Literatur
Mit Spott überlebt

Hans Magnus Enzensberger erzählt in 106 Anekdoten von Kindheit, Jugend und Studium – mit feinem Schalk.

Hansruedi Kugler
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Was für ein Schelm! Hans Magnus Enzensberger, einer der legendären deutschen Nachkriegslinken, ist noch mit 89 Jahren ein fabelhafter Formulierungskünstler und ein charmanter, völlig unabhängiger Kopf. Es ist das reine Vergnügen, diese Anekdoten aus seiner Kindheit, Jugend und Studienzeit zu lesen. Da sind die persönlichen Erlebnisse, die der 1929 in Nürnberg geborene und im freiheitlichen Elternhaus aufgewachsene Knabe immerzu mit der Familiengeschichte, mit der Weimarer Republik, der Nazizeit, mit Nachkriegsdeutschland verknüpft.

Man kann die Anekdoten als Geschichtsbuch lesen. Die Erzählhaltung ist von so heiterer Gelassenheit, wie sie einem in Deutschland selten begegnet. Es ist ein Erinnerungsbuch, das das Lebensfreudige des Autors, das ohne jeden Moralismus auskommt, in der spielerischen Gestaltung übernimmt. Zu jeder der 106 Anekdoten ist ein Foto, eine Illustration, ein Dokument gestellt.

Historisch klarsichtig

Um seine Biografie hat Enzensberger bisher wenig Aufhebens gemacht. Umso überraschender ist nun dieses persönliche, aber immerzu mit feinem Spott verfasste Buch. Wie um zu beweisen, dass es Deutsche gibt, die trotz ihrer grässlichen Geschichte politisch und historisch klarsichtig und gleichzeitig davon nicht traumatisiert, verbittert oder neurotisch geworden sind. Zu dieser Haltung gelangt Enzensberger, der sich im Buch immerzu M. nennt, schon als Student in der Nachkriegszeit: «M. war auf dem besten Wege, ein hoffnungsloser Deutschland-Neurotiker zu werden, einer von denen, die sich dazu berufen glauben, die eigene Nation Mores zu lehren. Als er endlich einsah, dass es kein Beruf ist, Deutscher zu sein, zog er fort und hielt sich längere Zeit unter anderen Leuten auf. Diese Flucht, wenn es eine war, erwies sich als heilsam.»

Enzensberger ist sich aber auch der Konstruktion der Erinnerung bewusst. Die Erinnerung ist unzuverlässig, die Anekdote eine mögliche Annäherung an die Wahrheit – ohne Garantie. Aber er habe weder Lust zur akribischen Tagebuch-Autobiografie noch an der deutschen Tradition des Bildungsromans weiterzustricken, schreibt er.

Notorischer Besserwisser

Unverblümt berichtet er über sich: Als Knabe habe er seine jüngeren Brüder geplagt, war ein hoch intelligenter, notorischer Besserwisser. Er schildert, wie er als Schwarzhändler zum Zigarettenmillionär und zum eitlen Geck wurde, dann Dolmetscher für die amerikanischen und britischen Besatzer. Am Ende dieses Buches ist er ein fauler Student, der sich zwischen Vorlesungen in Germanistik, Psychiatrie und Philosophie zum Doktortitel mogelt. Enzensberger wird hier zum Typus, der sich immer wieder den Zumutungen der Zeitgeschichte entziehen konnte: Der Hitlerjugend, dem Krieg und später allen falschen Autoritäten.

Aber er stiehlt sich nicht aus der Geschichte heraus. Die zerbombten Städte findet er als Jugendlicher einen tollen Spielplatz, und die paar Jahre Chaos nach dem Kriegsende beschreibt er als Zeit der grossen Freiheit. Er zieht ein selbstkritisches Fazit: «Den Preis, den die meisten dafür zu zahlen hatten, ihre Not, ihre Angst, ihre Verwirrung, vergisst M. oft eigens zu erwähnen, und so finden seine Erzählungen wenig Zustimmung. Wegen seiner moralischen Mängel und wegen seines Leichtsinns ist er oft getadelt worden.»

Enzensbergers Erinnerungsbuch ist voller grandioser Passagen. Eine der besten: Als er sich als kleiner Junge in Nürnberg zwischen den Stiefeln einer Menschenmenge durchwindet, sieht er nach einer Motorrad-Kolonne einen kleinen Mann im offenen Auto vorbeifahren: Adolf Hitler. M. sei enttäuscht gewesen: «Ihm war so, als hätte man ihm zu Weihnachtsabend ein verheissungsvolles Paket geschenkt und es wäre nur Holzwolle darin gewesen.»