch gestellt: Eine Arena, halb Einkaufshalle, halb Museum oder Konzertsaal. Hier inszeniert Sebastian Nübling das Antiken-Projekt «Ödipus und seine Kinder», eine Besichtigung des Mythos um Ödipus nach den Stücken von Sophokles, Aischylos und Euripides.

Es beginnt mit «Ödipus auf Kolonos» von Sophokles, dem Blick auf den gebrochenen alten Ödipus, der, nach dem Mord am Vater und der Zeugung zweier Söhne und zweier Töchter, von eigener Hand geblendet, sich von seinen Töchtern Antigone und Ismene führen lässt. Fernab von den Menschen will er sterben, nur Theseus, König von Athen, soll den Ort seines Grabes kennen.

Im Weggehen verflucht Ödipus seine Söhne, prophezeit ihnen, dass sie sich im Kampf töten werden. Das erzählen «Sieben gegen Theben» und die «Phönizierinnen» von Euripides. Wie Antigone ihrem eigenen Gesetz gehorcht und ihren Bruder Polyneikes gegen das Gebot Kreons, König von Theben, vor den Toren der Stadt begräbt, das zeigt die «Antigone» von Sophokles.

Aus den antiken Königen sind im Schiffbau Manager und Staatspräsidenten geworden, die im Gleichschritt auftreten. Antigone (Lilith Stangenberg), die ihren Vater Ödipus (Tim Porath) führt, steckt im blauen Kleid und in weissen Kniestrümpfen, Ismene (Franziska Machens), das Notizbuch in der Hand, trägt dunkle Hosen und ein enges Top. Sie bewegt sich als notierende Vernunft durchs Stück. Antigone ist ihr Gegenstück: Die Liebe zum Vater lässt sie sein Kleid tragen, das ihr Schicksal wird. Sie rebelliert und löst doch ein, was vorbestimmt ist, was der Fluch von Göttern und des Vaters herbeizwingt.

Sebastian Nübling inszeniert den Mythos aus Sicht der Gegenwart. Er lässt Iokaste aus der Distanz erzählen, was Ödipus widerfahren ist, wie Antigone und Kreons Sohn Haimon den Tod finden. Die beiden Ödipussöhne Polyneikes (Patrick Güldenberg) und Eteokles (Nicola Fritzen) zeigt er von nah als zornige junge Männer, Eteokles ganz in der Gebärde des bösen Demagogen. Den Chor junger Männer und Frauen, die Einwohner Thebens, versetzt dieser satanische Jungspund in Angst und Bann. Seinen Gesten und Rufen folgen sie, sie übernehmen seinen Takt.

Der Musiker Lars Wittershagen hat die Chöre einstudiert, lässt klatschen und skandieren, durchbricht mit wildem Gerenne, mit Verknäuelungen und Auflösungen die Gleichheit und betont doch die Kraft dressierter Einheit. Musik, die zuweilen an eine Westernserie erinnert, gliedert die Handlung mehr, als dass sie sie begleitet. Die sphärischen Klänge und Orgeltöne markieren Tod und Grab.

Die Inszenierung hat einen Hang zum Episodischen, fesselt über die vier Stunden hin mit Bildern und Momenten, hält die Spannung aber mehr im Text als im Bild. Doch sie zeigt am Mythos die zeitlos aktuellen Mechanismen, die schuld daran sind, dass nichts ungeheurer ist als der Mensch.

Vorstellungen Schauspielhaus Zürich. 10. bis 18. Jan., 10. bis 17. Feb.VV 044 258 77 77, www.schauspielhaus.ch

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