Der Name ist Programm – und verheissungsvoll: «Plateforme 10». So heisst der neue Museumskomplex in Lausanne. Gleich beim Bahnhof. Drei Lausanner Museen erhalten hier ein neues Domizil, die Stadt eine Kulturmeile mit öffentlichem Platz und Kunstinteressierte ein neues Ziel für Ausflüge. Einzigartig für die Schweiz sei das Konzept von «Plateforme 10» auf 25'000 Quadratmetern, schwärmen die Verantwortlichen in der Waadtländer Hauptstadt.

Der Augenschein vor Ort Anfang der Woche stand nicht gerade unter günstigen Voraussetzungen: Nebel und Nieselregen, Baustellendreck und Abschrankungen dominieren. Nein, flanieren lässt sich noch nicht. Immerhin ein erster Bau steht: der langgezogene Körper für das Musée cantonal des Beaux-Arts. Die hohe, schmale Kiste mit ihrer Fassade aus beigen Backsteinen wirkt von weitem wie eine Lokomotiven-Halle oder ein Industriebetrieb. Gegen die Geleise zeigt der Bau eine geschlossene Mauer – unterbrochen nur von einem monumentalen Rundbogen-Fenster, das die Erinnerung an die alten Bahnhofbauten weckt. Auf der Gegenseite aber lassen gebäudehohe Pfeiler Platz für grosse Fenster und verglaste Eingangstüren. Hier wird der neue Platz entstehen: als Treffpunkt, mit Allee-Cafés und Shops unter den alten Arkaden, die das Terrain gegen die höher gelegene Stadt abstützen.

Kiste und Würfel

Der Bau des spanischen Büros Barozzi/Veiga wirkt von aussen fertig, gehört innen aber noch ganz den Bauarbeitern. Bis Ende März müssen sie all das einbauen, was ein Kunstmuseum an Technik und Infrastruktur braucht. «Aber am 6. April ist Schlüsselübergabe – dann zeigen wir der Bevölkerung und allen Interessierten nach acht Jahren Planen und Bauen das neue Museum.» Das sagte im eiskalten Erdgeschoss-Saal Olivier Steiner, Präsident der Lausanner Museums-Stiftung. Erst danach wird das Museumsteam unter Direktor Bernard Fibicher das Gebäude in Beschlag nehmen, einrichten, Kunst hängen. Am 5. Oktober 2019 ist dann wirklich Eröffnung mit der Ausstellung, «Atlas – Cartographie du don», einer Präsentation der Sammlung mit dem Fokus auf Werke, die Mäzene dem Museum geschenkt haben.

Platz und Umgebung werden aber auch im Oktober 2019 noch nach Baustelle aussehen, wird am Ende des Platzes doch auch für das berühmte Fotomuseum, Musée de l’Elysée und das mudac (Museum für Design) ein Neubau nach Plänen der portugiesischen Architekten Aires Mateus erstellt. Der Würfel mit seinen expressiven, diagonalen Einschnitten bildet einen reizvollen Kontrast zum schlichten Backstein-Riegel des Kunstmuseums. «Elysée und mudac werden 2021 eröffnet», wie Regierungsrat Pascal Broulis erklärte. Dann werden auch die alten Bahnarkaden, die den Platz abschliessen, zu kleinen Shops, Cafés, Treffpunkten umgebaut. Die «Plateforme 10» soll dannzumal als Ganzes Lausanne zu einem Ziel für Kunstinteressierte machen – «auch für solche aus der Deutschschweiz», wie Regierungsrätin Cesla Amarelle die Ambitionen umschreibt. Der Kanton Waadt lässt sich zusammen mit der Stadt, und unterstützt von zahlreichen Firmen und Stiftungen, den Museumskomplex 180 Millionen Franken kosten. «Budget und Bau sind im Plan», betont Finanzminister Broulis. Ebenso die Planung für den Betrieb. Die Programme für 2019 und 2020 präsentierte Direktor Bernard Fibicher bereits en détail.

Grosse Welt und Einheimisches

Sein Ausstellungskonzept für das neue Kunstmuseum ist keine Neuerfindung, aber durchdacht. Drei Fünftel der Ausstellungsfläche bekommt die hochkarätige, nicht nur regionale Sammlung. Sie will Fibicher permanent, aber nicht starr, sondern im steten Wechsel und als Dialog von Alt und Neu zeigen. Drei grosse Sonderausstellungen pro Jahr sind geplant: jeweils ein Blockbuster (2020: Wien um 1900 mit Klimt, Schiele, Kokokschka), eine Schau mit Waadtländer Fokus und eine internationale Position (2020: die US-Amerikanerin Kiki Smith). Dazu gibt es einen Projektraum für zeitgenössische Kunst und einen «espace dossier» für einzelne Künstler und Vertiefendes aus der Sammlung. Und ganz besonders: 2025, das weiss der Direktor jetzt schon, wird Lausanne seinen berühmtesten Malersohn Félix Vallotton gross feiern. Anlass ist der 100. Todestag.

Zum Start am 5. Oktober aber soll das ganze Haus der Sammlung und ihren Förderern gehören. Zur Eröffnung kann Fibicher gar ein ganz besonderes Geschenk präsentieren: Die international auf bestem Niveau agierende Lausanner Galeristin Alice Pauli hat dem Museum hochkarätige Werke von zeitgenössischen Künstlern wie Giuseppe Penone, Anselm Kiefer und Rebecca Horn geschenkt. Ihre Begründung im aktuellen Journal des neuen Museumskomplexes: Solche Kunst brauche eine Plattform, verdiene einen Auftritt in einer öffentlichen Institution. Ein gutes Omen für «Plateforme 10».