Müsterchen aus über 12 000 Melodien

Wo Männer noch wahre Führungskräfte sind.

Lenzburgiade

Wo Männer noch wahre Führungskräfte sind.

Während oben auf dem Schloss neben Klassik von Brahms und Schubert Volksmusik aus Österreich und Ungarn gespielt wurde, waren am Freitagabend im Städtchen Schweizer Melodien Trumpf, die schon unsere Urgrosseltern beglückt hatten.

Rosmarie Mehlin

Festlich gestimmt sassen die nicht mehr ganz jungen Zuhörerinnen und Zuhörer im Lenzburger Gemeindesaal an langen Tischen vor Süssmost, Mineral, Bier, vereinzelt auch vor einem Gläschen Wein - die meisten ganz offensichtlich eingeschworene Kenner der Materie und Fangemeinde der Hanneli-Musig. Respektive letztendlich von jener Frau, deren Namen und Vermächtnis die sechsköpfige Formation sich zu eigen gemacht hat.

Die Liestalerin Hanny Christen (1899-1976) hatte auf der Suche nach Melodien unser ganzes Land durchwandert, Volksmusik aus allen Regionen zusammengetragen und niedergeschrieben. Darob allseits bestens bekannt war sie liebevoll «Musighanneli» genannt worden. Nach ihrem Tod hatte ihre Sammlung unbeachtet im Keller der Uni-Bibliothek Basel geschlummert, bis vor wenigen Jahren ein Trüppchen Fachleute unter Leitung des Komponisten, Cellisten und Bratschisten Fabian Müller sie wachgeküsst, die Sammlung von über 12 000 Melodien geordnet und 2002 in einer zehnbändigen Anthologie veröffentlicht hatte.

Während diese zehn BändE, zusammen stolze 17 Kilo schwer, auf einem Tisch ausgebreitet lagen, spielten auf der Bühne des Gemeindesaals sechs Musiker - fast jeder auf mehreren Instrumenten - eine abwechslungsreiche, spannende Auswahl aus Hanny Christens Sammlung. Geige, Bratsche, Saxofon, Schwyzerörgeli, Klarinette, Flöte, Cello, Gitarre, kleine Schlagwerke kamen zum Einsatz; Walzer und Schottisch, Polka und Galopp ertönten, aber zwischendurch auch mal eine Allemande und ein Rondo.

Die Mienen der Zuhörer liessen keinerlei Zweifel darüber aufkommen, dass Volksmusik eine ernste Angelegenheit ist. Daran änderte auch die launige Moderation des Violinisten Johannes Schmid-Kunz nichts. Immerhin gelang es ihm, nach einer knappen halben Konzertstunde, ein erstes Tanzpaar aufs Parkett vor der Bühne zu locken. Ein zweites folgte und ein drittes sogleich. Der Bann war gebrochen und nun flogen lange Jupes unter gekonnten Volkstanzdrehungen, aber auch über klassischen Walzerschritten. Und siehe da: Es gibt tatsächlich noch Männer, die nicht nur Konzerne führen können, sondern auch Frauen so, wie wir es mögen - im Zwei-, Drei- oder Viervierteltakt.

Das Tanzvergnügen wurde vorübergehend abgelöst vom Spass eines ganz besonderen Wunschkonzerts: Der oder die Wünschende musste zwei Zahlen nennen. Mit der ersten wurde einer der zehn Bände der Anthologie gewählt, mit der zweiten eine Seite daraus und damit die dort niedergeschriebene Melodie - eine Art «blind date»-Wunschkonzert» also. Als Erstes kam dabei «Der kleine Postillon», ein Schottisch aus der Sammlung «Tänze aus dem Fricktal» heraus, gefolgt von der «Krausköpfchen-Polka» aus dem Unterengadin, einer «Allemande et Rondo» aus der Waadt und einem Greyerzer «Tanzliebchen». Nachdem ein paar gluschtige Meringues den Weg alles Irdischen gegangen waren und nach einer weiteren lüpfigen Runde mit nunmehr dichtem Gedränge auf der Tanzfläche begann sich der Saal langsam, aber sicher zu leeren.

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