«In mir streiten sich die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers, aber nur das zweite drängt mich zum Schreibtisch.» So endet das Gedicht «Schlechte Zeit für Lyrik», das Bertolt Brecht 1939 im dänischen Exil verfasste. Auch heute, in Zeiten der Hurrikan-Katastrophen und Flüchtlingswellen, zieht sich jener Streit in die Länge. Wie soll Kunst auf Krisen reagieren? Welche Rolle spielt sie in unserer Gesellschaft?

An einer Podiumsdiskussion am Sonntag wurde zum Abschluss des Kunstfestivals «Guck mal, Günther, Kunst» in Lenzburg diesen Fragen nachgegangen. Diskutierende waren Ute Sengebusch, eine Basler Schauspielerin und Regisseurin, René Frauchiger, ein Berner Journalist und Autor, und Füsun Ipek, eine türkisch-ungarische Freelance-Künstlerin, Lehrerin und Kuratorin. Nach Ipek zeigt und teilt die Kunst Horizonte, und zwar nicht nur neue Horizonte, sondern auch ältere, vergessene oder solche, die wir schon seit langem ausblenden. Für Frauchiger liegt der Aufgabenbereich der Kunst darin, deren Rolle selbst herauszufinden und zu definieren. Er verglich den Journalistenberuf mit dem Autorenberuf: Im Journalismus sei die Form des Endproduktes von Anfang an gegeben, der Autor müsse aber diese Form noch finden.

Kann aber Kunst noch frei sein, wenn sie einer bestimmten Aufgabe unterliegt? Auf die Arbeit des Moskauer Künstlers Alexander Estis, die am Festival ausgestellt war, wurde hingewiesen. Der Künstler hatte nämlich Zeitungsartikel mit Zeichnungen übermalt, um die Kunst wortwörtlich in den Vordergrund zu drängen. Ipek war dagegen pragmatisch: Es störe sie nicht, wenn die Kunst ganz nach Kant einen höheren Sinn haben muss. Die absolute Freiheit des Künstlers mache das Kunstwerk nicht automatisch interessanter. Auch Kunst um der reinen Schönheit Willen, fügte Frauchiger hinzu, sei heutzutage nicht mehr genügend. Schönheit habe nämlich immer etwas Konservatives, Kunst dagegen habe die dämonische Aufgabe, aus diesem Kreis auszubrechen.

Weiterhin wurde gefragt, ob es Künstler der Gesellschaft schuldig sind, eine politische Meinung in ihren Werken zu vertreten? Eine eigene Ansicht ist für Sengebusch notwendig, um von etwas Künstlerischem ausgehen zu können. Zudem betonte sie, dass es für alle Menschen, nicht nur für Künstler, wichtig sei, eigene Überzeugungen zu haben. Frauchiger war hier skeptischer: Drücke der Künstler seine Ansicht zu klar aus, werde die ganze Sache nur noch banal oder sogar propagandistisch. Der Zweifel sei für ihn das Zentrale an der Kunst. Ausserdem kritisierte Sengebusch die Idee der «gesellschaftspolitischen Themen». Frauchiger befürwortete dies: Die Kunst sei immer politisch, da der Mensch politisch ist. Ipek hingegen, die aus zwei aktuellen Krisenländern kommt, beschäftigt sich in ihrer Kunst ungern mit dem politischen Aktivismus, da sie, wie sie sagt, ihre Ruhe wieder finden möchte. Ob Kunst überhaupt apolitisch sein kann, ist zu bestreiten. Denn selbst die Verweigerung eines Statements ist ein Statement.