Kaserne Basel

Mutiger Start in die Ära von Sandro Lunin

Die Ära von Sandro Lunin startet mit einem starken Text, unverständlichen Songs und einer singenden Vagina

Die Erwartungen sind hoch, die Spannung gross: Die Kaserne Basel startet mit einem Mini-Festival in die Ära von Sandro Lunin. «Kaserne Globâle» heisst das Format, das Produktionen und Kollaborationen auf einer Nord-Süd-Achse, von Berlin über Kairo bis Kapstadt nach Basel bringt (Ausgabe vom 20. September).

Die neue Leitung gibt mit dem dichten Programm eine Visitenkarte ab. Die für viele Theatergänger unbekannten Namen werden die Zukunft der Kaserne mitprägen. Nun ist erstmals zu sehen, was damit gemeint ist, Theater, Tanz und Musik aus dem Weltsüden in Basel zu etablieren.

Lunin betonte an der Eröffnung am Dienstag, dass es für ihn darum geht, diese neuen Horizonte lustvoll und mit Freude am Diskurs zu entdecken. Sein langjähriger Weggefährte, der südafrikanische Choreograf Boyzie Cekwana, sagte es in seiner Rede so: «Die Kollaboration über Kontinente hinweg macht die Festungen porös, welche die westlichen Länder um ihren Reichtum herum errichten. Die Kollaboration von uns Künstlern ist in eine andere Zukunft gerichtet. Es geht darum, dass wir vielleicht Freunde werden können.»

Ein theatralisches Kleinod

«Kaserne Globâle» steckt die Bandbreite an Formen und Themen ab, die mit solchen Kollaborationen gemeint sind. Da ist zum Beispiel die südafrikanische Schriftstellerin und Performerin Stacy Hardy. Sie arbeitet für ihr «Museum of Lungs» erstmals mit der ägyptischen Regisseurin Laila Soliman zusammen. Ihr Auftritt wird begleitet von der ägyptischen Musikerin Nancy Mounir und dem südafrikanischen Komponisten Neo Muyanga. Ihre stumme Mitspielerin ist eine Puppe, die der Basler Marius Korb kreiert hat.

Hardys «Museum der Lungen» ist eine düstere Geschichte. Die zierliche 45-Jährige ist 2006 an latenter Tuberkulose erkrankt. Es dauerte jedoch acht Jahre, geprägt von unzähligen Untersuchungen, Besuchen bei Spezialisten und dem Verlust einer Beziehung bis die Ärzte eine klare Diagnose stellten.

Hardy verschränkt ihre Erfahrung mit der Geschichte der Tuberkulose in Südafrika. Ins Land gebracht wurde sie von den Kolonialherren. Die europäische Tb-Kranken suchten an den vom Wind erfrischten Küsten des Südens Linderung, steckten aber vor allem die einheimische Bevölkerung an. Seither ist Tb in Südafrika vor allem eine Krankheit der Schwarzen.

Was bedeutet es, dass Hardy als Weisse nun daran leidet? Liegt es an ihren Urahnen, einem Sklavenhalter und einer Sklavin? Spiegelt sich in ihrer Erfahrung der Umgang einer kapitalistischen und rassistischen Gesellschaft mit Krankheit?

Solche Fragestellungen können leicht in einen kopflastigen Diskurs abgleiten. Dass dies hier nicht der Fall ist, hat gleich mehrere Gründe: Da ist Hardys luzide, zärtliche Sprache. Ihre zurückhaltende, so selbstverständliche wirkende Art, sehr Persönliches vor Publikum zu sagen. Da ist ihr Alter Ego, die auseinandernehmbare Puppe, die seltsame Distanz schafft. Da sind die Schattenspiele und die leise fliessende Musik, die «Museum of Lungs» zu einem theatralischen Kleinod machen.

Inhalt vor formaler Spielerei

Noch am selben Abend steht eine andere Vertreterin des südafrikanischen Theaters auf der Bühne der Kaserne, die Performerin und Sängerin Hlengiwe Lushaba. Gemeinsam mit dem kongolesischen Choreografen Faustin Linyekula zeigt sie die Uraufführung von «Not Another Diva...».

Begleitet von einer Tänzerin und fünf Musikern umkreisen ihre Songs die Frage, was eine afrikanische Diva jenseits von Glitter und Glamour sein könnte. Der Sound ist energiegeladen und treibend, Lushabas Stimme die Stimme des Ur-Blues, die Einlagen der Tänzerin Johanna Tshabalala von enormer Kraft.

Und doch springt der Funke nicht richtig aufs Publikum über. Das liegt einerseits daran, dass wir die Songs nicht verstehen. Dieses Manko machen auch das Programmheft und die nachgeschobene Erzählung in Englisch nicht wett. Andererseits entsteht der Eindruck, das Stück sei noch im Entstehen. Das Unperfekte ist jedoch gerade das Interessante an dieser Arbeit.

Die Produktion zeigt, dass die Begegnung von europäischem Publikum mit Theater aus dem Weltsüden gar nicht so einfach ist. Die sprachlichen Hindernisse könnten in diesem Fall mit Übertitelung beseitigt werden. Aber bis wir alle Codes, die in den Bewegungen, Worten und Klängen angelegt sind, lesen können, wird es dauern.

Es wird klar, dass für diese Künstlerinnen Inhalt vor formaler Spielerei steht. Es kündet von existenzieller Dringlichkeit, wenn sie am Ende «We want freedom» singen. Für unsere mit Ironie und zuweilen Zynismus durchsetzten Sehgewohnheiten klingt das irritierend pathetisch.

Das Bad der Ironie

Zu einem wahren Bad der Ironie lädt die dritte Eröffnungsproduktion im Roxy Birsfelden. In und um einen aufblasbaren White Cube verhandeln die vier Performerinnen des Kollektivs Henrike Iglesias ihre Sexualität im Spiegel von Porno. Der Name des spanischen Sängers ist ironisches Programm. Die vier jungen Frauen stammen jedoch aus Berlin und Basel und haben bereits ein beachtliches Portefeuille vorzuweisen.

Die virtuos gemixte Tonspur nimmt das Publikum über Kopfhörer wahr, was Distanz zum Geschehen schafft. Die vier Frauen, Plastiktops, Flukati- oder Boa-Jacken tragend, drehen 13 Porno-Clips, deren Titel an die echten Vorlagen erinnern: «Die gefesselte Hausfrau», «Birthday Porn» oder «Durchgenommen auf der Waschmaschine».

Die Pornoversionen spielen mit Erwartung und Voyeurismus. Schnell wird jedoch klar, dass hier etwas ganz anderes verhandelt wird. Nämlich die Frage, wie wir angesichts der Pornografie mit Sexualität, mit unseren unperfekten Körpern und sexuellen Träumen umgehen. Inklusive Kritik am Patriarchat, das hier in Form einer Dildo-Krake nur eines im Sinn hat: möglichst alle Löcher penetrieren.

Die Frauen aber wollen anderes: Sie feiern ihren Mösengeruch, nehmen Klitoris-Unterricht und fragen, ob nicht auch der lange Blick in die Augen bereits eine Form von Sex ist. Zum Höhepunkt zeigt eine der Frauen, wie ihre Vagina singen kann. Das ist witzig gemacht. Ein leichtfüssiger und kluger Beitrag.

Das Fazit

Das Fazit dieser ersten beiden Abende von «Kaserne Globâle»: Der neuntägige Reigen von Uraufführungen zeugt von Risikobereitschaft. Jede Premiere birgt Überraschungen, auch für die Veranstalter. Sie schlagen sich somit nicht auf die sichere Seite, sondern wagen etwas und setzen ein Statement für die Kaserne als Ort der Produktion und des Experiments.
Zweitens: Die Auseinandersetzung mit Künstlern aus dem Süden wird uns noch viele anregende Diskussionen bescheren. Und drittens: Frauen bestreiten den Auftakt in die Ära Lunin. Auch das ist ein Statement.

«Kaserne Globâle», bis 6. Oktober. www.kaserne-basel.ch.

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