Kunst
Monet, van Gogh und Gauguin machen die grosse japanische Welle

Ohne Inspiration aus Japan wäre die europäische Kunstgeschichte anders verlaufen.

Sabine Altorfer
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Vincent van Gogh malte «Père Tanguy» 1887 vor seiner eigenen Sammlung mit japanischen Holzschnitten.

Vincent van Gogh malte «Père Tanguy» 1887 vor seiner eigenen Sammlung mit japanischen Holzschnitten.

Krause & Johansen

Bin ich da richtig? Da steht eine riesige bemalte Vase, dahinter eine üppige, leere Holzvitrine, kunstvoll geschreinert zwar. Aber im Kunsthaus? Doch, es geht um Gegensätze, auch schon im ersten Gemälde. Es ist ein fantastisches Bildnis von Vincent van Gogh. Da sitzt der «Père Tanguy» im dunklen Kittel mit hellem Hut und blickt uns treuherzig an. Hinter seinem Rücken aber tummeln sich japanische Damen, leuchtet der heilige Berg Fuji, schimmert ein See.

Zwei Welten lässt van Gogh hier aufeinanderprallen: zum einen seine Pariser Gegenwart mit seinem Farbenlieferanten und zum anderen die ferne Traumwelt Japan, für die Tanguy wie der Maler schwärmten. Van Gogh sammelte japanische Farbholzschnitte, nutzte sie aber nicht nur als Staffage, sondern liess sich von Motiven, wie vom flächigen Stil und den klar begrenzten Farbflächen in seinem Werk stark beeinflussen. Das beweist der «Sämann» mit der Sonnenscheibe oder der «Park von Saint Denis». Van Gogh wäre ohne diese fernöstliche Inspiration nicht der grosse van Gogh geworden.

Er war nicht der Einzige: Auch Claude Monet, Henri Toulouse-Lautrec, Paul Gauguin, Gustave Courbet oder Henri Matisse waren Japan-Fans. Die (europäische) Kunstgeschichte wäre anders verlaufen, wenn sie dem Einfluss Japans nicht erlegen wären. Das ist die Erkenntnis aus dem Rundgang im Kunsthaus Zürich. So klar, aber auch so umfassend, so einleuchtend und mit so hervorragenden Exponaten wurde uns das noch nie vor Augen geführt.

Monets Seerosen

Die Seerosen-Bilder von Claude Monet sind der Inbegriff für impressionistische – europäische – Malerei und sie gehören weltweit zu den Publikumslieblingen. Sie werden auch hier als malerischer Höhpunkt grosszügig zelebriert. Zum Glück hat Monet Dutzende davon gemalt. Und dazu Dutzende weitere Ansichten seines Gartens in Giverny. Den Garten liess er sich 1893 nach japanischem Vorbild bauen, inklusive Seerosenteich und Bogenbrücklein, und bestückte ihn mit Pflanzen aus Japan.

Monets Japan-Schwärmerei mutet auf den ersten Blick seltsam an: War der Maler doch nie ins ferne Land gereist und gab es zu seiner Zeit noch nicht die Bilderflut im Internet oder Fernsehen. Inspiration erfolgte damals noch handfest und analog.

Claude Monet hätte seine Seerosen oder Chrysanthemen nicht in so ungewohnter Aufsicht, nicht so flächig und dekorativ über die grossen Bildflächen verteilt, hätte er nicht japanische Holzschnitte gekannt. Er hat sie leidenschaftlich gesammelt, bereits als Sechzehnjähriger habe er in einem Kuriositätenladen in Le Havre seinen ersten Holzschnitt entdeckt, behauptete er.

Was er, van Gogh oder auch der grosse Bildhauer Auguste Rodin, genau gesammelt haben: Im Katalog ist es erforscht und in der Ausstellung sind manche der Originalholzschnitte – sie alleine würden die Reise nach Zürich lohnen – ihren Sammlungen zugewiesen. Die Quellen dafür fanden sie in Paris – und nicht mehr nur in Kuriositätenläden. Denn Paris war Ende des 19. Jahrhunderts im Japan-Fieber.

Das Japan-Fieber

Erreger dieses Fiebers war die Öffnung Japans nach 200 Jahren Abschottung. An den Weltausstellungen 1867 und 1878 in Paris müssen die japanischen Keramiken, Lackarbeiten, Seidenstoffe und die Holzschnitte eine Sensation gewesen sein. Hokusai, Hiroshige und Eisen sind die klingenden Namen, deren Farbholzschnitte mit ihrer klaren, ja fast kargen Formensprache bezaubern, die mit ihrer Flächigkeit, mit Asymmetrie und ihrer vereinfachten und doch kraftvollen Darstellung punkten.

Sie haben nicht nur Toulouse-Lautrecs berühmte Plakate direkt beeinflusst, sondern eben auch die Maler. Gustave Courbets Wellen wären ohne Hokusai und Edgar Degas’ Frauen bei der Toilette ohne die Geisha-Schönheiten von Kitagawa Utamaro nicht denkbar. Und hätte Paul Gauguin den Mut gefunden, seine Bretoninnen so flächig zu malen und sie frech aus dem Bild zu rücken, ohne Vorbilder? Auch die berühmten Glasvasen von Émile Gallé wurden dank japanisch inspirierter Leichtigkeit stilbildend für das Kunsthandwerk um 1900.

Gegen vierhundert Werke legen Zeugnis ab von einem Dialog über die Kulturgrenzen, der beglückt. Ist er doch nicht kolonialistisch, sondern von Bewunderung und gegenseitiger Achtung geprägt.

Picassos erotisches Kabinett

Zeitlich aus dem Rahmen fällt das letzte (nicht jugendfreie) Kabinett: Picasso hat seine Sammlung erotischer Darstellungen aus Japan nicht nur gerne seinen Freunden gezeigt, sondern sie in den 1960er-Jahren nahe an der Vorlage in Radierungen umgesetzt.

Von Picasso angeregt, landet man im Extrashop und kann hier nicht nur Kataloge und Karten kaufen, sondern auch japanische Schälchen oder einen Chrysanthemen-Schirm à la Monet. Sollen wir das banal finden? Ach was, erinnert sei an James Tissots Bild am Anfang der Ausstellung, das junge Frauen der Pariser Haute-Volée zeigt, die 1869 verzückt japanische Objekte in einem Geschäft bestaunen. Kunst und Geschäft, Garten und Eros, West und Ost sind hier friedlich vereint.

Monet Gauguin, van Gogh ... Inspiration Japan. Kunsthaus Zürich, bis 10. Mai.

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