Essay

Nachrichten von der Utopie

Birsfelder Jugendliche werden in der lokalen Version von «Nightwalks with Teenagers» Erwachsene spätabends auf ungewohntes Terrain führen, ihr Terrain. Paul Blakemore

Birsfelder Jugendliche werden in der lokalen Version von «Nightwalks with Teenagers» Erwachsene spätabends auf ungewohntes Terrain führen, ihr Terrain. Paul Blakemore

Mammalian Diving Reflex verteidigt mit Kunst das Recht auf eine Kindheit, die den Namen verdient.

Wie wird oder bleibt man ein eigenständiger Kopf? Was macht ein eigenständiges Leben aus? Welche Autonomiegewinne sind innerhalb von Kollektiven und Institutionen möglich? Muss man angesichts der vielen Konformitätszwänge nicht eher das Temperament des Idioten, des Narren oder des Kindes anrufen, wenn man vom Erhalt des Eigenwilligen spricht?

Um all diese Fragen geht es, wenn die kanadische Forschungs- und Performancegruppe Mammalian Diving Reflex einlädt zu ihren Ruhestörungen, in denen sich Kinder, Teenager und Erwachsene gegen die Vermessung ihrer Lebensform in Stellung bringen. Ihre künstlerischen Arbeiten sind Versuche, utopische Momente zu schaffen, die einen anderen Blick auf Kindheit ermöglichen, und das Publikum für die besonderen Rechte von Kindern zu sensibilisieren.

Für Fairness und Würde

«Kinder sind die letzte Minderheit, die wir legal diskriminieren dürfen.» Die Volkswirtin und Autorin Alison M. Watson beobachtet, dass Kindheit nicht eine Phase ist auf dem Weg zum Erwachsenwerden, sondern eine permanente soziale Kategorie: eine Klasse. Seit 1993 realisiert Mammalian Diving Reflex unter der Leitung von Darren O’Donnell, Eva Verity und Jenna Winter weltweit Projekte mit Schulen, Unternehmen, Seniorenheimen und Festivals.

Ihr Interesse gilt dem Verhältnis von Macht und Ohnmacht und Fragen zu Fairness und der Würde des Kindes. Mit überraschenden Perspektivwechseln bringt Mammalian Diving Reflex eine neue Qualität in eingespielte Beziehungen zwischen dem Einzelnen und seiner Community. Im Fokus der Projektarbeit stehen Kinder und Teenager aus Familien mit Ausgrenzungserfahrungen und die Frage, wie sich die Mittel der Kunst für eine umfassendere Vision einer demokratischen und inklusiven Gesellschaft einsetzen lassen?

Von klassischen Vermittlungsprojekten mit und von Jugendlichen wird häufig Grosses und Nützliches erwartet: mehr Sozialkompetenz, Ich-Kompetenz oder Sachkompetenz. Ausgangspunkt sind Unwissenheit und Stumpfheit und am Ende steht die Idee von einem kompetenten Kind, einem selbstsicheren Teenager und einer besseren Welt.

Erleben lassen statt anweisen

Diese Art von Vermittlungsmodellen sind eine unendliche Praxis. Sie kommen nie zur Ruhe, weil sie ihren Daseinsgrund aus einer tiefen Kluft zwischen dem Wissenden und dem Unwissenden beziehen. Tauscht man dieses grosse Gesellschaftsprojekt von einer ästhetischen Erziehung aus gegen die Idee von Arealen für ästhetische Erfahrungen, öffnen sich neue Perspektiven und experimentelle Formen für eine Praxis des produktiven Miteinanders.

In den Performances und Interventionen von Mammalian Diving Reflex bleibt der Teenager der Souverän seiner Erfahrung. Es gibt keinen Lehrer, keinen Meister, der ihm zu verstehen gibt: «Ich bin schon einen Schritt voraus!» Die Kinder und Jugendlichen lesen, träumen, erleben oder denken etwas, was sie niemand vorher angewiesen hat zu lesen, zu träumen, zu erleben oder zu denken. Denn das Wissen über Kunst oder die Welt ist keine Menge von Kenntnissen, «es ist eine Position» – wie Jean Jacques Rancière sie beschrieben hat. Diese Position ist nichts, was man besitzen oder besetzen könnte. Es ist die Offenheit für ein Abenteuer, die sich immer wieder neu erzeugt und dabei alle Gewissheiten durcheinanderwirbelt. «Nightwalks für Teenager» ist so ein Abenteuer.

Das Interesse von Künstlern an Kindern als Sujet hat eine lange Geschichte. Die Faszination für unregulierte Spontaneität und Kontrollverlust, die Idealvorstellung von Kindheit als Utopie, die Begeisterung für das Kreatürliche und Ursprüngliche, das Interesse an der informellen Dynamik ihrer Beziehungen, an Formen von Gewalt und Aggression – diese Aspekte machen das Thema Kind zu einer endlosen Matrix.

Auf der Bühne hat es Ende der 90er- Jahre einen Kippmoment gegeben: Regisseure und Choreografen begannen Stücke zu entwickeln von Kindern für Erwachsene. Alain Platel («Allemaal Indiaan»), Tim Etchells («That Night follows Day»), die Gruppe Gob Squad («Before your very Eyes»), Arpad Schilling («A Papno») oder Heiner Goebbels («When the mountain changed it’s clothing») zeigen in ihren Arbeiten, wie die Welt der Kinder und Jugendlichen von Erwachsenen definiert wird. Sie zeigen Glücksprojektionen und Spielarten der Erwachsenenherrschaft: Erziehung, Disziplin und Fürsorge.

Ironischer Teentalitarismus

Mammalian Diving Reflex sucht nach Formen für eine andere Sichtbarkeit von Kindern und Jugendlichen auf dem Kunstfeld. Und zwar nicht nur als Akteure oder Performer, sondern auch als Kritiker, Kuratoren, Forscher, Aktivisten oder Kunstproduzenten. Die Erkenntnisse und Erfahrungen, die sie dabei machen, entzünden sich in der konkreten Auseinandersetzung mit der Materialität oder dem Ephemeren der Kunst: mit Körper, Stimme, Bewegung, Raum, Sound oder – wie in den «Nightwalks» – den Räumen einer Stadt.

Für die Ruhrtriennale 2016 entwickelte Mammalian Diving Reflex gerade die multikulturelle Teenager-Republik Teentalitarismus, in der sich Jugendliche selbstironisch zu Experten eines emanzipatorischen Milieus machen. Sie erklären Erwachsenen das Internet, animieren ein Festival, die Realität zwischen Kuratoren, Künstlern und Publikum neu zu denken, laden ein zu Streifzügen durch unbekanntes Terrain, besetzen öffentliche Räume, um ihre Idee von Kunst zu zelebrieren: Es ist unser Territorium. Es sind unsere Regeln. Wir haben die Macht. Wird jemand nervös? Die Pointe dieser Teenager-Republik liegt darin, dass ein gesellschaftliches Phänomen, das seit einigen Jahren eher mit der bürgerlichen Elite assoziiert wird, vor einem linksutopischen Horizont neu durchdacht wird.

Viele Familien, die den staatlichen Familien misstrauen, nehmen ihre Kinder aus öffentlichen Kindergärten und Schulen, lassen sie in privaten Internaten oder internationalen Privatschulen unterrichten und ziehen sich aus den institutionellen Zusammenhängen des Staates zurück. Grossstädte und Metropolregionen, wo es bei zunehmender kultureller Diversität immer häufiger zu Konflikten zwischen Kulturen und Religionen kommt, sind bevorzugte Milieus für diese Tendenz zur Separation.

Die Teens haben ihre Enklave gut sichtbar auf dem Vorplatz der Bochumer Jahrhunderthalle, dem zentralen Spielort der Ruhrtriennale, gegründet. Ihre idealer Staat en miniature hat alles, was es zum Leben braucht: eine Bühne, eine Bar, eine soziale Charta und ein breites, plurales Publikum. Ihr Staat im Staat erinnert uns daran, dass die Spielregeln für eine egalitäre und unabhängige Öffentlichkeit gemeinsam von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gestaltet und erprobt werden müssen. Nur zusammen sind sie etwas Wirkliches.

Der Gründer und Impulsgeber des Kollektivs, Darren O’Donnell, ist Essayist, Bühnenautor, Regisseur, Bühnenbildner und Performer. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und Bücher über künstlerische Formen der Teilhabe, darunter: «Social Acupuncture» (2006). Ihn interessieren Umbruchsituationen, in denen feste Identitätsbilder zu wackeln beginnen. Seit dem Frühjahr dieses Jahres lebt und arbeitet er in Hemsbach, einer Kleinstadt im Rhein-Neckar-Gebiet, wo in den letzten Monaten etwa 3000 Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Die lokale Bürgerschaft reagierte auf den Einbruch der neuen Wirklichkeit zunächst mit sozialem Engagement, ehe auf spürbare Weise deutlich wird, wie tiefgreifend die Verschiebungen der Migration das Zusammenleben der kleinstädtischen Gemeinschaft verändern.

Auf Initiative des regionalen Kulturbüros bezieht Mammalian Diving Reflex in einem der Flüchtlingsunterkünfte Quartier. Gemeinsam mit den Neu-Deutschen entsteht hier auf engstem Raum ein kreatives Echtzeit-Labor für eine der grössten Herausforderungen in der Geschichte der Bundesrepublik. In ersten Pilotprojekten wird das Thema Migration politisch, sozial und künstlerisch auf seine Chance hin befragt: Was bedeutet die Ankunft der Geflüchteten für die regionale Identität? Welche kulturellen Codes müssen erlernt werden? Was bedeuten die globalen Bewegungen für den Alltag im Mikrokosmos einer traditionsreichen, ländlichen Kleinstadt?

Wer schützt Omrans Rechte?

Wie wichtig Projekte wie das «Hemsbacher Protocol», «Teentalitarismus» oder «Nightwalks für Teenager» sind, hat uns kürzlich das Bild eines Kindes vor Augen geführt. Es ist das Bild eines Kindes auf dem Klappsitz eines Ambulanzwagens. Apathisch, blutend, von Staub bedeckt. Der fünfjährige Omran hat der Schlacht um Aleppo ein Gesicht gegeben. In den sozialen Medien wurde es über Nacht zu einer Ikone, in der sich die Komplexität von Krieg und Krise auf einen Moment verdichtete.

Doch wer fragt hier nach der Würde des Kindes? Wer schützt im Namen des Kindes das Recht am eigenen Bild? Hier setzt die Arbeit von Mammalian Diving Reflex an. Sie duldet keine Diskriminierung und Entrechtung von Kindern, fordert neue normative Mindeststandards und leistet Widerstand gegen eines der gewaltsamsten Projekte der Moderne: das Kind als letzte legale Minderheit. Und schlimmer noch: Das traumatisierte Opfer-Kind als Spiegel und Projektionsfläche unserer Ängste.

« Nightwalks with Teenagers » von Mammalian Diving Reflex am 8. und 9. September 2016, ab Jugendhaus Lavater.

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