«mehrlebenswert»

Mit Herzlichkeit zum grossen Werk

Runde Sache: Der Wangenrieder Künstler Reto Bärtschi mit seinem 23-jährigen «Gehilfen» Benjamin Abgottspon. Hansjörg Sahli

Künstler

Runde Sache: Der Wangenrieder Künstler Reto Bärtschi mit seinem 23-jährigen «Gehilfen» Benjamin Abgottspon. Hansjörg Sahli

Nächstes Jahr feiert die Pro Infirmis des Kantons Bern ihr 75-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass wurde das Projekt «mehrlebenswert» ins Leben gerufen. 20 namhafte Künstler erschaffen mit behinderten Menschen Kunstobjekte, welche nächstes Jahr verschiedene Ausstellungen durchlaufen und am Schluss zugunsten der Organisation versteigert werden.

Natalie Brügger

Mittwochnachmittag in den Hallen der Schwarz AG in Herzogenbuchsee. Der Wangenrieder Künstler Reto Bärtschi und der 23-jährige Benjamin Abgottspon arbeiten an den letzten Details ihres Werkes. Rund um die beiden wird normal gearbeitet. Eine grosse Metallscheibe mit verschiedenartigen, aufgeschweissten Objekten steht auf einer Staffelei und glänzt in der herbstlichen Sonne. Benjamin Abgottspon ist mit Trisomie 21 - umgangssprachlich als «Down-Syndrom» bekannt - zur Welt gekommen. Voller Eifer werkelt er am neu entstandenen Kunstwerk.

«Die Arbeit mit Beni macht Spass»

«Die Anfrage von Pro Infirmis kam vor rund einem Jahr», erzählt Reto Bärtschi. Für den Kunstagogen war es eine Selbstverständlichkeit, bei dem Projekt mitzumachen. «Die Arbeit mit Beni macht riesig viel Spass», so der Wangenrieder lachend, «obwohl es viel zu diskutieren gab.» Die Herzlichkeit zwischen den beiden ist spür- und sehbar.

Eine Umarmung hier, ein Schulterklopfen dort. Die Vertrautheit rührt auch von früheren Begegnungen. «Ich arbeite seit drei Jahren mit Beni zusammen», verrät Reto Bärtschi. Er hilft dem aufgestellten Behinderten jeweils bei seinem Werk für den Jugendkulturtag im Heilpädagogischen Zentrum im Entlebuch, wo Benjamin Abgottspon lebt.

Das neue Kunstwerk sei nicht nur nach seinen Ideen entstanden, betont Bärtschi. Er fügt schmunzelnd an: «Es ist eher umgekehrt. Bei den meisten Entscheidungen hat sich Beni durchgesetzt.» So wurde schon die Form des neuen Stückes heiss diskutiert. Als sich Beni, nachdem man zuerst ein Viereck bevorzugt hatte, nun doch für einen Kreis begeisterte, wurde dieser Wunsch umgesetzt.

Mehr zu reden gab ein ausgeschnittenes Metallstück, welches in der Endform zum Kreis herausragt. Ebenfalls eine Idee von Benjamin Abgottspon. «Meine Arbeiten sind eigentlich in sich abgeschlossen, aber langsam beginne ich, die Ecke zu mögen», so Bärtschi.

Im technischen Ablauf der Arbeitsweise hat sich trotz der Behinderung von Benjamin Abgottspon nichts verändert. Die Arbeiten in den Hallen der Schwarz AG, in denen Reto Bärtschi auch andere Exponate bearbeitet, dauerten rund zwei Tage. Was noch folgt, erledigt die Natur. Wie bei Bärtschis Arbeiten üblich, gibt der Rost dem Werk den letzten Schliff. So sollte die Scheibe bis zur ersten Ausstellung am 31. Januar des nächsten Jahres vollendet sein.

Lampenfieber

Begleitet wird Benjamin Abgottspon von seinem vertrauten Betreuer Thomas Bucher. Er hilft vor allem über Kommunikationsschwierigkeiten hinweg und ist auch sonst in allen Belangen für seinen Schützling da. So wird zum Beispiel mittels gestützter Kommunikation - Beni kann sich mithilfe einer speziellen Tastatur und einem Computer besser ausdrücken - das Erlebte besprochen. «Beni hat sich riesig auf dieses Projekt gefreut.

Als wir im Juni erfuhren, dass er daran teilnehmen kann, haben wir das Logo auf den Wochenplan geklebt. Kurz bevor wir abgefahren sind, war Beni so nervös, dass er nicht mehr mitkommen wollte - er hatte richtiges Lampenfieber.» Mit alltäglichen Abläufen, etwa einem Tänzchen sowie etwas Schokolade und Kaffee, konnte dem Neo-Künstler die Nervosität aber genommen werden.

Am Donnerstag ist davon nichts mehr zu spüren. Morgens war bereits das Fernsehen der Organisation da, nachmittags folgen Radio und Printmedien. Benjamin Abgottspon lächelt in Kameras und gibt enthusiastisch Interviews. «Wie ein Profi», sagt Bärtschi lächelnd und geht zurück, um seinem Mitarbeiter zu helfen, der Moderatorin von Radio 32 das Werk zu erklären.

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