Die Welt steht Kopf. Nicht nur sprichwörtlich wachsen die Bäume auf der Kleinen Bühne des Theater Basel vom Himmel zur Erde. Das kleine Mädchen Tiffany möchte sich lieber von der zwielichtigen Räuberbande kidnappen lassen, als vom tollpatschig-schwerfälligen Gendarmen ins Waisenhaus gesteckt zu werden. Um ihrem Schicksal zu entkommen, tut sie das Allerunwahrscheinlichste und erreicht damit, was niemand für möglich hielt.

In dem sie mit den drei Anarchos gemeinsame Sache macht, schafft sie die noch viel dunklere Seite der Macht zu stürzen. Die ultrafiese, böse Tante (herrlich schrullig gespielt von Wiebke Frost), die mit sadistischer Freude die Kinder in ihrem Waisenhaus quält, landet am Ende im Ofen und die drei Räuber, die selbst einmal aus dem Waisenhaus geflohen sind, werden zu Befreiern und Wohltätern. Ein Lehrstück der Diplomatie? Die Geschichte des beliebten Bilderbuchs von Tomi Ungerer aus dem Jahr 1961 könnte man als Sinnbild dafür sehen, dass es sich lohnt, gegen das System zu rebellieren. Oder man geniesst einfach die von der Regisseurin Daniel Kranz inszenierte, schrill-überzeichnete Märchenwelt, die sich an den Illustrationen sowie am Animationsfilm von Hayo Freitag orientiert und am vergangenen Freitag Premiere hatte, in lässige Popklänge getaucht von Fabian Chiquet, Joël Fonsegrive und Victor Moser.

Mit Gänsehaut-Garantie

Die drei Mitglieder der Band «The Bianca Story» haben für die Produktion eigens neue Songs geschrieben, die auf den Film- und Buchtexten basieren. Mit groovigem Sprechgesang und ins Ohr gehenden Melodien, gespielt von einer vierköpfigen Live-Band, nimmt die komisch-tragische Geschichte ihren rasanten Verlauf. Neben Ensemblemitgliedern sind überwiegend Jugendliche als Räuber und Waisenkinder auf der Bühne. Ihre Spielfreude wirkt ansteckend. Allen voran überzeugt Julia Minssen, die eine wunderbar selbstbewusste und spitzbübische Tiffany gibt. Mit grenzenloser Fantasie und Zuversicht weiss sie sich zu behaupten. Ihr Vater sei ein wohlhabender Maharadscha, macht sie die drei «schrecklichen Kerle» glauben. Er würde für ihre Freilassung eine ganze Menge Lösegeld zahlen.

So viel Mut und Draufgängertum können nur Kinder. Einmal in der Höhle angekommen, stellt sie dann das in Routinen festgefahrene Räuberleben auf den Kopf, erweicht die harten Herzen und bringt etwas in Gang. «Du fragst die ganze Zeit» und «Wir tun was uns gefällt» singen sie halb genervt, halb stolz auf ihre Anarcho-Welt und sie antwortet vorwitzig «Fragen habt ihr nie gestellt». Das ist der stärkste Song, nah am eingängigen Musical-Groove und mit Gänsehaut-Garantie. Auch menschlich ist diese Interaktion der berührende Kern dieses Stücks, das durch seine witzig-leichte Verspieltheit überzeugt ohne dabei harmlos zu sein.

Ab morgen zahlreiche Vorstellungen für Schulklassen und Familien